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Man macht sich zum Komplizen

Angehörige von Alkoholikern entdecken Co-Abhängigkeit

Alkoholkranke schädigen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familien. Wie aber retten sich Angehörige von Alkoholikern? Notizen aus einem Gespräch mit Frauen aus dem Kreis Tübingen, die sich mit dem „Familienproblem“ Alkohol auseinandersetzen müssen.

03.09.2012
  • Ulrike Pfeil

Die Atmosphäre am Tisch ist von großer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit geprägt. Jede hat etwas mitgebracht, Blumen, Kekse, Melone. Keine nennt ihren Namen, keine drängt sich mit ihrer Geschichte in den Vordergrund. Wenn eine etwas sagt, nickt eine andere. Sie haben ähnliche Erfahrungen gemacht, sie alle sind Partnerinnen oder Mütter oder sonstwie Nahestehende von Alkoholikern. Über die Angehörigengruppe der Anonymen Alkoholiker (Al-Anon) haben sie ihr Problem – nein, nicht gelöst. Aber einen Weg gefunden, sich selbst davon zu lösen.

Am Anfang steht eine Erkenntnis: „Die Leute kommen in die Gruppe wegen der Alkoholiker“, sagt M. (nennen wir sie so). „Und dann bemerken sie die Co-Abhängigkeit.“ Co-Abhängiger zu sein, bedeutet nicht, dass man selbst zu trinken anfängt (auch das kommt vor). Co-Alkoholiker ist auch, wer den Alkoholkranken nach außen und vor sich selber schützt und deckt, wer dadurch die Abhängigkeit vertieft und selbst immer tiefer darin verstrickt wird.

„Man muss sich fragen: Mache ich mich zum Komplizen?“ sagt M. Die Frage, die unweigerlich folgt, zielt auf die emotionale Abhängigkeit: Wodurch sind der Alkoholiker und der Co-Alkoholiker aneinander gebunden? In den Al-Anon-Gesprächsrunden haben sie festgestellt, dass es da bestimmte Muster gibt. Die erklären, warum Alkoholsucht auch als „Familienkrankheit“ bezeichnet wird.

Nicht weil sie erb lich wäre, sondern weil sich Verhaltensformen einschleifen und wiederholen. So entstehen „Karrieren“ von Co-Abhängigen: A. hatte eine trinkende Mutter. „Da musste ich früh Verantwortung für die Familie übernehmen.“ Alkoholiker-Kinder schämen sich für ihre Eltern, sie halten die Familien-Fassade aufrecht, sie werden früh selbständig.

Sie entwickeln dabei aber auch Persönlichkeiten, auf die Alkoholiker sich gern stützen. Das kann dazu führen, dass sie immer wieder „Partner“ von Alkoholikern werden – als Ehegatten, Arbeitskollegen oder Freunde. Bei A. war es so. Sie ist eine selbstbewusste, starke Frau, sie hat Studium, Beruf und Kinder auf die Reihe gekriegt. Aber sie merkte zu spät, dass sie einen Mann hatte, der vom Alkohol nicht wegkam.

Heute sagt sie: „Da gibt es eine unbewusste Anziehungskraft.“ Man kann es Helfersyndrom nennen oder auch an der kulturell tradierten „aufopfernden“ Frauenrolle festmachen. „Man muss lernen, dass nicht der Abhängige der Böse oder Bedürftige ist. Man ist als Angehöriger selbst genauso abhängig und bedürftig“, sagt K., eine Frau, die unter ihrem grauen Haar jugendlich, gelassen und stark wirkt. Das war wohl nicht immer so. K. ist seit 29 Jahren in der Angehörigen gruppe. Sie kennt all die Tricks und die Ausreden von Co-Abhängigen aus eigenem Erleben. „Alle wussten, dass mein Mann Alkoholiker war. Nur ich habe gedacht, keiner darf es merken.“ Sie hat ihn am Arbeitsplatz krank gemeldet, wenn er sturzbetrunken war, sie hat für ihn gelogen und „Kreislaufprobleme“ vorgeschützt, wenn er torkelte.

Sie kennt auch die ständige Angst, die Beobachtung, den Kontrollzwang und die Vorwürfe der Co-Alkoholiker gegenüber dem Alkoholiker: Hat er wieder getrunken? Wo sind Flaschen versteckt? Riecht er nach Alkohol? „Ich hab’ das Zeug weggeschüttet oder auch selbst getrunken, nur damit er’s nicht trinkt.“ Genützt hat es alles nichts. In der Gruppe lernte sie: „Dem Alkoholiker hilft man erst, indem man ihm nicht mehr hilft. Er muss herausfinden, dass er krank ist. Das ist das Schwerste.“

Heute geht K. in die Gruppe, um anderen Mut zu machen. Ihr Mann ist seit Jahren trocken. Sie hat sich mit Unterstützung der Gruppe aus der Rolle der Co-Abhängigen befreit. Die Gruppe hat ihr Leben verändert, hat sie bestärkt, es selbst in die Hand zu nehmen. Mit 52 kündigte sie ihren Job als Verkäuferin und machte sich mit einem eigenen Fachgeschäft selbständig.

