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Der Leitartikel

Angekratzter Ruf

Lange hatte der Friedensnobelpreis einen nahezu unantastbar guten Ruf. Er galt als mutig, als weitblickend. Erinnert sei an die Auszeichnung des deutschen Dissidenten Carl von Ossietzky im Nazi-Olympiajahr 1936, die Adolf Hitler zur Weißglut trieb und wohl eine der weitsichtigsten Entscheidungen der Jury überhaupt war.

07.10.2016
  • ANDRé ANWAR

Am heutigen Freitag wird der diesjährige Preisträger in Oslo bekanntgegeben. Manche glauben, dass die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehrung für ihre Flüchtlingspolitik erhalten könnte. Aber wer auch immer ihn bekommt: Der Preis leidet seit geraumer Zeit an sinkendem Ansehen. Das geht weit über die gewöhnlichen Zankereien hinaus, die die durchaus politische Auszeichnung traditionell mit sich bringt.

Die Preisvergabe etwa an den damals erst frisch ins Amt gewählten US-Präsidenten Barack Obama 2009 oder an die Europäische Union 2012, in Zeiten ihrer schlimmsten Krise, führten zu Kritik. In einem Brief erklärten damals drei frühere Preisträger, darunter Erzbischof Desmond Tutu, dass die EU „eindeutig kein Vorkämpfer für den Frieden“ sei. Die Entscheidung verfälsche den Willen Alfred Nobels, hieß es. Als wohl größte Fehlentscheidung wurde die Wahl des erst 17-jährigen pakistanischen Schulmädchens Malala Yousafzai Ende des Konfliktjahres 2014 gewertet.

Spätestens seit 2014 fragen sich Konfliktexperten weltweit, was beim wichtigsten aller Friedenspreise los ist. „Die Friedensnobelpreisrichter haben in jüngster Zeit immer wieder darin versagt, wichtige Entwicklungen vorauszusehen, die durchaus vorauszusehen waren“, lautet etwa die Kritik von Kristian Berg Harpviken, Chef des norwegischen Friedensforschungsinstitutes PRIO. Hätten sie etwa vor vier bis fünf Jahren einen wichtigen russischen Dissidenten mit dem Friedensnobelpreis gekürt, hätte dies die Entwicklungen in Russland positiv beeinflussen können.

Die Zusammensetzung der Jury folgt den Mehrheitsverhältnissen im norwegischen Parlament. Das führte in der Vergangenheit immer wieder zu einer Besetzung der Jurysitze mit Amateuren. Ausgerechnet Geir Lundestad, von 1990 bis 2015 Direktor des norwegischen Nobel-Instituts, veröffentlichte 2015 ein Buch über die Jurymitglieder, in dem er sie als „Idioten“ bezeichnet. Offen prangerte er deren Inkompetenz, mangelndes Interesse an Kernthemen des Preises und geringe Englischkenntnisse an.

Die stetige Kritik an der Jury hat inzwischen einiges bewirkt. Vor vier Jahren beriefen die Sozialdemokraten mit Berit Reiss-Andersson erstmals eine Frau in das Gremium, die nicht aufgrund ihrer politischen Karriere, sondern durch Sachkenntnis überzeugte. Die Konservativen folgten dem guten Beispiel mit der Ernennung des Friedensforschers Henrik Syse.

Auch die Unabhängigkeit der Jury von der norwegischen Regierung wird immer wieder zurecht infrage gestellt. So wurde nach der Ernennung des chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo 2010 bekannt, dass die norwegische Regierung versucht hatte, dies zu verhindern. Ihr waren die Beziehungen zu der Wirtschaftsmacht in Fernost wichtiger.

Die diesjährige Entscheidung wird zeigen, wohin sich der Friedensnobelpreis bewegt – und welche Bedeutung ihm künftig zukommt.

leitartikel@swp.de

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07.10.2016, 06:00 Uhr

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