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Über den Tellerrand raus

Annette Deutschle will jungen Frauen in Villa El Salvador das Haareschneiden beibringen

Nach 27 Jahren im Salon Schäfer gönnt sich Annette Deutschle jetzt eine Auszeit – für den Ausbruch aus der Alltagsroutine und den Aufbruch in eine neue Welt: Am 3. Januar fliegt die Friseurin für ein Jahr nach Villa El Salvador, um dort jungen Frauen ihr Handwerk beizubringen.

23.12.2012
  • Sepp Wais

Tübingen. In letzter Zeit hat sich – dank zahlreicher Besuche und Internet-Kontakte – einiges getan zwischen Tübingen und seiner peruanischen Partnerstadt Villa El Salvador. Großen Anteil daran haben die Weltwärts-Freiwilligen aus dem Uhland-Gymnasium, die den Austausch über den Atlantik hinweg mit ihrem Engagement an der Partnerschule Fe y Alegría wesentlich belebt und beschleunigt haben.

Doch nun wird diese Verbindung mit einem ganz neuen Element angereichert. Mit Annette Deutschle kommt erstmals eine Handwerkerin nach Villa, die dort ihre beruflichen Fähig- und Fertigkeiten an junge Leute weitergeben will. Damit beackert sie eines der größten Problemfelder in der 400 000 Menschen zählenden Vorstadt von Lima: Für Jugendliche aus armen Familien gibt es kaum eine Möglichkeit, nach der Schule einen praktischen Beruf zu erlernen. Diese große Lücke will Annette Deutschle im kommenden Jahr für 20 junge Leute schließen.

Darin sieht die aus Sulzau stammende Friseurin durchaus keinen caritativen Akt – sie will genauso profitieren von dem Auslandeinsatz wie ihre Berufsschüler. 27 Jahre lang hat ihr der Job im Tübinger Salon Schäfer „immer Spaß gemacht“, aber jetzt ist es für sie „an der Zeit, aus der Routine auszusteigen, über den Tellerrand hinauszugucken und mal was ganz anderes anzupacken – irgendwas Sinnvolles in der Dritten Welt“.

Auch ohne familiäre Verpflichtungen ist das für eine 44-jährige Frau ohne Abitur gar nicht so einfach. Gern wäre sie als Weltwärts-Freiwillige losgezogen, doch dafür war sie zu alt. Für andere Friedens- und Entwicklungsdienste hatte sie „leider den falschen Beruf – die suchen Ärzte und Lehrer, aber keine Friseure.“ Also blieb ihr nichts übrig, als ihr Glück auf eigene Faust zu probieren. Beraten von Nani Mosquera-Schwenninger, der Vorsitzenden des Partnerschaftsvereins, ließ sie sich schließlich auf die Idee ein, am Berufsbildungszentrum Santa Rafaela Maria, einer Schwesterschule von Fe y Alegría, zu unterrichten. Ihr Ziel ist es, im kommenden Jahr 20 Mädchen in zwei Schichten (vormittags und nachmittags) das Haareschneiden („ohne Chemie und Strähnchen“) so gründlich beizubringen, dass sie hinterher selbstständig arbeiten und Geld verdienen können.

Das dafür nötige Handwerkszeug muss Deutschle selber mitbringen. Eine einfache Ausrüstung mit zwei Scheren, diversen Kämmen und einer Haarschneidemaschine kostet 700 Euro – für Berufsschüler in Villa ein Vermögen. Also hat sie in den vergangenen Wochen intensiv getrommelt und um (gebrauchtes) Werkzeug gebettelt, mit Flyern an ihrem Arbeitsplatz, unter Kolleginnen, bei der Kreishandwerkerschaft und bei der Friseur-Innung, bei Verwandten und im Bekanntenkreis.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: „Jetzt hab’ ich immerhin zehn komplette Sätze beieinander, das reicht erstmal für den Schichtbetrieb.“ Da sie am Ende der Ausbildung aber allen ihren Schülerinnen eine komplette Ausrüstung für den Einstieg ins Berufsleben überlassen will, ist sie auf weitere Sachspenden angewiesen. Ebenso auf Geldspenden – zum Kauf von Material und auch zur Abdeckung ihres Unterhalts, den sie komplett aus eigener (Spenden-)Kasse bestreiten muss.

„Etwas mulmig“ ist ihr schon beim Kofferpacken: „Man weiß ja nicht, was da so alles auf einen zukommt, wo ich wohnen werde und wie es ist, vor eine Klasse hinzustehen und spanisch zu sprechen.“ Letzteres muss sie erst noch richtig lernen, in einem achtwöchigen Intensivkurs in einer Sprachschule in Cusco. Danach geht‘s hinunter an die Küste, nach Villa, wo sie peruanische Freunde – wie alle Besucher aus Tübingen – herzlich empfangen und unter ihre schützenden Fittiche nehmen werden. Die viel gerühmte Gastfreundschaft in der Partnerstadt macht Annette Deutschle Mut zum Aufbruch: „Es ist Zeit, jetzt will ich es wissen.“

Annette Deutschle will jungen Frauen in Villa El Salvador das Haareschneiden beibringen
Der Job vor dem Spiegel hat ihr immer Spaß gemacht – aber jetzt nimmt sich die Friseurin Annette Deutschle im Salon Schäfer eine Auszeit für ein Jahr in Peru.

Wer Annette Deutschle mit brauchbarem Handwerkszeug unterstützen will, kann dies im Salon Schäfer (Friedrichstraße 3, Tel: 0 70 71/ 3 32 75) abgeben. Wer bei der Finanzierung ihres Projekts mithelfen will, kann auf das Konto des Partnerschaftsvereins Villa El Salvador-Tübingen bei der Kreissparkasse spenden, Kontonummer: 132 81 69, BLZ: 641 500 20, Stichwort: Friseurkurs VES.

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23.12.2012, 12:00 Uhr

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