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Antisemitische Bluttat schockiert Frankreich
Herzen und ein Foto kleben an der Wohnungstür der ermordeten Mireille Knoll. Foto: Christophe Ena(dpa
Mord in Paris

Antisemitische Bluttat schockiert Frankreich

Die 85-jährige Mireille Knoll ist getötet worden. Die Polizei vermutet Judenhass als Motiv. Die Frau hatte einst den Holocaust überlebt.

28.03.2018
  • PETER HEUSCH

Paris. Es ist eine Bluttat, die über die Grenzen Frankreichs hinaus für Entsetzen sorgt. Nach einem Wohnungsbrand in Paris entdeckten Feuerwehrleute am Freitagabend die Leiche einer mit elf Messerstichen ermordeten Frau. Es handelte sich um die Eigentümerin des Appartements, die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll. Das Opfer hatte sich zuvor mehrfach bei der Polizei über Morddrohungen eines Mannes aus ihrer Straße beschwert, der angekündigt habe, sie „verbrennen“ zu wollen.

Offenbar bezweifelte die Pariser Staatsanwaltschaft keinen Augenblick lang, dass der grausigen Tat antisemitische Motive zugrunde liegen und leitete ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes ein. Noch am Wochenende wurde ein 29-Jähriger aus der Nachbarschaft verhaftet. Am Montag nahm die Polizei einen mutmaßlichen Komplizen in Polizeigewahrsam.

Mireille Knoll ist 1942 als zehnjähriges Mädchen nur knapp der berüchtigten „Razzia vom Vélodrome d‘Hiver“ entkommen, weil sie wenige Tage zuvor mit ihrer Mutter aus Paris geflohen war. Damals hatte die französische Polizei auf Order der deutschen Besatzer rund 13 000 Juden festgenommen und in das Pariser Radsportstadion gesperrt. Die meisten von ihnen wurden ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet.

Frankreichs 500 000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde steht unter Schock, auch weil das Verbrechen schlimme Erinnerungen wachruft. Im April 2017 wurde die jüdische Ärztin Sarah Halimi (66) von ihrem muslimischen Nachbarn in ihrer Wohnung misshandelt und aus dem Fenster gestürzt. Nachbarn hatten gehört, wie der Täter „Allahu akbar“ rief, während der Mordtat den Koran rezitierte und schließlich schrie, er habe den Teufel getötet. Dennoch weigerten sich die Ermittler monatelang, Antisemitismus als Tatmotiv anzuerkennen.

Das ist diesmal anders, schon weil die Zahl rassistischer Drohungen und Übergriffe mittlerweile auf den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg angestiegen ist. Erst vergangene Woche hatte Regierungschef Édouard Philippe einen nationalen Plan gegen Rassismus und Antisemitismus vorgelegt. Präsident Emmanuel Macron und Innenminister Gérard Colomb drückten umgehend ihrer Empörung über die antisemitische Bluttat aus.

Zwar bestreiten Soziologen und Politologen wie Dominique Reynié entschieden, dass „die französische Gesellschaft vom Antisemitismus durchzogen“ sei. Aber auch Reynié spricht inzwischen von einem „neuen Antisemitismus“, welcher schon seit dem Ausbruch der zweiten Intifada um sich greife. Richtig ist jedenfalls, dass sich vor dem Hintergrund der Konflikte im Nahen Osten die Spannungen zwischen Moslems und Juden in Frankreich schon vor der islamistischen Attentatsserie ständig verschärft haben.

Von einem Klima der Angst spricht der Vorsitzende des Dachverbandes der jüdischen Organisationen, Francis Kalifat. Tatsächlich können viele jüdische Franzosen nicht mehr daran glauben, dass sich die Situation in absehbarer Zeit verbessern wird und ziehen die Konsequenz. Zwischen 2013 und 2017 sind 27 000 Juden nach Israel ausgewandert, drei Mal so viele wie in den fünf Jahren zuvor. Allerdings war diese Auswanderungswelle zuletzt wieder rückläufig.

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28.03.2018, 06:00 Uhr

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