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Ein Akt der Menschlichkeit

Angehörigengespräche: Ein Anästhesist berichtet über seine Erfahrung

"Es muss der Familie wie ein Überfall vorkommen", sagt der Notfallmediziner Lorenz Lampl. Ein Mensch stirbt bei einem Unfall, und der Arzt fragt, ob man Organe entnehmen darf. Das kann nicht gut gehen.

04.12.2010
  • WILLI BÖHMER

Den Fall wird er nicht vergessen, sagt Lorenz Lampl, Chef der Anästhesieabteilung am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Ein 30-jähriger Zimmermann stürzt vom Dach und erleidet so schwere Hirnverletzungen, dass den Medizinern schnell klar ist: Er wird die nächsten 24 Stunden nicht überleben. Die Ehefrau kommt mit den zwei Söhnen in die Klinik und ist völlig fertig. Sie verliert nicht nur ihren Partner, sondern steht auch vor dem finanziellen Aus. Sie haben ein Haus gebaut, die Kinder brauchen ein geordnetes Leben und eine Ausbildung.

Er lässt der Frau Zeit, sagt der Notfallmediziner. Stunden später spricht er sie vorsichtig an. Besitzt der Mann einen Organspenderausweis? Oder hat er sich zu Lebzeiten einmal zu diesem Thema geäußert? Die Frau wird heftig: Nein, wenn sie nichts mehr von ihrem Mann hat, dann sollen andere auch nichts von ihm bekommen, stößt sie unter Tränen hervor. Eine extreme Äußerung, aber eine, die angesichts der dramatischen Ereignisse total verständlich ist, sagt Lampl.

Dennoch: Für die Menschen, die schon lange auf einer Warteliste für ein Organ stehen und die nicht mehr viel Zeit haben, ist diese Haltung eine Katastrophe. Er hat diese Situationen oft erlebt in 30 Jahren Notfallmedizin. Jeden Monat wenigstens ein bis zwei Mal. Die Politik hat es nicht geschafft, dieses hochemotionale Thema auf eine rationale Ebene zu heben, stellt er fest. Deshalb ist Baden-Württemberg bei den Organspenden Schlusslicht in Deutschland. "Das Transplantationsgesetz ist gut. Nur an diesem einen Punkt hat man sich nicht getraut, konsequent zu sein." Niemand dürfe doch erwarten, dass ein Mensch in einer solchen Extremsituation in der Lage ist, rational über Organspende zu entscheiden.

Deshalb sei es falsch, auf die derzeit praktizierte Zustimmungsregelung zu setzen, sagt Lampl: Nur wer einen Spenderausweis mit sich trägt oder eine eindeutige Willensbekundung, kommt überhaupt als Spender in Frage. Viel zu wenige Menschen haben einen Ausweis.

Weil er solche Situationen so oft erlebt hat, ist Lampl dafür, dass die Zustimmungsregelung in eine Widerspruchsregelung geändert wird: Hat das Unfallopfer keinen Widerspruch gegen die Organentnahme in seinen Papieren, darf der Mediziner von einer Zustimmung ausgehen. Er weiß, dass es dagegen heftige Widerstände gibt. Für ihn wäre diese Änderung aber ein Akt der Menschlichkeit, sagt er.

Der Transplantationskoordinator, der an den Kliniken installiert wurde, hat die Situation nicht verbessern können, sagt Lampl. "Wir brauchen keine Nachhilfe für das Patientengespräch, sondern Hilfe für die konkrete Situation." Wie froh Angehörige in einer solchen Situation sind, wenn sie einen Fingerzeig erhalten, was der tödlich Verletzte gewollt hätte, hat Lampl auch erlebt. Da war das Beispiel des 16-Jährigen, der bei einem Verkehrsunfall starb. Die Eltern waren tief getroffen und überfordert, deshalb hatten sie den Pfarrer aus der Heimatgemeinde mitgebracht. Als der sagte, dass die Kirche die Organspende als Akt der Nächstenliebe betrachtet, konnten auch die Eltern guten Gewissens zustimmen.

Viele Menschen klammern sich in dieser Stunde der Not an das Prinzip Hoffnung, sagt Lampl: Vielleicht erholt er sich ja doch. Seit es aber in der modernen Intensivmedizin das Kriterium des Hirntods gibt, sei zumindest den Ärzten klar, wann ein Mensch keine Chance mehr hat. Den Angehörigen ist das schwierig zu vermitteln: Da liegt ein Mensch, so wie sie ihn kennen, und der Mediziner sagt, dass er tot ist.

Dabei ist es für die meisten Fachleute klar: Das Gehirn geht in das Rückenmark über. Dort sitzt das Atemzentrum und nicht weit weg auch das Kreislaufzentrum. Wenn ein Mensch eine schwere Hirnverletzung erleidet, einen Schlaganfall oder einen üblen Hirntumor, kann das Gehirn so stark anschwellen, dass es ohne schnellen Eingriff dramatisch eingequetscht wird. Die Folgen können letal sein: Zuerst fällt das Atemzentrum aus, 5 bis 15 Minuten später bleibt das Herz stehen. Ohne sofortige Hilfe können so schwere Schäden auftreten, dass dieser Mensch nie wieder atmen wird, weil das Gehirn nicht mehr arbeitet, sagt Lampl.

Der Hirntod muss von zwei Ärzten, die mit der Transplantation nichts zu tun haben, unabhängig voneinander, festgestellt werden, damit eine Organentnahme ins Auge gefasst werden darf. Ihm ist kein Fall bekannt, dass sich ein Mensch, bei dem nach den gültigen Kriterien der Hirntod festgestellt wurde, wieder erholt hätte.

Es gibt Grenzfälle, meint Lampl. Patienten mit einer Restdurchblutung. Die Mediziner sagen, wenn er es schafft, dann bleibt er vermutlich schwer behindert. "Diese Menschen sind keine Organspender. Da würde kein Arzt zustimmen, und zwei unabhängige Mediziner schon gar nicht." Im Zweifel wird therapiert. Jemandem die Organe zu entnehmen, der nicht zweifelsfrei tot ist, wäre verbrecherisch.

Die Debatte um den Hirntod ist so alt wie die Transplantationsmedizin selbst, sagt Lampl. Es ist die Angst der Menschen, die an der Schwelle zum Tod eines Angehörigen nichts falsch machen wollen, die diese Debatte am Leben hält. Wenn man etwas tun kann, um ihnen diese Angst zu nehmen, muss man es auch machen. Die Mehrzahl der Menschen befasst sich nicht mit dem Tod und dem Thema Organspende. Deshalb sind sie überfordert, wenn es eintritt.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler wehrt sich gegen die Widerspruchsregelung und sagt, dass durch sie Zwang ausgeübt werde, zitiert Lampl. Das ist in seinen Augen Demagogie. Der Zwang entstehe heute eher dadurch, dass Angehörige in die Situation gebracht werden, in einer Extremsituation entscheiden zu müssen, ob Organe entnommen werden dürfen. "Das ist fast unzumutbar", sagt Lampl.

Angehörigengespräche: Ein Anästhesist berichtet über seine Erfahrung
"Jemandem die Organe zu entnehmen, der nicht zweifelsfrei tot ist, wäre verbrecherisch", sagt Lorenz Lampl, Chef der Anästhesieabteilung am Ulmer Bundeswehrkrankenhaus. Foto: Matthias Kessler

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04.12.2010, 12:00 Uhr

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