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Herzzerreißend

"Anne Frank" als Tanztheaterstück

Lässt sich ein Tagebuch tanzen? Das Badische Staatstheater zeigte mit der Uraufführung von Reginaldo Oliveiras Ballett "Anne Frank", dass das geht.

25.04.2016
  • NIKE LUBER

Karlsruhe. Die Schatten werden länger, die Wände schließen sich. Bühnenbildner Sebastian Hannak setzt im Tanzstück "Anne Frank" symbolkräftige Bilder eindrücklich um. Atmosphärisch noch dichter wird die Uraufführung im Badischen Staatstheater Karlsruhe dank der sehr geschickt von Choreograf Reginaldo Oliveira ausgewählten Musik. Das Schicksal des Mädchens ist so bekannt ist, dass die Zuschauer jederzeit den Kontext ergänzen können.

Reginaldo Oliveira, der junge Choreograf aus dem Ensemble der Karlsruher Ballettdirektorin Birgit Keil, wählte Anne Frank als Thema seines ersten abendfüllenden Tanzstücks, weil ihn ihr berühmtes Tagebuch nicht mehr losgelassen hat.

Man kann ihr Leben und ihren viel zu frühen Tod als Beispiel sehen für viele junge Menschen, die durch Politik oder Terror aus ihrem behüteten Dasein herausgerissen und unvermittelt in eine von anderen geschaffene Hölle gestürzt werden. Das passt zum Thema der Europäischen Kulturtage Karlsruhe: "Wanderungen: Glück Leid Fremdheit."

Doch dank der engagierten, darstellerisch starken Solisten erhält jeder der Verfolgten im Leid hier ein ganz persönliches Gesicht: Bruna Andrade verkörpert Anne mit ansteckendem Optimismus, der sich in Bewegungsdrang äußert. Wunderbar poetisch tanzen sie und Pablo dos Santos (Peter) ihre Verliebtheit. Die SS marschiert in diesem Ballett nicht in den Niederlanden ein - die schwarz Uniformierten kriechen hinein. Intensiv illustriert das Ensemble den Sadismus des KZ-Personals und das Leiden der Frauen, die fallen, mühsam wieder auf die Beine kommen, doch wieder zusammenbrechen, eine endlose Bewegungsfolge. Herzzerreißend das Sterben der Mädchen.

Oliveira stellt Anne stellvertretend für das Tagebuch, dem sie so vieles anvertraute, die von ihr erfundene Figur Kitty zur Seite, getanzt von Flavio Salamanka. Das Kostüm des Publikumslieblings soll an weißes liniertes Papier erinnern, das beschrieben wird. Doch er wirkt eher wie der Repräsentant des hilflos betroffenen Zuschauers. Gern würde der eingreifen und alles zum Guten wenden, kann es aber ebensowenig wie der stets anwesende, jedoch machtlose Tänzer.

Dass Reginaldo Oliveira in seinem ersten abendfüllenden Tanzabend möglichst viele Aspekte beleuchten wollte, ist nachvollziehbar. Und es gibt in diesem Ballett keine Szene, die für sich nicht gelungen wäre. Aber eine Konzentration auf die entscheidenden Momente hätte es ermöglicht, "Anne Frank" ohne Pause durchzuspielen - und dem Stück damit eine noch höhere dramatische Dichte zu verleihen.

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25.04.2016, 06:00 Uhr

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