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Von Distanz und Nähe

Annette Pehnt war in der Reutlinger Stadtbibliothek

Von der Kritik gefeiert, mit Preisen überhäuft: Dienstagabend war die Autorin Annette Pehnt in der Reutlinger Stadtbibliothek.

13.12.2012
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Drei Generationen auf der Suche nach Nähe: Großmutter, Mutter und Tochter. Die Tochter blickt als Ich-Erzählerin am Sterbebett der Mutter auf das gemeinsame Leben zurück. Sieben Tage lang, daher der Titel: „Chronik der Nähe“ (Piper-Verlag, 224 Seiten, 17,99 Euro). Parallel einmontiert ist die Geschichte der Mutter Annie, was die Verwundungen der Tochter erst verstehen lässt: Kriegserfahrungen, wie Annie als kleines Mädchen auf dem Weg in den Bunker die Beine versagen, wie sie darauf unter unsäglichen Bedingungen jede Nacht in einem fremden Keller schlafen muss.

Es sind solche kleine und großen Verletzungen, die zur dichten Atmosphäre des neuen Romans von Annette Pehnt beitragen. Die Tochter hat als kleines Kind immer geschrien, „Folter“ nannte die Mutter das. Und andauernd hatte die Tochter Angst. Die Autorin liefert dazu den Begriff der Therapeuten: „Transgenerationelle Übertragung bei Kriegstraumatisierten“.

Das „Deutschlandradio Kultur“ nannte sie schon eine „Spezialistin für Krankenhaus- und Heimszenerien“. Der Anlass für Pehnts neuen Roman war der Tod ihrer eigenen Mutter vor vier Jahren, sagt sie im Gespräch mit Wolfgang Niess (SWR) vor nur 30 Zuhörern ganz offen. „Eigentlich ist das meine Stimme- Ich habe mit der Ich-Erzählerin angefangen. Bis ich gemerkt habe, dass es eine einseitige Anklage gegen die Mutter wird. Da hatte ich das Gefühl, ich muss poetische Gerechtigkeit üben.“ So stellte sie den Vorwürfen der Tochter „Mosaiksteine“ aus dem Leben der Mutter gegenüber. Männer spielen kaum eine Rolle in diesem Roman. Die sind entweder im Krieg oder bei der Arbeit, um Geld zu verdienen. „Ich habe mich entschlossen, die Männer an den Rand zu verweisen. Ich wollte dieses Spielfeld abstecken“, sagt die Autorin. Ihr Interesse: „Was für ein Schauplatz ein einzelner Mensch sein kann – für Dinge, die gar nicht in ihm liegen.“ Mit dem Buch wollte sie „viel erklären. Ich wollte mir vieles klar machen damit.“ Das Schreiben sieht sie als „Möglichkeit, offene Fragen, die nicht mehr beantwortet werden können, weiterzudenken.“

Eigentlich hätte sie den Band viel lieber „Chronik der Distanz“ genannt – aber das wollte der Verlag nicht. Nach elf Jahren und etlichen Buchveröffentlichungen kennt sie den Literaturbetrieb. Sie gewann reihenweise Auszeichnungen, zuletzt den Hermann-Hesse-Literaturpreis. Vom Preisgeld leistet sie sich ein Arbeitszimmer ohne Internet, sagt die 45-Jährige, die sich als disziplinierte Schreiberin darstellt: „Ich setze mich stur an den Schreibtisch. Es kommt immer was.“ Halbtags arbeitet sie an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, wo sie mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt.

Pehnt ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, hat Anglistik, das mittlerweile fast ausgestorbene Orchideenfach Keltologie und Germanistik studiert. Während des Studiums schrieb sie Rezensionen für die „FAZ“. Doch schon bei ihre Doktorarbeit über einen irischen Autor merkte sie, dass sie viel lieber dessen Geschichte erzählen wollte. „Die Promotion war im Grunde mein erster Roman. Sie war nicht wissenschaftlich genug. Das war eine Sackgasse. Die hat mich wirklich dazu motiviert, meinen ersten Roman durchzuziehen.“ Sie fängt immer schon mit dem nächsten Buch an, wenn das aktuelle in den letzten Zügen ist. Auch diesmal. Ihr letzter Roman „Mobbing“ habe Erfahrungen ihres Mannes mit Schikanen am Arbeitsplatz verarbeitet, erzählt sie.

Annette Pehnt war in der Reutlinger Stadtbibliothek
Annette Pehnt schreibt auch Kinderbücher, erzählt sie Wolfgang Niess (SWR). Der eigene Nachwuchs höre kritisch zu: „Die nehmen kein Blatt vor den Mund.“

Als Schülerin wollte die Hundefanatikerin Annette Pehnt Ausbilderin für Blindenhunde werden. Nach dem Abi 1986 in Köln ging sie friedensbewegt ein Jahr nach Belfast. In Nordirland „war die politische Realität mit den Händen zu greifen“. Geschrieben hat sie immer, hielt alles fest, was ihr passierte, fing früh an, sich Sachen auszudenken. „Ich dachte, das wäre mein Beruf.“ Die 45-Jährige weiß beim Schreiben nicht, wie das Buch endet. „Für mich ist das immer Entdeckungsarbeit. Ich schreibe, um meine Figuren kennenzulernen.“

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13.12.2012, 12:00 Uhr

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