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Anneliese Müller-Gwinner berichtet vom ersten Autobesitzer
Anneliese Müller-Gwinner, 84, vor ihrem 25 Jahre alten Mercedes 190. Das historische Foto aus ihrem Haushalt zeigt einen Verwundeten-Transport während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1915. Ob am Steuer dieses Autos ihr Großvater saß, ist nicht ganz sicher. Auf jeden Fall hatte Fabrikant Christian Gwinner als Erster in Rottenburg ein Auto, und zwar schon 1901. Albert Frauz, ebenfalls Fabrikant, hatte das zweite Kraftfahrzeug in der Stadt. Bilder: Mozer/privat
Der Großvater fuhr einen Renault

Anneliese Müller-Gwinner berichtet vom ersten Autobesitzer

„Er läuft und läuft und läuft . . .“ Was VW einst vom Käfer behauptete, gilt noch heute für Anneliese Müller-Gwinners 190er Mercedes. Seit 25 Jahren startet der Motor der roten Limousine. Seine 84-jährige Fahrerin ist bekannt für Autogeschichten.

01.06.2011
  • Yvonne Arras

Rottenburg. 1901 beginnt der historische Rückblick: Christian Gwinner, Anneliese Müllers Großvater, fuhr das erste Auto Rottenburgs. Der Fabrikant wählte ein französisches Modell, einen Renault. „Sehr fortschrittlich“ sei er gewesen, erklärte die Enkelin, weshalb Christian Gwinner dem Trend der Motorisierung so früh aufsprang. Zwar hat die 1927 geborene Enkelin Rottenburgs ersten Autobesitzer nie kennengelernt, aber vom Hören-Sagen weiß sie, dass ihr Großvater den selbstfahrenden Gefährten Sicherheit und Zuverlässigkeit nachgesagte.

Für den Franzosen unter den Motorenwagen entschied sich der Unternehmer laut Enkelin aber „weil ein Renault wahrscheinlich billiger war als ein Mercedes.“ Seine Söhne Karl und Moritz waren die ersten Autopiloten mit Führerschein hier. Diese Fahrerlaubnis gab es anfangs noch gar nicht..

Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht vom ersten Auto im Ort herum. Fabrikant Gwinner zog bewundernde Blicke der Bewohner auf sich, berichtete 1971 Josef Eberle alias Sebastian Blau in der „Stuttgarter Zeitung“: „Die Neugier überwog alle Vorbehalte und man bestaunte (…) das hochgebaute Vehikel aus gebührender Distanz, wann immer es durch die Straßen prustete und in Wolken von Rauch verschwand.“ An Eberles Erinnerungen vom „fürchterlichen Krach“ und vom „barbarischen“ Gestank, den die „Tretmühle“ erzeugte, erinnert sich Anneliese Müller-Gwinner lebhaft.

Wann immer Christian Gwinner das Auto durch den Ort kutschierte, sorgten beide für Gesprächsstoff. Ob es daran lag, dass „Herr G.“, wie Josef Eberle im Artikel schrieb, stets mit Luftschiffer-Mütze behütet und in gelbbraunen, bodenlangen Staubmantel gehüllt im Auto saß oder ob es am „Eisentriebel“ lag, womit der technisch versierte Rottenburger seine Maschine mit Muskelkraft ankurbeln musste. Eberle beschrieb den Prozess des Motorstarts so: „. . . worauf es überall knirschte, ratterte, knatterte, zischte und knallte, der ganze Wagen zu beben und zu zittern begann und sein Hinterteil stoßweise schwarze Schwaden von sich ließ gleich Teufelsfürzen.“

Jede Steigung sei dem Vehikel zu steil gewesen, sagt Anneliese Müller-Gwinner, weshalb der Großpapa auf dem Weg von der oder zur Fabrik in der Eberhardstraße manch großen Bogen um die Stadt herum fahren musste.

Wehe, wenn da der Sprit ausging. Ob ihr Großvater wie einst Berta Benz zum Tanken zur Apotheke fuhr, weiß Anneliese Müller-Gwinner nicht, aber sie vermutet es. Die erste Tankstelle an der Sprollstraße eröffnete Alois Brenner erst in den 1930er Jahren. Seine Töchter betrieben die Anlage bis 1985 weiter.

Vom mühelosen Fortbewegen waren andere in der Stadt schnell angetan. Albert Frauz, ebenfalls Fabrikant, zog kaum ein Jahr später, um 1902, mit einer Karosse aus Köln nach. Das Fabrikat weiß Müller-Gewinner nicht. Frauz gelte als zweiter Rottenburger mit Auto. Als Mitte der 20er Jahre das Geld nach der Inflation wieder seinen Wert erhielt, war die Verbreitung des Automobils nicht mehr aufzuhalten.

1959 bestand Anneliese Müller-Gwinner selbst die Führerscheinprüfung. Autos, deren Hersteller es nicht mehr gibt, hat die 84-Jähre seither gefahren. Ein DKW, heute Audi, ist darunter. Seit 25 Jahren fährt sie „das Beste, was man je gebaut hat“: einen 190er Mercedes. Blitzsauber steht er da, ohne Klimaanlage, ohne Komfort-Ausstattung, aber mit der stolz posierenden Dame davor. „Außer den Bremsscheiben und dem Auspuff hat immer alles geklappt“, lobt Müller-Gwinner die Zuverlässigkeit ihres Wagens.

Den dürfe, wie sie zum Abschluss verkündet, „nur ein Liebhaber“ fahren. Den genauen Kilometerstand kann sie dem Nachfolge-Chauffeur freilich nicht verraten, denn vor einigen Jahren ging der Zähler kaputt. „Mehr als 200.000 Kilometer bestimmt“, schätzt Müller-Gwinner die Fahrleistung – immerhin sei sie früher Vielfahrerin gewesen. Heute allerdings beschränkt sie sich auf Einkaufsfahrten und auf Lustfahrten, um „halt so in der Gegend rum zu fahren“, erzählt die 84-Jährige.

Info

Das Rottenburger Stadtarchiv, Obere Gasse 12, bietet am Mittwoch, 8. Juni, von 14 bis 15 Uhr einen weiteren Termin an, bei dem alle ihre historischen Bilder oder Dokumente einscannen und damit für die Nachwelt sichern lassen können.

Anneliese Müller-Gwinner berichtet vom ersten Autobesitzer
Anneliese Müller-Gwinner, 84, vor ihrem 25 Jahre alten Mercedes 190. Das historische Foto aus ihrem Haushalt zeigt einen Verwundeten-Transport während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1915. Ob am Steuer dieses Autos ihr Großvater saß, ist nicht ganz sicher. Auf jeden Fall hatte Fabrikant Christian Gwinner als Erster in Rottenburg ein Auto, und zwar schon 1901. Albert Frauz, ebenfalls Fabrikant, hatte das zweite Kraftfahrzeug in der Stadt. Bilder: Mozer/privat

Anneliese Müller-Gwinner berichtet vom ersten Autobesitzer

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01.06.2011, 12:00 Uhr

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