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Grüne Paradiese (8): Studierende legen Feldgarten an

Apfelbaum statt Zypresse

Der Garten ist erst eineinhalb Monate alt und trägt bereits erste Früchte: Eine Studierendengruppe macht aus einem Wiesenstück der Universität Tübingen auf dem Sand einen Permakultur-Garten.

08.08.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Wer beim ehemaligen Versorgungskrankenhaus auf dem Sand um die Ecke biegt, gelangt zu einem einfachen Feldgarten, umgeben von blühenden Wiesen. Auf einem lang gestreckten Hügelbeet recken sich pralle Zucchini. Salat, Mais, Bohnen, Sonnenblumen, Kürbis und Paprika brauchen noch ein bisschen Reifezeit. Das Beet ist vergleichsweise flach, denn es wurde ohne maschinelle Hilfsmittel angelegt, sagt Sarah Daum vom studentischen Klimafarming-Projekt. „Wir wollen Permakultur-Methoden ausprobieren und Interessierten Tipps und Anregungen geben“, so die 27-jährige Geoökologie-Studentin.

Wie ein Wald, der sich selbst erneuert

Permakultur meint nachhaltigen Gartenbau im Einklang mit der Natur. Was darin gedeiht, soll nicht bloß dekorativ sein, sondern auf den Teller. Statt exotische Gewächse zu kultivieren und Spritzmittel einzusetzen, sollten Gärtner lieber schauen: „Was wächst in dieser Gegend?“, sagt Daum. Sie engagiert sich zudem in der Transition-Town-Initiative Tübingen-Rottenburg, die sich Projekte überlegt, die Klimawandel, ökonomischer Instabilität und Erdölknappheit entgegenwirken können – wie etwa der ökologische Anbau von Obst und Gemüse.

Im Inneren des Hügelbeets liegen unter anderem Kompost und Hölzer vom Frühjahrsschnitt der Haselhecke. „Die Hölzer halten länger als Grünschnitt-Kompost“, erläutert Daum. Im nächsten Jahr werde das Beet noch ertragreicher sein, „weil bis dahin die Nährstoffe besser freigesetzt werden“.

Bisher engagieren sich etwa 15 Studierende im Modellgarten. Die meisten sind Geoökologen, einer ist Informatiker. Weitere Neugärtner aller Fachrichtungen sind jederzeit willkommen. Die Gruppe orientiert sich an dem Prinzip: „Wie kann man leben, ohne die Ressourcen zu zerstören, von denen man lebt?“, so Daum. Man könne sich das vorstellen „wie einen Wald, der sich selbst erneuert“. Beim Ernten zähle nicht etwa Masse, sondern: „Nicht mehr nehmen, als ich brauche.“

Statt auf Monokulturen setzen die Klimafarmer auf Vielfalt: Wenn ein bestimmtes Gemüse oder Obst in einem Jahr nicht so gut gedeiht, tragen die anderen Sorten dafür möglicherweise umso besser, sagt Daum. Gegen Schnecken empfiehlt die angehende Geoökologin: „Sägemehl mit ungelöschtem Kalk vermischen und um die Pflanzen oder um die Beete herum verteilen.“ Und: „Wir haben Biotope angelegt für Schnecken-Fressfeinde wie Igel, Blindschleichen und Eidechsen.“ Am liebsten würde die Gruppe auch noch Bienenstöcke aufstellen. „Aber wir müssen erst bei der Uni-Verwaltung fragen“, sagt Daum. Einen Imker hätten die Klimafarmer bereits an der Hand.

Eine aus Steinen aufgeschichtete sogenannte Kräuterspirale biete ebenfalls mehr als ein flaches, zweidimensionales Beet, sagt Daum. „Die Steine speichern Wärme“, erläutert die Studentin. Deshalb werden mediterrane Kräuter wie Oregano, Thymian und Salbei nach oben gesetzt. Unten, wo es feuchter und kühler ist, gedeihen Minze und Schnittlauch. „Wir haben nur ein bisschen mit Brennnesseljauche gedüngt.“ Etwas Mulch verhindert, dass der Boden zu rasch austrocknet. Nach außen ist das kegelförmige Kräuterbeet durch Rindenmulch geschützt.

Aus aufgegebenen Schrebergärten gerettet

Am Feldeingang begrenzen alte Paletten ein Hochbeet – zwei Paletten lang, eine Palette breit. „Ein Hochbeet ist eine Art Kompost, auf dem man gleichzeitig etwas anbauen kann“, erläutert Daum. Auch mitten in der Stadt und auf Kiesboden lasse sich eines anlegen. Sogar Rollstuhlfahrer könnten daran gärtnern.

Den Kompost am Feldrand beschattet eine Linde. Ganz in der Nähe soll sich der künftige Waldgarten mit Stauden und Beerensträuchern ausbreiten, nach Norden hin durch Bäume wie Felsenbirne oder Kornelkirsche geschützt. Ein paar knorrige Apfelbäume, deren Früchte schon rote Bäckchen bekommen, gibt es im Feldgarten schon.

Der Forst-Ingenieur Philipp Weig fährt einen Schubkarren voller Grünzeug heran: Das rübenartige Gewächs mit den riesigen länglichen Blättern ist Meerrettich. Daneben liegen Erdbeerstöcke, Himbeerranken, Johannisbeersträucher, Minze, Borretsch, Ringelblumen und ein Rosenstock mit orange-gelben Knospen. Aus aufgegebenen Schrebergärten gerettet, sollen sie im Garten auf dem Sand weiter gedeihen. Der 30-Jährige ist für die Transition-Town-Initiative Tübingen-Rottenburg im Feldgarten. Für Permakultur interessiert er sich, weil er sieht, „was in der modernen Landwirtschaft alles schiefläuft“, so Weig. „Diese Zentralisierung und Homogenisierung“ führe zur Konzentration auf wenige Sorten, zu Artensterben und zum Einsatz von immer mehr Agrarchemikalien.

„Früher hatte jedes Dorf eigene Obst- und Gemüsesorten“, sagt der Forst-Ingenieur und verweist wie Sarah Daum auf das Ökosystem Wald, dessen hundert- oder 200-jährige Umtriebszeiten mit schnellen Profit nicht zu vereinbaren seien. „In Hausgärten wächst ein Haufen Zeug, das keinen Nutzen hat“, findet Weig. Als ersten Schritt empfiehlt er, vom Rasen ein Stück umzugraben, ein Hügelbeet anzulegen und statt einer Zwergzypresse lieber einen Apfelbaum zu pflanzen.

Apfelbaum statt Zypresse
Vor dem ehemaligen Versorgungskrankenhaus auf dem Sand schichten zwei Garten-Aktivist(inn)en Erde in ein Hochbeet.Privatbild

In dieser Serie stellen wir Grundstücke vor, die sich von den klassisch gepflegten Gärten mit viel gemähtem Rasen und Blumenrabatten unterscheiden. Haben Sie auch einen Naturgarten oder einen Landgarten? Dann lassen Sie uns das bitte wissen unter Telefon 0 70 71 / 934-302 oder per E-Mail an redaktion@tagblatt.de.

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08.08.2012, 12:00 Uhr

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