Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Jeder konnte es wissen

André Gueudin überlebte Zwangsarbeit und KZ

Im Herzen, sagt er, ist er ein Wannweiler. André Gueudin kam als französischer Zwangsarbeiter an die Echaz. Drei Monate vor Kriegsende steckten ihn die Nazis ins KZ Bisingen. 1947 kam er der Liebe wegen zurück und blieb. Jetzt berichtete der 84-Jährige in der Gemeindebücherei.

11.11.2005
  • Matthias Reichert

1942 brauchten die Nazis Rüstungsarbeiter. Aus dem besetzten Frankreich wurden Hunderttausende deportiert. Darunter André Gueudin. Er war mit vier Geschwistern in einem Pariser Bezirk aufgewachsen. Auf zwei Aufforderungen, in Deutschland zu arbeiten, reagierte der gelernte Autokaufmann nicht.

Bis zu einem folgenschweren Kinobesuch: Über die Leinwand flimmerte die Wochenschau, deutsche Feldgendarmen und französische Polizisten kontrollierten die Besucher. Gueudin wurde festgenommen. „Wenn ich nicht als Zwangsdeportierter arbeiten würde, drohten sie, sich an meiner Familie zu rächen.“ Mit einem Zug voll Zwangsarbeiter aus Holland, Belgien, Frankreich kam er nach Untertürkheim.

Die erste Woche verbrachten sie in einer Baracke am Bahnhof. Sie arbeiteten bei Daimler-Benz in der Produktion von Flugzeugmotoren. Gueudin kam in ein Lager bei Sillenbuch. „Im Wald – nur für Franzosen.“ Sie lebten in schwedischen Holzhütten, bekamen monatlich Lebensmittelkarten. „Damit konnte man nicht viel kaufen – nur Butter und Käse.“ Im Frühjahr 1943 wurde Stuttgart bombardiert. Die Produktion wurde in die Wannweiler Spinnerei von Richard Burkhardt ausgelagert. Die Zwangsarbeiter quartierte man in Baracken am Sportplatz ein, Gueudin erlebte hasserfüllte Schikanen. In dieser Zeit lernte er seine spätere Frau Klara Reichert kennen, ihre Eltern verkauften Lebensmittel.

Drei Monate vor Kriegsende fanden die Nazis bei einer Razzia Messer, Gabel und Kaffeelöffel in seinem Koffer. „Sie sagten, das hätte ich gestohlen.“ Mit dem Lastwagen karrten sie ihn ins KZ Bisingen. „Wie bei einem Prozess“ wurden die Personalien erfasst. Häftlinge in Holzschuhen wollten nicht sagen, weshalb sie hier waren. Auch Deutsche: „Feine Menschen. Intellektuelle. Pfarrer, Lehrer.“

Sie mussten acht Stunden am Tag Ölschiefer abbauen. „Männer, die nicht laufen konnten, wurden liquidiert.“ Die SS bewachte das eingezäunte Lager. Man hörte Maschinengewehrsalven. Es gab wenig Essen – Suppe, Brot. „Die sanitären Einrichtungen waren eine Katastrophe.“ Als die Franzosen einmarschierten, zog die SS ab. Viele Gefangene hätten sie mitgeschleppt: „Wer nicht lief, wurde liquidiert.“

Gueudin entkam, gelangte per Güterzug nach Tübingen. „Mit der Häftlings-Nummer konnte ich mich nicht sehen lassen.“ Nachts lief er zu seinen späteren Schwiegereltern. Zunächst kehrte er nach Paris zurück. Dort informierte ihn Fabrikant Burkhardt, der die Wannweiler Familie unterstützte, seine spätere Frau erwarte ein Kind von ihm.

Er durfte erst wieder einreisen, als er die Genehmigung kriegte, in Baiersbronn Holz zu schlagen. Schließlich stand er vor der Wiege seiner 15 Monate alten Tochter Margarete. „Da sagte ich mir: Also gut, ich bleibe hier.“ Die ersten anderthalb Jahre ohne Papiere – sie fanden Unterstützer, doch manche Einheimischen machten ihnen das Leben schwer. Darüber spricht Gueudin ungern.

Erst 1966 erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit, viel später 7500 Euro Entschädigung für die Zwangsarbeit. Heute ist er in fünf Vereinen aktiv, engagiert sich für die Partnerschaft mit dem französischen Mably. Seine Frau Klara ist vor einigen Jahren gestorben. Sohn Richard war bis zum Ruhestand Lehrer. Gueudin hat acht Enkel und zehn Urenkel.

Was ihn heute noch aufregt: „Viele in Balingen sagen, sie hätten nichts gewusst. Dabei ist die SS jeden Morgen zum Bäcker und zum Metzger. Die Leute mussten sich doch fragen, warum die jeden Tag 50 Kilo Fleisch kauften.“ Ein französisches Foto dokumentiert, wie nach dem Krieg zur Eröffnung des Friedhofs Honoratioren an offenen Särgen vorbeidefilierten. 1158 KZ-Opfer sind dort beerdigt. „Da kann doch niemand sagen: ’Wir haben nichts gewusst.’“

André Gueudin überlebte Zwangsarbeit und KZ
André Gueudin.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.11.2005, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball