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Bieringer Totschlagsprozess

Angeklagte konnte sich ihre Tat nicht eingestehen

Der Totschlagsprozess gegen die 27-Jährige, die am 15. Januar im Haus ihrer Eltern in Sulzau ihren Mann erstochen hat, wurde am Dienstag fortgesetzt. Das Schwurgericht versuchte, mit Hilfe von Zeugen den Tathergang zu rekonstruieren.

04.10.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen / Sulzau. Die Eheleute waren am 15. Januar dieses Jahres im Haus der Eltern der Angeklagten in Streit geraten. Als die Auseinandersetzung gegen 18.30 Uhr eskalierte und ihre Eltern mit den beiden kleinen Kindern des Paars die Wohnküche verlassen hatten, griff die Angeklagte zum Messer und versetzte ihrem 46-jährigen Mann einen heftigen Stich in die linke Brust.

Eine Rettungsassistentin des Deutschen Roten Kreuzes war als eine der ersten am Tatort. Vor dem Einfamilienhaus in Sulzau wurde sie von einem älteren Mann, dem Vater der Angeklagten, durch die offene Haustür in die Küche gewiesen. Die Angeklagte habe am Boden gekauert, den Kopf des Sterbenden gehalten und gefleht: „Komm’ zurück zu mir. Du darfst nicht aufgeben. Wir haben zwei Kinder, ich brauche dich.“

Die Kriminalpolizei glaubte nie an Unfall

Die Frau habe auch an die Rettungskräfte appelliert, ihr Bestes zu geben. „Es war noch nicht klar, ob es ein Unfall war, oder was eigentlich passiert ist“, sagte die Helferin. Erst der Notarzt habe nach der Klinge gefragt, die die Verletzung verursacht hatte – um den Stichkanal beurteilen zu können. „In der Küche war das Messer nicht.“

Einem der aus Tübingen eintreffenden Kriminalbeamten bot sich „ein großes Durcheinander“: „Personen weinten oder schrien, Kinder liefen hin und her.“ Als der Ermittler den in der Küche auf dem Rücken liegenden Toten sah, war ihm sofort klar, dass es sich nicht um einen Unfall handeln konnte. Der Mann hatte „eine deutlich sichtbare Stichverletzung am Herz und Anzeichen eines Hämatoms am Auge“. Eine erste Einschätzung eines Kollegen von der Schutzpolizei war laut dem Kripo-Beamten ganz anders ausgefallen: „Es sei von einem Unfallgeschehen auszugehen. Die Kriminalpolizei solle den Fall nicht zu hoch hängen.“

Als der Beamte jeweils getrennt die Angeklagte, ihre Mutter und ihren Vater befragte, in welchen Gegenstand der Tote gelaufen sein sollte, hätten alle drei die gleiche Antwort gegeben: Sie wüssten es nicht. „Das Messer fehlte“, berichtete der Kriminalbeamte. Er fand es schließlich auf einer Kommode im nur wenige Schritte von der Küche entfernten Schlafzimmer. „Die Klinge war offensichtlich gesäubert worden.“ An der Spitze seien noch leichte Blutspuren erkennbar gewesen. Das Messer ist 30 Zentimeter lang, die Klingenlänge beträgt 19 Zentimeter. Zwischen der Kommode und dem Bett habe ein Messerblock gelegen, daneben ein blutgetränktes Haushalts-Papiertuch.

Zur Vernehmung ins Polizeirevier Tübingen gebracht, gab die Angeklagte noch in der Tatnacht zunächst an, ihr Mann sei plötzlich zusammengebrochen, als er allein in der Küche war. Das berichtete die zuständige Kriminalbeamtin. Am nächsten Vormittag habe die Frau ihre Aussage modifizieren wollen: Sie habe sich in der Küche ein Messer geholt. Als sie sich unvermittelt umgedreht habe, sei ihr Mann in die Klinge gelaufen. Aus Angst, „ihre Kinder nie wieder zu sehen“, habe sie davon zunächst nichts erzählt.

„Sie roch nicht nach Alkohol, sie schwankte nicht, sie lallte nicht. Sie konnte zusammenhängend erzählen“, schilderte die Vernehmungsbeamtin ihren damaligen Eindruck von der Angeklagten. Bei der ersten richterlichen Vernehmung habe diese gebeten, ihren Mann noch einmal sehen zu dürfen. Im Bestattungsinstitut sei sie dann zusammengebrochen mit den Worten: „Gebt mir meinen Mann zurück.“

Handy-Überprüfung wies auf zwei Affären

Die 27-Jährige soll zuletzt in zwei Affären verwickelt gewesen sein. Das ergab die polizeiliche Überprüfung ihrer beiden Mobiltelefone und ihres Computers. Über den Verstorbenen fanden sich keine solchen Hinweise, sagte ein Kriminalhauptkommissar. Es gab keine Anzeichen für eine vorbereitete Tat, für Ehe- oder finanzielle Probleme. Um die Kinder hätten sich beide Eheleute gekümmert. „Es war eine stabile Familie“, fand der Beamte. Der Tattag sei „harmonisch“ verlaufen. Die ganze Familie hatte am Fasnetsumzug in Mühringen teilgenommen.

In der Beziehung zu ihrem Mann hätten Zeugen die Angeklagte eher als dominant, ihn eher als ruhig und zurückhaltend beschrieben, ergänzte der Beamte. Wichtige Entscheidungen wie Hausbau oder Wohnwagen-Leasing seien gemeinsam getroffen worden. „Der Haushalt, die beruflichen Schichtzeiten der Eheleute, die Betreuung der Kinder (mit Hilfe der Großeltern) – alles wurde sehr gut gemanagt.“

Was in der Angeklagten vorging, ließ sich nicht erkennen: Sie verbarg ihr Gesicht hinter ihren Haaren. „Es ist trotz allem eine Tragödie“, murmelte eine der zahlreichen Zuhörer/innen. Am Dienstag, 9. Oktober, hört das Gericht weitere Zeugen.

Info: Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Claus-Jürgen Hauf, Christoph Sandberger; Schöffen: Hans-Peter Evers, Fritz Peter Franz Schwägerle. Staatsanwalt: Martin Klose. Nebenklage: Jutta Rager. Verteidiger: Peter Zoll. Gutachter: Prof. Frank Wehner, Dr. Peter Winckler.

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04.10.2012, 12:00 Uhr

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