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Arbeitslos trotz Spitzennoten

Angehende Gymnasiallehrer bangen um ihre Existenz

Sie sind bestens ausgebildet und können mit ihren Leistungsziffern glänzen: Dennoch werden die meisten Referendare, die ihre Ausbildung am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Tübingen absolviert haben, Ende des Monats in die Arbeitslosigkeit entlassen.

05.07.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen. Ein Referendar Mitte 30, der anonym bleiben möchte, bangt noch, ob er eingestellt oder arbeitslos wird. Dass es schlecht ausgehen könnte, versucht der Vater von zwei Kindern zu verdrängen. Nach einer anderen Ausbildung und längerer Berufstätigkeit hat er das Abi nachgemacht und studiert. Er möchte unbedingt Lehrer werden und hat sich deshalb für ganz Baden-Württemberg beworben. Nun hofft er, „dass der Berufswunsch in Erfüllung geht“. Eine 27-jährige Referendarin, die ihren Namen ebenfalls nicht nennen möchte, beschreibt das Gefühl, „Bittsteller“ zu sein: „Man ist ausgeliefert, wartet und wartet.“

„Wir bilden exzellente Leute aus, die keine Stelle bekommen“, sagt Prof. Lothar Bösing. Seit Frühjahr leitet der frühere Vize das Lehrer-Seminar. Erst vor anderthalb Jahren, als die Referendare ihren Vorbereitungsdienst antraten, begann sich abzuzeichnen, dass ihre Aussichten schlecht sein werden. Doch: „Das Prinzip Hoffnung war noch da“, sagt Bösing. Diese Hoffnung ist zerstoben (siehe Infokasten unten).

Die miesen Berufsaussichten des diesjährigen Gymnasiallehrernachwuchses sind eine Folge des doppelten Abiturjahrgangs, der jetzt die Gymnasien verlassen hat. Dadurch brauchen die Schulen weniger Personal. „Trotz eines leichten Anstiegs der Schülerzahlen in Klassenstufe 5“, so heißt es aus dem Stuttgarter Kultusministerium, ergebe sich im kommenden Schuljahr „ein rechnerischer Überhang an Lehrerstellen“ an den Gymnasien.

Auch ein anderer Fakt hat die Situation dieser Gymnasiallehrer/innen verschlechtert. Die Absenkung des Klassenteilers im vergangenen Schuljahr habe zu einem „hohen zusätzlichen Bedarf“ geführt, erklärt das Ministerium. Dafür waren „auch Neustellen geschaffen“ worden. Doch die sind längst vergeben. Die 27-Jährige ärgert sich, „dass nicht weiter gedacht“ wurde: „Wir haben unser Bestes gegeben, und das wird jetzt nicht gewürdigt.“

All diejenigen, die trotz exzellenter Noten noch ohne Stelle sind, trösten die Erklärungen aus dem Ministerium nicht. „Man wird nur als Zahl behandelt, nicht als Mensch“, sagt die 27-Jährige über ihre Erfahrungen mit der Kultusbürokratie. Es werde „auch von guten Mathematiklehrkräften vermehrt eine größere räumliche Mobilität erwartet, um eine Einstellung zu erreichen“, sagt eine Ministeriums-Sprecherin nüchtern. Sätze wie diese schmerzen. Die Referendare vermissen Einfühlungsvermögen. Sie und ihre Belange würden auch bei der Forderung nach Flexibilität nicht beachtet, kritisiert die 27-Jährige: „Viele haben Kinder.“ Sie hätte es vorgezogen, wenn es in Baden-Württemberg wie in anderen Bundesländern vor der Referendarzeit einen NC gäbe. So kommt die Zulassungsbeschränkung erst nach der 18-monatigen Ausbildung.

Der Sparzwang wirkt sich auf die Stellen aus

Sich bei künftigen Einstellungsterminen immer wieder neu auf eine Stelle am Gymnasium zu bewerben, ist für die aktuellen Absolventen kein aussichtsreicher Weg. Denn „rückgehende Schülerzahlen und die Zwänge der Haushaltskonsolidierung werden in den kommenden Jahren nicht spurlos an der Lehrereinstellung vorübergehen können“, sagt eine Sprecherin von Kultusministerin Gabriele Warminski-Leitheußer auf TAGBLATT-Anfrage.

Die Ausbilder und die Seminar-Leitung fühlen mit den Absolventen, die mit ihrem Abschluss als Assessoren des Lehramts in Baden-Württemberg nun nichts anfangen können. In den letzten fünf Jahren, sagt Bösing, seien viele „mit nicht so tollem Schnitt eingestellt worden“ – als Beamte bis zum Sankt-Nimmerleinstag. In Bayern gibt es Leistungsgrenzen. Mit der Note 3,5 bekommt niemand einen Schuljob.

In Baden-Württemberg gehen sogar Referendare mit bester Leistung leer aus. Einige von ihnen bewerben sich an Privatschulen, einige in anderen Bundesländern, manche versuchen, bei Schulbuchverlagen unterzukommen. „Wir verlieren hervorragend ausgebildete Lehrer“, bedauert der Seminarleiter. Da sei „die Politik gefragt“, sagt Bösing. „Der Staat verschenkt Ressourcen“, hält der Referendar dem Land vor.

Lesen Sie dazu auch das Übrigens am Donnerstag in der gedruckten Ausgabe des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS.

Angehende Gymnasiallehrer bangen um ihre Existenz
Immer wieder werden Referendare nach der Ausbildung aus dem Staatsdienst entlassen, weil es Engpässe bei den Lehrerstellen gibt. In diesem Jahr trifft es die Gymnasiallehrer. Eltern setzten sich bei den Protesten gegen die Bildungspolitik, wie hier vor vier Jahren auf dem Tübinger Marktplatz, auch für mehr Lehrer/innen ein.

Die Fakten, die erst gegen Ende der Ausbildung nach und nach herauskamen, machen Hoffnungen zunichte. Für die rund 260 Tübinger Absolventen gibt es im Regierungsbezirk gerade einmal 68 Stellen – davon nur 23 an Gymnasien. 27 Bewerber/innen werden für drei Jahre an Realschulen abgeordnet und 18 an Berufliche Schulen, um die angespannte Lage dort zu verbessern.
Von landesweit 730 neuen Gymnasiallehrer(inne)n sollen 150 für drei Jahre an Realschulen und 100 an Berufliche Schulen gehen. Weitere 60 Stellen aus dem Gymnasialbereich will das Stuttgarter Kultusministerium in den Sonderschulbereich und nochmal 40 Deputate in einen Stellenpool insbesondere für Einstellungen an Gemeinschaftsschulen umschichten.

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05.07.2012, 12:00 Uhr

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