H. steht noch am Anfang. Ihr Mann, der aus einer Alkoholiker-Familie stammt, begann mit den Jahren abends mehrere Biere zu trinken. Erst dachte sie sich nicht viel dabei – bis er gesundheitliche Probleme bekam und seine Persönlichkeit sich merklich veränderte. Seit anderthalb Jahren geht H. in die Al-Anon-Gruppe. Sie hat dadurch ihre Ruhe wiedergefunden. Die Angst, dass die Alkoholsucht ihres Mannes auch ihre eigene Existenz bedrohen könnte, ist in den Hintergrund getreten. „Ich kann wieder schlafen“, sagt sie.

Soll man eine Beziehung mit einem Alkoholiker aufrechterhalten; wäre es besser, sich zu trennen? Die Al-Anon-Gruppe gibt zu solchen Fragen grundsätzlich keine konkreten Empfehlungen, und sie bewertet Entscheidungen nicht. „Man muss nicht gehen, aber mann kann“, sagt K., die nicht gegangen ist. Auf jeden Fall muss man es selbst herausfinden.

Al-Anon ist nicht nur eine Gesprächsgruppe, sondern ein ausformuliertes Programm mit zwölf Schritten. Als wohltuend empfinden die Frauen vor allem die Aufforderung, im Hier und Jetzt zu leben. „Nur für heute“ heißt einer der Slogans, an denen sie sich orientieren, mit denen sie lernen, ihre Ängste zu sortieren, „das Wichtigste zuerst“. A. spricht von einer „spirituellen Ebene“, und die anderen nicken. Sich nicht mit den Problemen des Suchtkranken identifizieren; eingestehen, dass man machtlos ist; den anderen loslassen; an sich selbst denken. „Es geht nicht darum, gegenüber den Problemen des anderen gefühllos zu sein,“ betont K., „aber man greift nicht mehr ein.“

A. fand das schwierig, vor allem als auch einer ihrer Söhne ein Alkoholproblem bekam. „Gleich war diese Übervorsichtigkeit wieder da, dieser Kontrollzwang, das ständige Nachfragen: Hast du wieder . . .?“ Heute weiß sie, dass alle Sorgen und Aktivitäten „nur kontraproduktiv“ waren. Dass ihr Sohn es alleine schaffen musste, bei der Übertragung der Fußball-Europameisterschaft die Schnäpse abzulehnen, die in der Kneipe für jedes Tor ausgegeben wurden. Bei seiner Cola zu bleiben.

Die verbreitete gesellschaftliche Nötigung zum Alkoholgenuss kritisieren sie alle als großes Problem für Alkoholiker und deren Angehörige. Ein Kontakt mit dem „Stoff“, und die Abhängigkeit ist wieder da. „Der süchtige Körper braucht ja das Zeug“, sagt M. „Auch der trockene Alkoholiker ist ein Alkoholiker.“ In geselligen Runden, wenn die Tabletts mit Sektgläsern kreisen oder Weinkenner sich über das Bouquet des gerade kredenzten Roten verbreiten, werden Mineralwasser-Trinker gern als Lustfeinde angemacht. Noch schlimmer dieser Scherz: „Hast du vielleicht ein Alkohol-Problem?“

K. steht da inzwischen drüber, aber sie gibt dann zurück: „Lass mich doch in Ruhe – ich bin mit Sprudel genauso lustig!“ In der Gruppe stärken sie sich gegen solche Anfechtungen von außen, gegen wohlmeinende, aber nichtsnutzige Ratschläge von Dritten, gegen Selbstvorwürfe. „Man wird einfach selbst viel freier dadurch“, sagt A.

Am Ende jeder Gruppensitzung wird dieser Satz allen mit auf den Weg gegeben: „Gott gebe mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Moment, das ist überhaupt nicht fatalistisch gemeint. Man muss nur begreifen, dass eine veränderte Einstellung des Angehörigen auch die Genesung des Alkoholkranken fördert. Deshalb sagen sie Neuen voller Überzeugung: „Kommt wieder – es funktioniert!“ Ja, sagt K.: „Den Satz finde ich richtig gut.“

Angehörige von Alkoholikern entdecken Co-Abhängigkeit
Wegnehmen, wegschütten, selber trinken: Kontrollen verfehlen nach der Erfahrung von Al-Anon bei Alkoholkranken ihr Ziel. © Markus Bormann - Fotolia.com

Für Angehörige von Alkoholkranken gibt es zwei Mal in der Woche Treffen von Al-Anon in Tübingen: dienstags um 19.30 Uhr im Gemeindehaus der Eberhardskirche (Eugenstraße 26), freitags um 18 Uhr in der Kirch am Eck (Französisches Viertel, Aixer Straße 44).
In den Gruppen herrscht strikte Anonymität. Die Teilnehmer erzählen von sich und sprechen dabei zur Mitte; Dialoge und Ratschläge werden vermieden. „Man lernt aus dem, was man selber sagt“, berichtet eine Teilnehmerin.
In den Gruppen werden keine Anwesenheitslisten geführt. Man kann auch mehrere Gruppen anschauen und sich dann entscheiden, wo man sich wohlfühlt. Es wird kein Mitgliedsbeitrag verlangt. (Information auch unter www.al-anon.de)
In den Gruppen verpflichten sich die Teilnehmer, nichts nach außen zu tragen. Den Einzelnen bleibt es überlassen, ob sie bei Begegnungen in der Öffentlichkeit ihre Bekanntschaft zu erkennen geben.

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03.09.2012, 12:00 Uhr

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