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Sumelocenna lebt auf

An der Uni Tübingen entsteht derzeit ein digitales Modell des römischen Rottenburg

Ein wissenschaftlich fundiertes, digitales 3-D-Modell von Sumelocenna entsteht im eScience-Center der Uni Tübingen. Die Ergebnisse sollen im römischen Museum gezeigt werden.

20.08.2014
  • Frank Rumpel

An der Uni Tübingen entsteht ein 3D-Modell des römischen Rottenburg

© Video: eScience-Center der Universität Tübingen 02:00 min

Tübingen/Rottenburg. Im Römischen Stadtmuseum steht zwar die längste nördlich der Alpen gefundene Latrine, doch wie die antike Stadt drumherum ausgesehen hat, ist nicht ganz klar. Es gibt nicht allzu viele archäologische Funde aus dieser Zeit, die Aufschluss geben. Entsprechend ambitioniert klingt das Projekt von Matthias Lang, dem Koordinator des vor einem Jahr im Rahmen der Exzellenz-Initiative an der Uni Tübingen gegründeten eScience-Centers. „Wir wollen das römische Rottenburg so rekonstruieren, dass es für Museumsbesucher eine gewisse Veranschaulichung liefert“, sagt Lang, der von Haus aus Archäologe ist und sich seit Jahren mit virtuellen 3-D-Modellen beschäftigt.

Die meisten der 14 Studierenden in seinem Seminar sind Archäologen. Es ist kein Pflichtkurs. Aber die Berufschancen, sagt Lang, „steigen ganz erheblich, wenn man sich schon mal mit dem Thema beschäftigt hat“. Denn die Sehgewohnheiten von Museumsbesuchern haben sich in den vergangenen Jahren geändert. Dioramen oder Holzmodelle seien nicht mehr das, was die Leute erwarten, sagt der 37-Jährige, der zuvor an der Uni Göttingen arbeitete. Im Gegensatz zu herkömmlichen Präsentationsmöglichkeiten seien 3-D-Modelle hochdynamisch. Eine Stadt und ihre Gebäude können da aus allen Perspektiven betrachtet werden.

An der Uni Tübingen entsteht derzeit ein digitales Modell des römischen Rottenburg
Römisch-Rottenburg 3D: Ein Tempel, der im damaligen Sakralbezirk beim heutigen Gefängnis stand, ist bis hin zu den Wasserflecken so gut wie fertig. Bild: Lang

Nachdem sich die Studierenden in die Technik eingearbeitet haben, gibt es bereits erste Resultate. Eine Basilika – also eine zentrale Handelseinrichtung – ist weit gediehen und bis hin zu den Säulenkapitellen ausgearbeitet. Ein Tempel, der im damaligen Sakralbezirk beim heutigen Gefängnis stand, ist bis hin zu den Wasserflecken auf der Außenmauer so gut wie fertig, die römische Stadtmauer muss noch wachsen. „Wir sind kein Animationsstudio“, dämpft Lang zu hohe Erwartungen an die Ästhetik.

Die Römer bauten sehr standadisiert

Grundlage für die Rekonstruktion der römischen Stadt sind die von Langs Kollegin Dieta Svoboda digitalisierten und aufbereiteten Grabungspläne, die das Landesdenkmalamt bereitstellte. Darauf sind die Grundrisse der durch Funde belegten Bauten eingezeichnet. Viel ist es nicht. Das Halbrund der Stadtmauer und die Lage einzelner Gebäude sind markiert. Abgesehen vom römischen Bad unter dem Eugen-Bolz-Gymnasium und der benachbarten Latrine fehlt es an großen, öffentlichen Bauten. „Die wird es aber gegeben haben“, sagt Lang. Also schauten sich die Studierenden in Rottweil, Ladenburg und Wimpfen um, wo mehr ausgegraben wurde. „Die Römer“, sagt Lang, „neigten dazu, sehr standardisiert zu bauen.“ Deshalb könne man mit solchen Vergleichen aus Details auf große Anlagen schließen, „ohne gleich Gefahr zu laufen, in Phantasterei zu enden“.

An der Uni Tübingen entsteht derzeit ein digitales Modell des römischen Rottenburg
Matthias Lang, Archäologe an der Uni Tübingen Bild: Rumpel

Dennoch werde jedes Detail besprochen. „Wenn eine Gruppe in ihrem Modell ein Fenster einbaut, muss sie nachweisen, woher sie das hat“, sagt Lang. Zudem müssen die Gebäude so genau wie möglich auf eventuell vorhandene und im Stadtplan eingezeichnete Grundrisse passen. Das gilt für das Bad, aber auch für den gallorömischen Umgangstempel – eine spezielle Tempelform, die es laut Lang nur nördlich der Alpen gab.

Die durch Funde belegten Gebäude werden in der Präsentation so markiert, dass sie von jenen, die aus anderen Quellen rekonstruiert wurden, zu unterscheiden sind. „Es ist wichtig zu sehen, wie sich Rekon struktion und Phantasie zueinander verhalten“, sagt Lang. Die digitale Basilika fußt zwar auf archäologischen Plänen aus Ladenburg. Wo diese zentrale Einrichtung allerdings in Rottenburg gestanden haben mag, können die Archäologen nur vermuten: „Irgendwo in der Mitte.“ Ähnliches gilt für so genannte Streifenhäuser an den Ausfallstraßen, in denen normale Bürger wohnten. Gefunden wurden sie in Rottenburg nicht. „Es muss sie aber gegeben haben“, sagt Lang.

Innenräume gestaltet die Gruppe vorerst nicht. „Das kann man später ergänzen“, sagt der Projektleiter. Auch die Landschaft haben die Studierenden nicht gestaltet. Das gehe zu sehr in Richtung Computerspielästhetik, und die lenke vom Wesentlichen ab. Ab Herbst, so vermutet Lang, können die Ergebnisse im Römischen Museum Rottenburg gezeigt werden. In welcher Form, das steht noch nicht fest. Eine Präsentation sei für die Studierenden wichtig, damit sie nicht für die Schublade produzieren. „Der Arbeitsaufwand“, sagt Lang, „ist schon gewaltig.“

Das im Rahmen der Exzellenz-Initiative gegründete und zunächst für fünf Jahre finanzierte eScience-Center arbeitet interdisziplinär. Forscher können sich an das Center wenden, um Projekte beispielsweise für weitere Forschung oder auch für Präsentationen digital zu bearbeiten.

Für ein Projekt, wie die Rekonstruktion des römischen Rottenburg ist das leicht nachvollziehbar. Anwenden lässt sich die Technik aber auch auf Texte. „Die können wir in beliebiger Tiefe erschließen“, sagt Mattias Lang, Koordinator des Centers, das derzeit sechs Mitarbeiter hat. So arbeitet das Team etwa an den Tagebuchaufzeichnungen eines frühen Orientreisenden und Forschers, digitalisiert sie, verknüpft sie mit Fotos und Karten, versieht sie mit Links zu weiteren Forschungsergebnissen und Literatur.
„Vieles, was produziert wird, ist ja in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar“, sagt Lang. Ihm gehe es darum, Dinge einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bei einem derart bearbeiteten Text und dessen verschiedenen Erschließungsebenen „kann jeder entscheiden, wie tief er einsteigen will“.

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20.08.2014, 12:00 Uhr

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