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Annäherung im Zeichen eines Mordes
Rote Nelken als Zeichen der Anteilnahme. Vor der russischen Botschaft in Ankara legten gestern Menschen Blumen vor dem Bild des ermordeten Botschafters Andrej Karlow nieder. Foto: dpa
Attentat in Ankara

Annäherung im Zeichen eines Mordes

Russland und die Türkei wollen den gewaltsamen Tod des russischen Botschafters aufklären. Doch die Schüsse sollen die gerade beginnende Normalisierung nicht zerstören.

21.12.2016
  • GERD HÖHLER

Ankara. Zu zerstören ist leicht, aber es ist schwierig, wieder aufzubauen“ – das waren die letzten Worte des russischen Botschafters Andrej Karlow bei seiner Rede zur Eröffnung einer Fotoausstellung in Ankara am Montagabend, eine Anspielung auf die jüngsten Höhen und Tiefen in den russisch-türkischen Beziehungen. Dann trafen ihn die Schüsse des Attentäters in den Rücken.

Nach dem Mord an dem Diplomaten gab das russische Außenministerium zwar eine Warnung vor Türkeireisen heraus; die Türkei und Russland sind aber bemüht, neue Spannungen zu vermeiden. Das Attentat soll die nach einer sechsmonatigen Eiszeit erst im Sommer reparierten bilateralen Beziehungen nicht belasten. Präsident Recep Tayyip Erdogan telefonierte umgehend mit Kremlchef Wladimir Putin. „Wir stimmen darin überein, dass dies eine Provokation ist“, sagte Erdogan danach. „Wir haben uns darauf verständigt, unsere Solidarität zu stärken.“

Der Attentäter war ein 22-jähriger Polizist, der sich mit seinem Dienstausweis Zutritt zur Ausstellungseröffnung verschafft hatte. Er flüchtete nach den Schüssen zunächst in den zweiten Stock des Gebäudes. Nach einem 15-minütigen Schusswechsel mit der Polizei wurde er getötet. Die Ermittler versuchen nun, die Beweggründe und die Verbindungen des Attentäters auszuleuchten. Sein Motiv war offenbar Russlands Kriegseinsatz in Syrien und die Eroberung Aleppos, an der Russland maßgeblichen Anteil hatte. Der Mann habe „Allahu Akbar“ und „Vergesst nicht Aleppo, vergesst nicht Syrien“ gerufen, berichteten Augenzeugen. Unmittelbar nach den Schüssen soll er auf Arabisch ausgerufen haben: „Wir sind es, die dem Propheten Mohammed Gefolgschaft und dem Dschihad Hingabe schwören.“

Denkbar ist ein islamistischer oder nationalistischer Hintergrund. Regierungsnahe türkische Medien spekulierten auch über Verbindungen zum Netzwerk des Erdogan-Erzfeindes Fethullah Gülen. „Wir müssen wissen, wer die Hand des Mörders führte“, sagte der russische Präsident Putin in Moskau. Russland entsandte ein 18-köpfiges Ermittlerteam nach Ankara. Darauf hatten sich Erdogan und Putin verständigt.

Im November 2015 hatte der Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe für schwere Spannungen zwischen Moskau und Ankara gesorgt. Putin verhängte Sanktionen. Seit dem Sommer 2016 haben sich beide Länder wieder angenähert. Für die Türkei ist Russland ein wichtiger Handelspartner. Umgekehrt braucht Moskau die Türkei als Transitland für Gasexporte nach Europa. Beide Länder sind im Syrienkrieg militärisch engagiert, wenn auch mit unterschiedlichen Zielrichtungen: Während die Türkei auf den Sturz Baschar al-Assads hinarbeitet, ist Russland der wichtigste Verbündete des Regimes in Damaskus.

Trotz dieser Differenzen und ungeachtet des Attentats scheinen beide Länder entschlossen, an der Normalisierung ihrer Beziehungen festzuhalten – an der auch Karlow als Russlands Chefdiplomat in Ankara intensiv gearbeitet hatte. Man werde nicht zulassen, dass der Mord „einen Schatten auf die russisch-türkische Freundschaft wirft“, erklärte das türkische Außenministerium. Ein für gestern geplantes Syrien-Treffen der Außen- und Verteidigungsminister der Türkei, des Iran und Russlands in Moskau fand wie geplant statt. Mit der Konferenz unterstreicht Russland seine Rolle als Großmacht im Syrienkonflikt, auch die Türkei dokumentiert mit ihrer Teilnahme ihren Anspruch auf Mitsprache in der Syrienfrage.

Wenige Stunden nach dem Attentat auf Karlow ereignete sich in Ankara ein weiterer Zwischenfall: Gegen 3.50 Uhr bewegte sich ein Mann auf den Haupteingang der US-Botschaft am Atatürk Boulevard zu, zog eine Waffe aus seinem Mantel und feuerte mehrere Schüsse ab. Niemand wurde verletzt, die Polizei nahm den Mann in Gewahrsam. Nach den Schüssen blieben die US-Botschaft sowie die Konsulate der USA in Istanbul und Adana geschlossen.

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21.12.2016, 06:00 Uhr

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