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Da klumpte man gerne länger zusammen

Anneliese Gusenbauer: Radiomacherin der ersten Stunde

Gefängnis, Flucht, glückliche Heimkehr: Anneliese Gusenbauer schlug sich nach dem Zweiten Weltkrieg von Prag in ihre Heimatstadt Zweibrücken durch. 1950 wurde sie die erste Musikredakteurin im Studio Tübingen beim Südwestfunk.

22.09.2011
  • Alexander Beyer, Maximilian Heim

Musik war immer ihre Welt. Die Eltern spielten Zither, gaben Musikunterricht. Anneliese Gusenbauer, 1923 geboren, studierte in Mannheim Musik, machte im Spätherbst 1943 ihr Staatsexamen. Vom Radio infiziert wurde die heute 88-Jährige nach einer Konzertreise durch Italien: Der Sender Frankfurt machte mit dem Chor und dem Orchester eine Rundfunkaufnahme.

Nach ihrem Abschluss sah sich die begabte Pianistin vor zwei Alternativen gestellt: Als Luftwaffenhelferin oder als Fabrikarbeiterin ihre geübten Klavierhände zu ruinieren. Eine Anfrage der Hitlerjugend, die Leitung der Rundfunkspielschar beim Reichssender Saarbrücken zu übernehmen, lehnte sie jedoch ab. BDM-Kluft war nichts für sie.

Schließlich machte ihr die Reichsjugendführung in Berlin das Angebot, mal im deutschen Sender des tschechischen Rundfunks in Prag hineinzuschnuppern. Zwei Wochen durfte sie dort hospitieren. Im November 1943 schließlich begann sie eine Krankheitsvertretung, seit März 1944 war sie angestellt.

In Prag wurde sie Leiterin des Jugendfunks und „Mädchen für alles“, sagt sie. Doch Rundfunk war Propaganda in dieser Zeit, für das Radio seien auch „getürkte“ Kriegsmeldungen produziert worden. Für den damaligen Kriegsberichterstatter Hans Maegerlein musste sie die passende „Heldenmusik“ heraussuchen.

Das nutzte nichts. Die Niederlage kam immer näher, die Deutschen wurden immer fatalistischer. Lust zum Feiern kam auf, die Angst vor den Russen war weit verbreitet. Ein Spruch machte die Runde: „Genießt den Krieg, der Friede wird schrecklich sein.“ Zwei Tage nach Hitlers Selbsttötung gaben die Deutschen Philharmoniker in Prag am 2. Mai ihr letztes Konzert, erinnert sich Gusenbauer. Das am 5. Mai geplante Konzert fiel aus, die tschechische Bevölkerung hatte sich von den Deutschen befreit.

Nach einer viertel Stunde angestellt

Sie mussten nun um ihr Leben fürchten. Die junge Rundfunkfrau hatte Glück. Der aufgebrachten Bevölkerung entkam sie, saß einige Tage im Prager Gefängnis und wurde dann bis an die Grenze bei Freiberg/Sachsen gebracht.

Dann war sie auf sich gestellt: Kaum etwas zu essen, die durch Glasscherben verletzten Füße begannen zu eitern. Mehrere Wochen war Gusenbauer unterwegs, meist zu Fuß, mal mit dem Güterzug oder dem Lkw. Über Plauen schlug sie sich nach Bamberg und Würzburg durch, kam schließlich nach einer strapaziösen Reise in ihre Heimatstadt Zweibrücken.

Holz und Bucheckern sammelte sie für den Winter 1945/46, gab bald wieder Klavierunterricht. In einer Zeitungsannonce las sie von der Eröffnung des Rundfunkstudios in Kaiserslautern. Gusenbauer: „Ich hatte schon mal ein Funkhaus von innen gesehen und wusste, was ein Mikrofon ist. Nach einer viertel Stunde war ich angestellt.“

Gusenbauer wurde wieder „Mädchen für alles“, half im Studio beim Aufbau. Tonbänder und Schallplatten gab es nicht, Musik wurde direkt während der Sendung eingespielt. Bald war sie dafür zuständig. 1950 erfuhr sie, dass in Tübingen ein neues Studio gegründet werden soll. Denn Südwürttemberg-Hohenzollern war als einzige Zone noch ohne Radio.

