Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Streuobstcafé soll Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen

Apfelsaft frisch von der Wiese

Der Freundeskreis Mensch und die Körperbehindertenförderung Neckar-Alb planen ein gemeinsames Lokal, in dem heimische Produkte serviert und verkauft werden. Dass der Landkreis ins Förderprogramm Plenum aufgenommen wurde, kommt ihnen sehr zupass.

21.08.2012

Von Gabi Schweizer

Mössingen. Der Ort? Noch unbekannt – aber irgendwo in Mössingen. Die Förderung? Noch unklar – aber ohne geht?s nicht. Wie? So ähnlich wie der Kastanienhof in Bodelshausen – aber natürlich nicht ganz gleich. Es ist vorerst nur eine Idee – aber eine, die sich gut einfügt in all die Debatten um Streuobstparadiese einerseits und mehr Teilhabe andererseits.

Der Freundeskreis Mensch, der Werkstätten für Behinderte im ganzen Landkreis anbietet, und die Körperbehindertenförderung Neckar-Alb (KBF) planen ein gemeinsames Streuobst-Café. Gert Mohler, dem stellvertretenden KBF-Geschäftsführer, schwebt ein kleines Lokal vor, in dem die Besucher sitzen, essen, trinken und außerdem ein paar Sachen kaufen können, die in der Region entstehen – Saft, biodynamisches Apfelkompott, Obstbrand, eventuell Mössinger Bier.

Nichts Großes – jedenfalls keine zweite Loretto-Gaststätte (so heißt der gut integrierte Integrationsbetrieb in Tübingen). Aber ein Lokal, das Arbeitsplätze bietet für Menschen mit Behinderung sowie für Fachpersonal. Damit so ein Café überhaupt Sinn macht, müssten die Streuobstwiesen gepflegt werden. Zwar gibt es in Mössingen viele Streuobst-Engagierte – aber eben auch viele Bäume. Und so wird auch diese Arbeit in der Projekt-Skizze aufgelistet, als mögliche Jobs für Menschen mit Behinderung.

Sowohl die KBF als auch der Freundeskreis bieten Wohnplätze für sie an, die Körperbehindertenförderung darüber hinaus Kindergärten und eine Schule, der Freundeskreis unterhält Werkstätten. Wer eine Behinderung hat, hat oftmals mit beiden Einrichtungen zu tun – weil er beispielsweise zunächst die Dreifürstensteinschule besucht und anschließend in Gomaringen arbeitet. Dass die beiden sich nun für ein Streuobstcafé zusammentun, ist daher naheliegend. Solche Kooperationen sind nichts Ungewöhnliches: Der Freundeskreis kooperiert schon mit der Lebenshilfe, die mit der Aktion „Jobfit“ versucht, Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.

Klar ist: Gästen Kuchen zu servieren macht den meisten Leuten sicher mehr Spaß und erfüllt sie in viel höherem Maß, als Knetröllchen in eine Box zu sortieren. Andererseits: Wer in den Werkstätten beschäftigt ist, braucht meist die Betreuung, die der Freundeskreis nur dort leisten kann. Für jene, die darauf nicht angewiesen sind, gibt es bereits eine Reihe anderer Optionen – den Betten-Bezieh-Service in der Uniklinik zum Beispiel.

Und so sinniert Freundeskreis-Vorstand Thorsten Hau über dasselbe Problem, das auch den Werkstatt-Rat umtreibt – so gut sie die Idee auch finden: Wird es überhaupt genügend Leute geben, die dafür in Frage kommen? „Man muss in einem Café ja auch mal eine Stunde oder zwei allein zurechtkommen. Wenn wir deutlich mehr Geld für deutlich mehr Personal hätten, könnten wir Assistenz ganz anders gestalten.“ Deswegen hängt nun viel von der Förderung ab, die es für ein solches Streuobstcafé geben würde.

Hilfreich ist, dass der Landkreis ins Förderprogramm Plenum aufgenommen wird. Auch davon versprechen die beiden Einrichtungen sich Zuschüsse. Schließlich trüge ein solches Café dem Wunsch Rechnung, die heimischen Produkte besser zu vermarkten – was wiederum einen Anreiz schüfe, die Streuobstwiesen zu pflegen. „Im Moment, so resümiert Hau den Planungsstand, „ist es eine sehr konkrete Willenserklärung. Es ist nicht mehr die Frage, ob man ein Streuobstcafé macht, sondern eher, wie.“ Mohler verspricht sich davon beispielsweise auch Praktikumsplätze für die Dreifürstensteinschule.

Der Landkreis hat Anfang des Jahres eine Arbeitsgruppe gegründet, in der neben KBF und Freundeskreis auch die Lebenshilfe und die LBV-Eingliederungshilfe beteiligt sind: Welche Projekte ließen sich mit den Plenums-Fördergeldern verwirklichen? überlegten sie – und tüftelten beispielsweise die Idee aus, einen behindertengerechten Erlebnispfad zu schaffen. „Es ist das Tüpfelchen auf dem i, dass wir mit sozialen Trägern zusammenarbeiten“, findet der Erste Landesbeamte Hans-Erich Messner.

Bei einem Mössinger Streuobstcafé könnten noch weitere Partner dazukommen: Die KBF hat in ihrer Projektskizze jene aufgelistet, die sich bereits jetzt um Streuobstwiesen und Natur kümmern – zum Beispiel den Obst- und Gartenbauverein und den Nabu. In der Dreifürstensteinschule gibt es ohnehin eine Streuobstgruppe, beim Freundeskreis Mensch eine „Grüngruppe“. Bild: Fotolia

Das Plenum ist das „Projekt des Landes zur Erhaltung und Entwicklung von Natur und Umwelt“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte neulich bei seinem Besuch in Mössingen verlauten lassen, auch der Landkreis Tübingen werde aufgenommen. Dies bedeutet, dass das Land Projekte, die Natur und Wirtschaft nützen, mit jährlich bis zu 243 000 Euro fördert. Für Streuobstwiesen-Besitzer wäre vor allem ein Maschinenring interessant. Voraussichtlich soll in Mössingen eine Geschäftsstelle mit zwei bis drei Mitarbeitern eingerichtet werden, erklärt der Erste Landesbeamte Hans-Erich Messner. Das Land übernimmt 70 Prozent der Lohnkosten, der Kreis die restlichen 30. Bei den Projekten liegt der Landesanteil bei 10 bis 90 Prozent. Zunächst ist das Projekt auf sieben Jahre befristet und kann um fünf weitere verlängert werden, in denen die Förderung sukzessive verringert wird. Allerdings baut der Kreis auf drei Naturschutzsäulen: Den Verein Schwäbisches Streuobstparadies und einen noch zu gründenden Landschaftserhaltungsverband – dessen Geschäftsstelle würde mit der des Plenums zusammengelegt. Das Land bezuschusst dafür Personal, nicht aber Projekte.

Zum Artikel

Erstellt:
21. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen