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Fang den Friederich

Anpasser, Hochstapler, Untergeher: Joachim Zelters „untertan“

Joachim Zelter ist ein Meister des Schelmen- und Hochstaplerromans. Seine Geschichten bergen einiges an Traurigkeit und Zorn, auch wenn sie vorderhand enorm lustig sind.

29.09.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. Seine Hauptfiguren sind meist verzweifelt, aber das merken sie nicht, und was heißt das auch schon. Sie sind so verzweifelt, so dumm, so gerissen, so banal und so einzigartig wie wir alle. Nur eben überzeichnet dargestellt, satirisch beleuchtet. Seine Romane sind gesprochene/gehörte Welten, nur eben aufgeschrieben. Man muss sie laut lesen. Oder sich vorlesen lasen. Am besten vom Autor selbst. Wie am Donnerstag bei der Buchpremiere von „untertan“ im Löwen wieder zu hören war.

Wie der Titel schon nahe legt, nimmt das Buch das Untertan-Motiv Heinrich Manns auf – um es dann allerdings ins Heute zu übertragen. Kein wilhelminischer Obrigkeitsstaat, sondern eine ehrgeizige Mittelstandsfamilie und noch viel ehrgeizigere und vor allem unverschämtere Adels- und Großunternehmerfamilien (beziehungsweise deren Söhne) bilden den Hintergrund für die Hauptfigur. Sie heißt Friederich Ostertag, ist Sproß eines Spielzeugwarengeschäfts mit großem Vorfahren: Der Ururgroßvater hatte das Fang-den-Hut-Spiel erfunden.

Friederich also. Aus dem unbedingt etwas werden muss. Wobei weniger das Wohl des Jungen im Vordergrund steht. Vielmehr geht es ums Renommée, um den Nachfolger für die Firma, ums liebe Geld. Um den Schein. Das Sein aber ist: Friederich, ein Schulversager, der schließlich auf ein Oberschichtsinternat geschickt wird. Hänseleien, überforderte Lehrer, dreinredende Eltern. Eine einzige Leidenszeit – würde Friederich nicht da schon seine Überlebensmethode entwickeln: Anpassung, Täuschung. Aber auch andienernder Fleiß. Und Hochstapelei, jener Höhenzug, der immer nur die Kehrseite des Buckeltals ist. Während des Studiums gelingt Friederich dies in Perfektion, er schreibt Hausarbeiten für Kommilitonen, eine Magister- und schließlich Doktorarbeit für den Sonnyboy, Luftikus, Blender und Frauenschwarm von Conti. Im Gespann zwischen dem Lebenskünstler von Conti und seinem Ghostwriter, dem sich schwer tuenden Überlebenskünstler Friederich, variiert Zelter im Ansatz das Cyrano de Bergerac-Motiv. Die Aufspaltung macht außerdem jene zwei Seelen plastisch, die oft genug in ein und der selben Brust wohnen. Und sie ist im Kern hoch politisch. Tatsächlich verpassen Menschen ja ihr Leben, indem sie für Lohn, etwas Anerkennung und fragwürdige Identitätsstiftung Traumtänzer-Fassaden irgendwelcher Götter, Namen, Firmen, Parteien zuarbeiten – und dabei selbst zur hohl drehenden Fassade werden.

Und was wäre dann Friederichs nicht verpasstes Leben, also das richtige Leben ohne das falsche?

Auf solche Fragen gibt der Roman keine Antwort. Seine Sache ist die negative Utopie. Das Positive gibt es aber auch. Es heißt zum Beispiel Sylvia. Man kann es aber auch in Friederichs heimlicher Rebellion, Subversion, Sabotage entdecken. Sie äußert sich in den unsinnigsten Fußnoten, die er in die Doktorarbeit von Contis schmuggelt.

Es gibt ja in Zelter-Romanen diese Stellen, in denen der Autor quasi mit seinen Einfällen über die Stränge schlägt, sich einen Privatspaß gönnt, Metaebene-Gucklöcher aus dem Roman schlägt. Hier nun schlägt er sie im Parallelschwung mit den grotesken Fußnoteneinfällen seiner Hauptfigur: Friederichs herausgestreckte Zunge, Entlastungsarbeit. Und spätestens bei den Fußnoten wird der Leser, wenn er an von Conti denkt, kurz das Gesicht Theodor von Guttenbergs vorüberhuschen sehen, ein Spuk.

Global Players, Global Playboys

Von Conti wird Friederich fallen lassen, das übliche Bauernopfer. Das Spielwarengeschäft und der zu Beginn in seinem Drang nach Höherem so karikierte Mittelstands-Vater Friederichs werden am Ende fast wehmütig aufgewertet und zugleich: verabschiedet. Gegen die global Players dieser Welt ziehen sie genauso den Kürzeren wie Friederich gegen den von ihm angehimmelten global Playboy von Conti.

Übrigens: Auch Joachim Zelter besuchte ein Internat. Und er stammt zwar nicht von einem Fang-den-Hut- Erfinder ab, dafür gab es in seiner Familie einen Kult um den Vorfahr und Goethe-Freund Carl Friedrich Zelter. Aus der Goldmine der eigenen Erfahrungen hat er also wieder ein paar Stücke ab- und eingebaut. Weit über 100 Zuhörer lauschten ihm am Mittwoch im ehemaligen Kino und aktuellen Zelter-Kopfkino Löwen.

50 Jahre alt ist Joachim Zelter jüngst geworden. Wir beglückwünschen ihn hiermit nachträglich. Auch zu diesem Roman.

Info: Joachim Zelter „untertan“, Verlag Klöpfer&Meyer, 216 Seiten, 19.50 Euro

Anpasser, Hochstapler, Untergeher: Joachim Zelters „untertan“
Joachim Zelter

Anpasser, Hochstapler, Untergeher: Joachim Zelters „untertan“

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29.09.2012, 12:00 Uhr

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