Ihr späterer Ehemann Josef Gusenbauer richtete den Tübinger Ableger technisch ein, sie wurde die erste Musikredakteurin. Die Anfänge waren chaotisch, erinnert sich die Tübingerin: Gesendet wurde aus dem Haus der Studentenverbindung Franconia, das als Funkgebäude von den französischen Besatzern bestimmt worden war. Zwölf Leute arbeiteten dort in einem Büro, aber es war „eine sehr familiäre Stimmung“, sagt die 88-Jährige. „Ein einfacher Acht-Stunden-Tag war für uns unaufregend, weil wir alle keine Wohnungen hatten. Da klumpte man gerne länger zusammen“.

In den ersten Monaten war die Musikredakteurin fast jeden Abend unterwegs. Denn das Studio war neu, der Musikvorrat bestand nur aus 250 gemischten Musikbändern, die von der Zentrale in Baden-Baden kamen. Los ging’s mit einem alten Übertragungswagen aus der Vorkriegszeit: schlecht gefedert, undichte Türen, keine Heizung. Gusenbauer: „Nach zwei, drei Stunden im Winter war man durchgefroren.“

Das Tübinger Studio legte Wert auf das Regionale. Volksmusik hatte Tradition. Und jede Stadt, jede Gemeinde hatte eine Blaskapelle oder einen Chor. Mit dem Ü-Wagen wurden sie auf Tonband gebracht. In den wenigsten Fällen waren die Aufnahmen beim ersten Versuch so gelungen, dass sie direkt gesendet werden konnten. Fehler und Unsauberkeiten durften die Aufnahmen nicht haben, sie mussten herausgeschnitten werden. Gusenbauers trainiertes Gehör war hier die nötige Voraussetzung. „Musik ist immer von begrenzter Ewigkeit“, sagt sie. „Doch die Nachbearbeitung war aufwändig und dauerte seine Zeit, da war man schließlich mit Klebstoff und Schere am Werk.“

Bei Wortbeiträgen im Studio spielte Gusenbauer einfach selbst die Hintergrundmusik, am Flügel, der im großen Saal des Frankonenhauses stand – je nach Laune des Aufnahmeleiters heitere Klassik oder schwerer Barock.

Der Rundfunk galt als gehobener Arbeitgeber, als Kultureinrichtung. Pflichtgefühl war ein großer Wert in diesen Tagen, Radio in der jungen Republik ein öffentliches Gut. Gusenbauer spricht für eine ganze Generation, wenn sie sagt: „Im Vordergrund stand immer der Anspruch: Was ihr macht, soll gut sein.“

Bald meldeten sich „junge Künstler“ von der Musikhochschule Stuttgart oder Trossingen, die Sendung „Solisten aus unserem Land“ ging in den Äther. Auch mit dem „Schwäbischen Sinfonieorchester“ Reutlingen hat sie Aufnahmen gemacht. Längst ist daraus die Württembergische Philharmonie geworden. Besonders stolz ist Gusenbauer auf ihre „Hafenkonzerte“. 1957 in Friedrichshafen von ihr initiiert, war sie 25 Jahre lang dafür verantwortlich. Bis heute werden sie im sonntäglichen Sommerprogramm des SWR fortgeführt.

Bis 1954 arbeitete der Südwestfunk im Frankonenhaus. Dann wurde der Neubau auf dem Österberg fertig, 40 Mitarbeiter zogen dort ein. Danach, sagt Gusenbauer, „waren wir in der Normalität angekommen.“ Sie arbeitete noch bis 1983 in der Musikredaktion des Studios Tübingen, ging dann in Pension. Über ihr Leben schrieb sie ein Buch im Selbstverlag, auch um für sich die Dinge zu ordnen und in Zusammenhang zu bringen: „Denn man lebt ja in einer Art Froschperspektive. Die Zeitgeschichte im Nachhinein zu kennen ist eine Sache, aber darin gewesen zu sein, das ist im Rückblick das Spannende.“

Anneliese Gusenbauer: Radiomacherin der ersten Stunde
Tübingens erste Musikredakteurin: Anneliese Gusenbauer.

Anneliese Gusenbauer: Radiomacherin der ersten Stunde
Ein Ü-Wagen aus dem Landesstudio Tübingen.

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22.09.2011, 12:00 Uhr

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