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Freundin hegt keinen Groll

Angeklagter nicht wegen Intimfotos, sondern wegen Kinderpornos verurteilt

Ein 21-Jähriger, der Nacktfotos seiner Ex-Freundin ins Internet gestellt haben soll, wurde gestern vom Amtsgericht Tübingen zu einer Geldauflage von 1200 Euro verurteilt. Allerdings nicht wegen dieser Racheaktion.

23.07.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen. Der Mechatroniker aus einer Tübinger Kreisgemeinde soll aus Wut über die Trennung im März 2014 Intimfotos seiner Ex-Freundin ins Internet gestellt haben. Als die Frau die Aufnahmen wenig später auf Hinweis eines Dritten entdeckte, zeigte sie den 21-Jährigen bei der Polizei an. Weil sie bei manchen Aufnahmen erst 17 Jahre alt war, gelten die Bilddateien juristisch als illegale jugendpornografische Schriften. Die Frau schrieb sofort an die Firma, die für die Webseite verantwortlich ist, und veranlasste, dass die Bilder gelöscht wurden.

Seit dem 23. Juni musste sich der Mann vor dem Amtsgericht Tübingen wegen Besitz und Verbreitung kinder- und jugendpornografischer Schriften verantworten (wir berichteten). Weil die mittlerweile 19-Jährige und der Beschuldigte inzwischen aber wieder liiert sind, hat die Rechtsanwaltsfachangestellte kein Interesse mehr daran, dass ihr Freund von der Justiz belangt wird. Das sagte sie gestern vor dem Amtsgericht Tübingen.

Kurz nach der Entdeckung der Bilder sei es ihr so schlecht gegangen, dass sie ein oder zwei Tage nicht zur Arbeit gehen konnte, räumte sie auf eine Rückfrage von Richter Benjamin Meyer-Kuschmierz ein. Wie die beiden wieder zusammenkamen? „Zufall“, war die knappe Antwort. Und: Sie hege „keinen Groll“ gegen ihren Freund.

Die Kriminalpolizei hatte auf Speichermedien (Computer, externe Festplatten, Handy, USB-Sticks) des 21-Jährigen mehr als 200 000 pornografische Bilddateien sichergestellt, darunter zwei kinderpornografische und 69 jugendpornografische Aufnahmen. Deren Besitz ist strafbar, weshalb der Richter den Angeklagten gestern zu einer Geldstrafe von 1200 Euro verurteilte. Die Summe geht an den Wiedergutmachungsfonds der Jugendgerichtshilfe, aus dem Schmerzensgeld an die Opfer von Tätern ohne Einkommen bezahlt wird. Der 21-Jährige verzichtet auf die Rückgabe jener von der Polizei sichergestellten Speichermedien, auf denen die illegalen Bilddateien gelagert waren.

Zum Tatzeitpunkt war der Angeklagte noch Heranwachsender, weshalb das Gericht entschied, Jugendstrafrecht auf ihn anzuwenden. Er muss sich bei der Psychotherapeutischen Ambulanz Stuttgart zu einem Gespräch und eventuell notwendigen Folgeberatungen einfinden, um den Tathintergrund und das eigene Verhalten zu reflektieren. Das hatte bereits Christina Eberle von der Jugendgerichtshilfe angeregt. Eine pädophile Neigung wird nicht vermutet.

Der Angeklagte versicherte mehrfach, die fraglichen Aufnahmen nicht bewusst ins Netz gestellt zu haben. Vielmehr habe er sich an mehreren Blogs sexuellen Inhalts beteiligt, auf denen entsprechende Bilder automatisch aktualisiert würden. Diese Blogs seien mit dem Hinweis versehen, die „Models“ (so die Wortwahl des Mechatronikers) seien mindestens 18 Jahre alt.

Dass der 21-Jährige nicht genau wusste, was er tat, hatten ihm schon die Kriminalpolizei und die Staatsanwältin nicht abgenommen. Dafür sei die Vielzahl seiner Pornodateien zu systematisch geordnet gewesen. Auch die Staatsanwältin hatte eine Geldauflage von 1200 Euro gefordert. Als sie zunächst erwog, den Angeklagten zu gemeinnützigen Arbeitsstunden zu verpflichten, hatte der umgehend angekündigt, ab Oktober wieder Vollzeit zu arbeiten. In seinem letzten Wort sagte er nur: „Ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist.“

Der Richter versuchte, den Mann dafür zu sensibilisieren, was die Anfertigung von Pornofotos für die abgebildeten Kinder und Jugendlichen bedeutet: „Sie sind massivem Missbrauch ausgesetzt und teilweise für ihr ganzes Leben traumatisiert.“ Der Besitz von Kinderpornografie unterstütze solche Praktiken.

Info Richter am Amtsgericht: Benjamin Meyer-Kuschmierz. Staatsanwältin: Michaela Nörr. Verteidiger: Felix Buchmann. Jugendgerichtshilfe: Christina Eberle.

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23.07.2015, 12:00 Uhr

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