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Feinstaub

Angezählt

Ab Samstag ruft die Stadt Stuttgart Autofahrer wieder zum Umstieg auf, wenn sich schlechte Luftwerte ankündigen. Noch gilt das Prinzip Freiwilligkeit. Noch.

14.10.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Die Metropolregion Stuttgart startet in die zweite Feinstaub-Alarm-Saison. Ab Samstag könnten Autofahrer aufgerufen werden, ihre Wagen stehen zu lassen, sollten sich austauscharme Wetterlagen ankündigen. Besitzer von Komfort-Kaminen sollen diese ebenfalls, sofern möglich, nicht anheizen. OB Fritz Kuhn (Grüne) setzt dabei weiter auf das Prinzip Freiwilligkeit, seine zweite Kampagne hat er mit „Stuttgart packt's an. Machen Sie mit!“ überschrieben. Gleichwohl drohen in nicht allzu ferner Zukunft Fahrverbote. Die wichtigsten Fakten.

Warum wird alarmiert? Mit dem Feinstaub-Alarm will die Stadt Stuttgart Autofahrer für die schlechte Luftqualität sensibilisieren und sie zum Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel bewegen. Die Luftqualität in Stuttgart ist in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, an der bekannten Messstation am Neckartor werden die zulässigen EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid aber nach wie vor überschritten. Die EU hat deshalb Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, auf das Land könnten Geldbußen in Millionenhöhe zukommen.

Wann wird der Alarm ausgelöst? Sobald der Deutsche Wetterdienst an mindestens zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein stark eingeschränktes Austauschvermögen der Atmosphäre prognostiziert, löst die Stadt Alarm aus. Die Alarmphase wird gestoppt, sobald der Wetterdienst eine nachhaltige Verbesserung des Austauschvermögens vorhersagt.

Welche Kriterien werden herangezogen? Im Vergleich zur ersten Feinstaub-Alarm-Saison Anfang des Jahres hat die Stadt die Kriterien verfeinert und erhofft sich davon eine noch höhere Treffsicherheit. Zu diesen Kriterien gehören unter anderem fehlender Regen und ein Mangel an Wind.

Wann endet die Alarmphase? Die Periode geht bis zum 15. April. Hintergrund: Vor allem im Winterhalbjahr kann es zu Verschmutzung der Luft kommen, weil dann Wetterbedingungen herrschen, bei denen – gepaart mit einem hohen Vekehrsaufkommen – mehr Feinstaub und Stickstoffdioxid produziert werden. In den Weihnachtsferien wird nicht alarmiert, weil mit weniger Verkehr gerechnet wird.

Welche Anreize gibt es für Umsteiger? Um möglichst viele Kunden in Busse und Bahnen zu locken, wurde das Feinstaub-Ticket eingeführt. Kunden können damit an Alarm-Tagen im Gebiet des Verkehr- und Tarifverbunds (VVS) zum Kindertarif, also zum halben Preis, fahren. Noch günstiger fahren Porsche-Mitarbeiter: Der Autobauer bezahlt ihnen an Feinstaub-Alarm-Tagen das komplette Ticket, ihren Werksausweis können sie als Fahrkarte nutzen. Die Mobilitätspartner Car2Go und Moovel starten derweil wieder Rabattaktionen. Über die Moovel-App erhält man an Alarm-Tagen vergünstigte Tickets. Wer Glück hat, fährt gar umsonst: Jedes zweite Ticket ist kostenlos, ein Zufallsgenerator entscheidet, wer nichts bezahlen muss. Flankierend werden die Kapazitäten im U- und S-Bahn-Verkehr ausgebaut.

Wie informiert die Stadt über den Feinstaub-Alarm? Erstmals nutzt die Stadt Messaging-Dienste wie Whatsapp und Telegram. Davon abgesehen wird über Medien, das Internet, Verkehrsmeldungen, Anzeigen an Autobahnen, Brückenbanner und Variotafeln aufgeklärt. Alles Wissenswerte zusammengefasst findet man auch online über wwww.feinstaubalarm-stuttgart.de.

Wie sind die Werte aktuell? Der zulässige EU-Grenzwert für Feinstaub von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurde am Stuttgarter Neckartor bis Ende September bereits an 34 Tagen überschritten. Zulässig sind 35 Überschreitungstage pro Jahr. Immerhin: Im Vergleichszeitraum 2015 wurden 44 Überschreitungen registriert. Auch die Stickstoffdioxid-Werte liegen momentan unter denen des Vorjahres, sind aber ebenfalls noch viel zu hoch. Erlaubt sind 18 Überschreitungsstunden bei einem Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Bis Ende September wurden 30 Überschreitungsstunden gezählt, 2015 waren es im selben Zeitraum 53 gewesen.

Was hat der erste Feinstaub-Alarm gebracht? Zwischen Januar und April hat die Stadt fünf Mal Feinstaub-Alarm ausgerufen. An den 22 Alarm-Tagen kam es zu 17 Überschreitungstagen am Neckartor. Laut einer Umfrage, die das Verkehrsministerium in dieser Zeit durchführen ließ, wussten seinerzeit 92 Prozent der Bevölkerung vom Feinstaub-Alarm. 27 Prozent der Befragten gaben außerdem an, ihr Mobilitätsverhalten aufgrund des Appells geändert zu haben. Gleichzeitig wurden bei Stichproben im Schnitt jedoch nur fünf Prozent weniger Autos im Talkessel gezählt.

Was wird noch getan, um die Luft in Stuttgart besser zu machen? Nach Angaben der Stadt laufen fast 40 Maßnahmen im Kampf gegen Feinstaub und Stickstoffdioxid, dazu gehören die Einführung der Umweltzone, ein Lkw-Durchfahrtsverbot, Tempo 40 auf Steigungsstrecken oder die Förderung der E-Mobilität. Ob Mooswände geeignet sind, um die Luft zu filtern, wird ebenfalls untersucht.

Ab wann drohen Fahrverbote? Ab 2018 könnte es zu Fahrverboten in Stuttgart kommen. Im Frühjahr einigte sich das Land bereits mit zwei Anwohnern des Neckartors in einem Vergleich darauf, den Verkehr ab 2018 rund um die Messstation um 20 Prozent zu reduzieren, sollten die Werte dann immer noch gerissen werden. Und auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) macht Druck: Sie hat beim Verwaltungsgericht Klage eingereicht, will Fahrverbote für Dieselfahrzeuge erzwingen. Verhandelt wird die Sache wahrscheinlich Anfang 2017. In einem gleich gelagerten Verfahren in Düsseldorf hat die DUH bereits gewonnen. Dort müssen Verbote für Diesel nun geprüft werden.

Was ist mit der Blauen Plakette? Die Einführung einer „Blauen Umweltzone“ liegt derzeit auf Eis: Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist dagegen, und auch auf Länderebene gibt es dafür derzeit keine Mehrheit. Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (beide Grüne) streben dennoch weiterhin eine entsprechende Bundesratsinitiative an. In einer „Blauen Umweltzone“ wären Dieselfahrzeuge, die nicht die Euro-6-Norm erfüllen, ausgeschlossen. Ältere Dieselfahrzeuge produzieren besonders viel Stickstoffdioxid.

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14.10.2016, 06:00 Uhr

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