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Anonyma - Eine Frau in Berlin

Nina Hoss als deutsche Trümmerfrau, die in der Nachkriegszeit Opfer einer Vergewaltigung wird.

Nina Hoss als deutsche Trümmerfrau, die in der Nachkriegszeit Opfer einer Vergewaltigung wird.

Anonyma - Eine Frau in Berlin

© null 02:19 min

Deutschland

Regie: Max Färberböck
Mit: Nina Hoss, Evgenij Sidikhin, Sandra Hüller, Irm Hermann

- ab 12 Jahren

Tagblatt-Wertung

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Film bewerten

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23.11.2015
  • Wolfgang Hübner

Dieser Film hätte leicht vollständig misslingen können. Doch er ist, so wie er nun in die Kinos kommt, lediglich nicht ganz gelungen. Das aber ist schon ein besonderer Erfolg in Anbetracht des ungeheuer heiklen, noch immer sensiblen Themas, das hier behandelt wird: Es sind die Massenvergewaltigungen von über zwei Millionen Frauen nach dem Einmarsch und Sieg der Roten Armee im Schicksalsjahr 1945.

Die damals 34-jährige Journalistin Marta Hiller war eine der vergewaltigten Frauen. Sie erlebte das Kriegsende in Berlin und schrieb auf, was ihr und vielen anderen damals widerfuhr. Diese Aufzeichnungen erschienen bereits in den 50er Jahren, hatten aber in Deutschland ein negatives Echo - noch zu nah waren all die Schrecken des Krieges.

Die Autorin berichtet lakonisch, fast distanziert über die Zeitspanne von Ende April bis Ende Juni 1945, in denen ganz junge Mädchen bis hin zu Greisinnen sexuelles Freiwild für die siegestrunkenen sowjetischen Soldaten waren. In der Geschichte der Menschheit ist der grausame Umgang mit menschlicher Beute wahrlich kein unbekanntes Kapitel. Selten zuvor ist es so präzise geschildert worden wie in Hillers Aufzeichnungen.

Im Mittelpunkt steht die Autorin selbst, die den Einmarsch der Sowjets in einem halb zerstörten Berliner Wohnhaus miterlebt. Rasch werden die Frauen in dem Haus Opfer von barbarischer Männergewalt, darunter auch "Anonyma ". Sie jedoch entkommt der Willkür sexuell ausgehungerter, ideologisch aufgeheizter und von Rachegedanken an die deutschen Zerstörungen in Russland getriebener Soldaten mit einem Verzweiflungsmanöver: "Anonyma " macht sich selbst zur Geliebten eines kultivierten sowjetischen Offiziers, der ihr fortan Schutz gewährt, aber deswegen schließlich in größte Schwierigkeiten gerät.

Der von Max Färberböck inszenierte Film wagt es, das Grauen jener Tage zu zeigen. Färberböck, der zusammen mit Catharina Schuchmann auch das Drehbuch verfasst hat, stand vor einer schwierigen, fast unlösbaren Aufgabe: Er sollte ja nicht nur entsetzliche Gewalttaten und sadistische Abgründe in einer für die Zuschauer noch erträglichen Weise bebildern. Zugleich bestand die große Herausforderung für die Filmemacher darin, sowohl die deutschen weiblichen Opfer wie die russischen männlichen Soldaten, von denen nicht alle Vergewaltiger oder gar Mörder waren, differenziert darzustellen, ohne das schrecklich Geschehen zu verharmlosen. Das ist - mit wahrscheinlich unvermeidlichen Einschränkungen - gelungen.

Mit Nina Hoss in der Hauptrolle ist eine gute Wahl getroffen worden, weil diese Schauspielerin die Figur einer intellektuellen Frau, die sich mit empörenden Verhältnissen zu arrangieren weiß, ohne diese zu verzeihen, glaubhaft machen kann.

Neben Hoss sind eine ganze Reihe bekannter Darsteller zu sehen, darunter Irm Hermann, Rüdiger Vogler, Juliane Köhler und August Diehl. Sie alle zeigen das Panoptikum eines völlig am Boden liegenden Volkes zwischen Verzweiflung, Opportunismus und Zynismus.

Auf der Besetzungsliste sind auch etliche russische Namen verzeichnet. Evgeny Sidikhin, in seiner Heimat ein Kinostar, verkörpert den gebildeten Offizier Andrej, den sich "Anonyma " als Beschützer auswählt. Andrej ist einer jener guten Menschen, denen es in schlechten Zeiten nicht gut ergeht. Der Film zeigt auch andere sowjetische Uniformträger, als vom Krieg verrohte, frauenverachtende Männer. Ihre Untaten werden nicht verniedlicht. Aber es wird klar, dass es eine verbrecherische deutsche Führung war, die so viel Leid heraufbeschworen hat.

Nicht immer gelingt es Färberböck, die in diesem Fall sehr wichtige Grenzlinie zwischen Drama und Melodram zu beachten. Die Geschichte zwischen "Anonyma " und Andrej wird teilweise zu gefühlig inszeniert. Es ist zudem fragwürdig, ob wirklich das Leid der vergewaltigten Frauen durch das vorhergehende Leid der Russen unter den deutschen Besatzern relativiert werden kann. Es gab schließlich in der Roten Armee etliche Soldaten, die sich an dieser abstoßenden Variante von Siegesrausch nicht beteiligten oder sogar, was in der Stalin-Diktatur hochgefährlich war, Kritik daran übten.

Aber das schmälert nicht das Verdienst des Films, ein fast tabuisiertes Kapitel deutscher Geschichte den Nachgeborenen nun auch im Kino ins Bewusstsein zu bringen. All den geschändeten, ein Leben lang traumatisierten Frauen, von denen viele Selbstmord begingen, kann das nicht mehr helfen. Aber es mag dazu beitragen, dass sich eine solche Tragödie nie wiederholt.

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23.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 21.07.2009, 12:00 Uhr

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28.11.2008

12:00 Uhr

Schlipinho schrieb:

>>>Es ist zudem fragwürdig, ob wirklich das Leid der vergewaltigten Frauen durch das vorhergehende Leid der Russen unter den deutschen Besatzern relativiert werden kann.>>>
Herr Hübner, Ihre politische Korrektheit kotzt mich an und grenzt an Masochismus und Sadismus, das von von zahlreichen Vertretern Ihrer Spezies nur allzu gewohnt ist! schlimm, eine solche Filmrezension lesen zu müssen. Das Grauen in Berlin der damligen Zeit ist nicht mal ansatzweise dargestellt. Sie gehören doch dieser Popcornfressenden, dekadenten Verwöhntgeneration an, die einen solches Grauen auch noch politisch und gesellschaftlich korrekt sezierhaft auseinander nehmen zu versuchen. Widerlicher gehts nimmer



10.11.2008

12:00 Uhr

schrieb:

ein kleines, deutsches film-juwel, das wohl im schatten des 'bm-komplex' stehend von vielen leider zu unrecht übergangen und übersehen wurde.



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