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Angespuckt, beleidigt, geschlagen
Wenn Demonstranten und Gegendemonstranten aneinander geraten, kann es für die Polizisten dazwischen gefährlich werden. Foto: dpa
Polizisten werden immer häufiger Zielscheibe von Gewalt

Angespuckt, beleidigt, geschlagen

Die Brutalität wird hemmungsloser. Pöbeleien, Beleidigungen und Angriffe gehören für viele Polizisten zum Alltag. Manche Attacke geht sogar tödlich aus.

28.04.2016
  • JONAS SCHÖLL, DPA

Tübingen. "Mehr als 50 Beamte bei Ausschreitungen verletzt", "Patient schießt auf Polizisten" - Meldungen wie diese aus dem Südwesten häufen sich. Jeden Tag werden in Deutschland Polizisten Opfer von Gewalt: Sie werden angespuckt, beleidigt, geschlagen, sogar angeschossen. Polizeiexperten schlagen angesichts des wachsenden Gewaltpotenzials Alarm - und warnen vor einer Verrohung der Gesellschaft. Die Politik will gegensteuern.

Die schwarz-rote Koalition in Berlin will mit einer Kampagne auf die zunehmende Gewalt reagieren. In Stuttgart erprobt die Bundespolizei seit dieser Woche den Einsatz von Körperkameras. Bei diesen Bodycams handelt es sich um kleine Digitalkameras, die die Polizisten an der Uniform tragen und zur Dokumentation des Einsatzgeschehens verwenden. Ziel der Körperkameras sei es, potenzielle Angreifer durch die Tatsache, dass sie gefilmt werden, von Gewalt abzuhalten, sagt ein Sprecher des Innenministeriums in Stuttgart. Die landesweite Einführung der Körperkameras soll stufenweise erfolgen - beginnend mit den Polizeipräsidien Stuttgart, Mannheim und Freiburg. Dafür müsse das Polizeigesetz geändert werden. Die Regelung könne aber erst in der anstehenden Legislaturperiode beschlossen werden.

Für die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) ist mehr Schutz für Polizisten dringend nötig. Zwar gehört es zum Job, meist dann einzugreifen, wenn Menschen in Gefahr sind - doch beobachtet die Gewerkschaft mit Sorge, dass die Bereitschaft zu Gewalt gegen Polizisten immer häufiger werde. "Neben regelmäßigen verbalen Gewaltattacken, wie Beschimpfungen und Pöbeleien, gibt es immer wieder auch Fälle schwerer Gewaltanwendung", heißt es in einer jüngst veröffentlichten Mitteilung mit Blick auf eine Messerattacke gegen einen Polizisten in Karlsruhe.

Weniger Respekt, mehr und brutalere Angriffe - diesen Trend verdeutlichen die Kriminalstatistiken. Doch die Gefahr sei noch größer, als es die Zahlen offenbarten, sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis). "Gefühlt haben die Gewalt, die Beleidigungen und die Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten im Einsatz noch deutlicher zugenommen". Häufig erstatteten die Polizisten aber keine Anzeigen.

"Niemand möchte mehr belehrt, gemaßregelt oder in seinem Verhalten eingeschränkt werden", mahnt Gallwitz. "Die Reaktionen konnten in den letzten Jahren von Beleidigung über Körperverletzung bis hin zu Totschlag führen." Dieser Wandel mache sich bereits bei nichtigen Zurechtweisungen im Alltag bemerkbar - etwa wenn ein Hund seinen Kot mitten auf dem Gehweg ablegt, beim Parken drei Plätze belegt werden oder jemand mit seinem Auto in eine Einbahnstraße fährt.

Manfred Klumpp vom Bund Deutscher Kriminalbeamter erklärt sich das Phänomen der Gewalt gegen Polizisten auch mit einer allgemein wachsenden Ablehnung von Autorität in der Gesellschaft.

Polizeipsychologe sieht Verrohung der Gesellschaft

In der Debatte um die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte hat der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz eine Verrohung der Gesellschaft beklagt. "Gefühlt haben die Gewalt, die Beleidigungen und die Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten im Einsatz noch deutlicher zugenommen, als dies in der Polizeilichen Kriminalstatistik sichtbar wird", sagte Gallwitz.

Der Professor an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis) führt dies auf einen Wandel in der Gesellschaft zurück: "Niemand möchte mehr belehrt, gemaßregelt oder in seinem Verhalten eingeschränkt werden. Die Reaktionen konnten in den letzten Jahren von Beleidigung über Körperverletzung bis hin zu Totschlag führen", sagte Gallwitz.

Nach Angaben des Innenministeriums gab es im vergangenen Jahr 3929 Fälle von Gewalt gegen Polizisten. Demnach wurde der Höchstwert aus dem Jahr 2012 (3794 Fälle) übertroffen. Rund 8000 Polizisten wurden dabei zu Opfern - ein Anstieg um 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bei den Straftaten handelt es sich überwiegend um Körperverletzungen und Widerstandsdelikte. "Die Verletzungsmuster sind breit gefächert und umfassen zum Beispiel Prellungen, Gelenkverletzungen, Bisswunden oder Knochenbrüche", sagte ein Ministeriumssprecher. Insgesamt 1866 Beamte wurden 2015 verletzt. dpa

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28.04.2016, 06:00 Uhr

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