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Ohne Wichmanns keine Demokratie

Andreas Dresen über die Kamera als Konfliktschlichter

Einer der profiliertesten deutschen Filmregisseure lockte am Samstag 40 Leute ins Kino Arsenal, die nach dem Film den Gast noch mehr als eine Stunde lang löcherten. Gezeigt wurde Dresens Doku „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“, Teil zwei einer Langzeitbeobachtung des teilweise absurden Alltags eines brandenburgischen Provinzpolitikers

11.09.2012
  • Klaus-Peter Eichele

Herr Dresen, Tübingen hat einen der hoffnungsvollsten Grünen-Politiker als Oberbürgermeister. Wäre das eine reizvolle Filmfigur für Sie, oder interessieren Sie sich nur für die Typen aus der dritten Reihe?

Naja, am Thema Politik habe ich mich jetzt erst einmal abgearbeitet. Außerdem glaube ich, dass ein Film über Politiker, die in der ersten Reihe sitzen, nicht halb so spannend ist, weil die einen viel kontrollierteren Umgang mit den Medien haben, als es bei einem politischen Underdog wie Wichmann der Fall ist. Für mich ist er eine Art Don Quijote: Er versucht das Unmögliche – und scheitert dann an an ganz vielen Punkten. Das war schon im ersten Film so, als er als damals 24-jähriger Youngster in einen aussichtslosen Wahlkampf gegen ein SPD-Urgestein gezogen ist. Er ist jeden Tag rund um die Uhr unterwegs gewesen, und hat das CDU-Ergebnis letzten Endes um ein Prozent verbessert. Einmal stand er stundenlang an seinem Stand, ohne dass sich auch nur ein Bürger dafür interessiert hätte. Aber wenn es solche Leute nicht gäbe, dann gäbe es auch keine Demokratie.

Was erzählt der zweite Wichmann-Film über Politik, was im ersten nicht vorkam?

2009 ist Wichmann als Nachrücker in den Landtag eingezogen. Der Plan war, die Arbeit eines Abgeordneten im Lauf eines parlamentarischen Jahres zu zeigen, und dadurch auch zu erzählen, wie Demokratie im Alltag funktioniert. Ursprünglich hatte ich die Illusion, dass Wichmann vielleicht den Bau einer Brücke in der Uckermark anschiebt, und am Ende des Films rücken dann die Bagger an. Mittlerweile habe ich gelernt, dass so etwas 15 bis 20 Jahre dauert. Mir war überhaupt nicht klar, dass es im politischen Wahlkreis-Alltag vor allem um Winzigkeiten geht. Manche Bürger sehen in ihrem Abgeordneten eine Art Hausmeister, das ging bis zum tropfenden Wasserhahn, um den sich Wichmann kümmern sollte. Dabei wissen die meisten nicht einmal, welcher Partei er angehört.

Klingt ein bisschen ostig.

Ich habe bei meiner Kinotour einige Regionalpolitiker auch aus westlichen Bundesländern kennen gelernt, und alle sagen, dass sich das, was ich im Film zeige, mit ihrer Alltagserfahrung deckt. Die ist in dieser politischen Sphäre fast immer eine skurrile.

Ist Wichmann wirklich so ein rastloser Rackerer an der Basis, wie der Film ihn zeigt?

Ich habe jede Woche seinen Terminkalender gekriegt, und der war immer voll. Der Mann läuft wirklich 12 bis 14 Stunden am Tag auf höchster Betriebstemperatur. Ich musste ihn oft festhalten, damit er uns nicht schon wieder davonrennt. Ich glaube, der Film gibt ein authentisches Bild, immer mit dem Abstrich, dass Dokumentarfilm Realität plus Kamera ist. Wobei Wichmann beim Drehen eigentlich immer er selbst blieb, nicht aber in jedem Fall sein Umfeld: Dass es im Konflikt um den scheuen Schreiadler und dem Neubau eines Radwegs einen Kompromiss gab, ist wohl auch der Anwesenheit der Kamera zu verdanken.

Einige Kritiker haben den Film als bitterböse Realsatire wahrgenommen, andere im Gegenteil als Verbeugung vor dem Beruf des Politikers.

