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Schuldunfähig: Taxi-Fahrer vom Vorwurf des versuchten Totschlags freigesprochen

Angeklagter kommt trotz Freispruchs in die Psychiatrie

Vom Vorwurf des versuchten Totschlags hat gestern das Landgericht einen Tübinger Taxifahrer freigesprochen. Die Kammer jedoch ordnete die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

30.09.2014
  • Madeleine Wegner

Tübingen. Der frühere Taxi-Fahrer war wegen versuchten Totschlags angeklagt. Auf der Tübinger Neckarbrücke soll er Ende November 2013 versucht haben, einen Kollegen in einem anderen Taxi zu rammen und zu töten. Am gestrigen vierten und letzten Verhandlungstag sagte der Angeklagte vor dem Tübinger Landgericht, er würde in Bad Schussenried nur schwer genesen. Da bereits die Anklage von verminderter Schuldfähigkeit ausging, ist der Mann zur Zeit dort in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Er brauche sein Zuhause, Familie und Freunde, sagte der 60-jährige Angeklagte.

Staatsanwältin Tatjana Grgic plädierte zwar auf Freispruch des Angeklagten, doch auch auf dessen Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus – zum Schutz der Allgemeinheit und zur Besserung des erkrankten Mannes. Die Tatnacht – da waren sich Anklage, Verteidigung und Kammer einig – lässt sich nicht mehr im Detail rekonstruieren. Sicher ist, dass es in der Nacht zunächst zweimal zum Streit vor der Diskothek in der Reutlinger Straße kam: Der Angeklagte und ein anderer Taxifahrer gerieten dabei aneinander, sodass der Angeklagte seinem Kollegen unter anderem mit einer Geste des Halsabschneidens gedroht haben soll.

Tötungsabsicht auf der Neckarbrücke

Ein bis zwei Stunden später stand der 60-Jährige in seinem Taxi auf der Neckarbrücke an einer roten Ampel. Auf der Gegenfahrbahn hielt das Taxi des verhassten Kollegen. Der Angeklagte gab plötzlich Gas, überholte den vor ihm wartenden Bus, um das andere Taxi zu rammen – in dem Wagen saß jedoch wegen Schichtwechsels ein anderer Kollege. Die Staatsanwältin sagte in ihrem Plädoyer, sie sei überzeugt, der Angeklagte habe in der Tatnacht mit Tötungsabsicht gehandelt. Zugleich sei sie sich sicher, dass er schuldunfähig sei.

Vom ursprünglichen Vorwurf des versuchten Mordes rückte die Anklage ab. Denn dem Angeklagten sei nur schwer nachzuweisen, dass er die Wehrlosigkeit seines Opfers bewusst ausgenutzt hatte. Dieses Moment der Heimtücke unterscheidet den versuchten Mord vom versuchten Totschlag.

Der Zusammenstoß auf der Neckarbrücke, das sei die Spitze des Eisbergs gewesen. „Das kam ja nicht aus dem Nichts“, sagte Verteidigerin Safak Ott. Es habe eine Vorgeschichte gegeben und der Angeklagte habe damals sehr unter Druck gestanden. Bei dem Aufprall mit 20 bis 25 Stundenkilometern hätten sich nicht einmal die Airbags geöffnet.

Wie bereits der psychiatrische Gutachter, so stufte auch die Staatsanwältin den Angeklagten als gefährlich für die Allgemeinheit ein: „Er hat leider das Potenzial gezeigt, dass er unter Belastung übergriffig werden kann.“ In der Justizvollzugsanstalt sei er ruhig geblieben und nicht übergriffig geworden, betonte hingegen Verteidigerin Ott. Vor allem brauche er seine Freunde und Unterstützer. Auch sei Bad Schussenried zu weit weg von Tübingen und für die Tochter ohne Führerschein nur schwer zu erreichen.

„Warum nicht die Vollstreckung aussetzen, wenn das Ergebnis auch anders zu erzielen sein könnte?“, sagte die Anwältin und plädierte darauf, die Unterbringung auf Bewährung auszusetzen – mit Bewährungshelfer und als Versuch unter fachärztlicher Betreuung.

Bereits 2008 war der Tübinger wegen Depressionen in stationärer Behandlung. Privat-Insolvenz und die Pflege seiner chronisch psychisch kranken Frau hatten ihm immer mehr zu schaffen gemacht. Laut psychiatrischem Gutachter handelte der Angeklagte in der Tatnacht im Verfolgungswahn.

Weder Freiheit noch Führerschein

Die Kammer sprach den Angeklagten gestern wegen Schuldunfähigkeit von den Vorwürfen des versuchten Totschlags, der gefährlichen Körperverletzung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr frei. Sie ordnete jedoch, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Außerdem wird dem Angeklagten die Fahrerlaubnis für mindestens vier Jahre entzogen.

Info Vorsitzender Richter: Ralf Peters; Beisitzer: Philipp Ries, Christoph Sandberger; Schöffen: Monika Raible, Stefanie Maisch; Staatsanwältin: Tatjana Grgic; Verteidigung: Safak Ott; Gutachter: Heiner Missenhardt; Dolmetscherin: Mirjana Majic.

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30.09.2014, 12:00 Uhr

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