Ich halte grundsätzlich nichts davon, die Figuren, von den ich erzähle, zu demontieren oder mich über sie zu erheben. Das hat etwas mit Respekt zu tun. Würde ich aus Wichmann eine Witzfigur machen, wäre das nach zehn Minuten langweilig. Ich habe mich in beiden Filmen bemüht, ihn und seine Arbeit Ernst zu nehmen. Dass die Situationen, in die er reingerät, manchmal absurd und zum Brüllen komisch sind, ist davon unbenommen.

Und wenn er mal nicht so gut dasteht, ist ihm das egal?

Er hatte nach jedem Drehtag eine Frist von 48 Stunden, in denen er Szenen sperren lassen konnte. Von dieser Möglichkeit hat er nie Gebrauch gemacht. Als er den fertigen Film gesehen hat, hat ihm manches natürlich nicht gefallen; zum Beispiel die eine Szene im Landtag, wo er wie ein Rüpel auftritt. Aber er sieht das sportlich: Im Lauf eines Jahres tritt man eben auch mal ins Fettnäpfchen.

Im Gegensatz zu Wichmann kommen die Wähler im Film schlecht weg. Manche zetern auf Bildzeitungsniveau über Politiker. Soll der Film auch Politiker vor dem Volk in Schutz nehmen?

So weit würde ich nicht gehen, aber mir ist schon aufgefallen, dass sehr viele schlichte Klischees über Politiker kursieren. In Bürgerrunden musste sich Wichmann oft anhören, dass sich Politiker sowieso nur einig sind, wenn es um ihre Diäten geht, und dass sie sich die Sorgen Wähler nie anhören würden. Dabei saß ihr Abgeordneter genau deswegen vor ihnen. Viele Wähler sind mit der Politik nur einverstanden, wenn ihre eigenen Wünsche erfüllt werden. In Berlin wollen alle, dass der Flughafen endlich fertig wird, aber natürlich dürfen die Flugzeuge nicht übers eigene Haus fliegen. Je nachdem, wie man als Politiker entscheidet, wird man von der Hälfte der Bevölkerung gehasst.

In einer Szene rechnet Wichmann mosernden Bürgern vor, dass er nicht mehr verdient als ein Hartz-IV-Empfänger. Haben Sie das mal nachgerechnet?

Ihm bleiben nach Abzug von Steuern und Abgaben für die Partei 1500 Euro im Monat. Das ist nicht viel für eine fünfköpfige Familie. Ich weiß, dass er ständig im Dispo hängt. Für eine Wahlkreistour hat er auf eigene Kosten einen Flyer drucken lassen. Dafür wurde der Familie der Urlaub gestrichen.

Warum kommen eigentlich keine Neonazis im Film vor?

Wir sind im ganzen Jahr keinen begegnet. Die Uckermark und halb Brandenburg als No-Go-Area ist eine sehr zugespitzte Mediendarstellung. Es gibt natürlich Neonazis, aber es ist nicht so, dass einem ständig braune Horden über den Weg laufen.

Was macht er in zehn Jahren, wenn Sie vielleicht einen dritten Film über ihn herausbringen werden?

Keine Ahnung, ob es einen dritten Film geben wird. Wenn Wichmann mal in eine Position kommen sollte, in der er tatsächlich Macht hat, vielleicht als Minister, könnte das interessant werden. Ich weiß aber wirklich nicht, ob er das schafft und ob ich ihm das überhaupt wünschen soll. Ich habe das Gefühl, dass ihm fehlt, was Machtpolitiker auszeichnet: Killerinstinkt und Intriganten-Gen.

Andreas Dresen über die Kamera als Konfliktschlichter
Will seine Figuren nicht demontieren: Andreas Dresen.

Krebs in der Mitte des Lebens, Sex im hohen Alter, der Überlebenskampf der Unterschicht – es sind meistens heikle Themen, die der noch in der DDR ausgebildete Filmemacher Andreas Dresen anpackt. Das Erstaunliche ist, dass sich das Publikum davon nicht verdrießen lässt. Einige seiner Filme wie „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ oder „Wolke 9“ waren veritable Hits an der Kinokasse. Zuletzt wurde sein Sterbedrama „Halt auf freier Strecke“ mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Aktuell läuft „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“ im Kino, eine so witzige wie aufschlussreiche Doku über den Alltag eines CDU-Provinzpolitikers in Brandenburg.

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11.09.2012, 12:00 Uhr

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