Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Das Prinzip Karaoke: Hauptsache, es macht Spaß

Applaus für alle

28.04.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Das geht ja gut los: "Anything that can go wrong will go w ron" steht an der Wand über der Bühne: "Alles, was schiefgehen kann, wird schiefgehen."

Dazu muss man wissen, dass wir uns in einem Irish Pub namens "Murphy s Law" befinden. Der berühmte Pessimisten-Glaubenssatz dürfte also mehr das große Ganze betreffen als das Geschehen auf der kleinen Bühne. Und die Sänger lesen ihn sowieso nicht - denn die richten ihre ganze Aufmerksamkeit nach vorn, dorthin, wo das Publikum sitzt. An diesem Donnerstagabend in Ulm sind es vor allem Studenten, die zur wöchentlichen Karaoke-Nacht erschienen sind.

"Die Iren sind bekannt fürs Singen", sagt der freundliche Wirt Noel Conroy. Und dafür, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Insofern sind der japanische Volkssport und die irische Pubkultur ein perfektes Match, denn beim Karaoke geht es selbst im Heimatland der Gründlichkeit nicht um die Perfektion, sondern um den Spaß am Singen - ob man s kann oder nicht. Letzteres sei sogar manchmal besser, bemerkt Noel und schmunzelt: "Es ist immer gut, wenn einer anfängt, der nicht singen kann." Das senkt die Hemmschwelle und lockert die Stimmung, schließlich: "Das wichtigste ist, dass die Gäste Spaß haben", sagt Michael, der als Karaoke-Verantwortlicher hinter seinem Pult die eingereichten Songwünsche verwaltet.

Der 27-Jährige nimmt seinen Job so ernst, dass er sich nicht einmal seine eigenen musikalischen Vorlieben entlocken lässt. Nur soviel: "Ein Lied von Helene Fischer hatte ich hier erst einmal und bin gottfroh drum." Das studentische Publikum mag s lieber rockig, ganz oben auf der Hitliste stehen Songs wie "Fallen Leaves" von Billy Talent, in einer sichtbar beanspruchten Mappe findet sich gefühlt die ganze Popgeschichte von Abba bis ZZ Top.

Gesungen wird live zum Playback, Texthilfe gibt es vom Bildschirm. Das Prinzip ist weltweit dasselbe und gehört inzwischen so sehr zur Alltagskultur, dass man es kaum glauben möchte - doch Karaoke gibt es erst seit den 70ern. Damals tingelte der Japaner Daisuke Inoue noch als "schlechtester Musiker Kobes" herum, wie er einem Reporter mal verriet, und begleitete Geschäftsleute beim Singen. Irgendwann bastelte Inoue quasi Hilfe zur Selbsthilfe: das "leere Orchester", wie die Karaoke-Maschine übersetzt heißt, damals noch bestehend aus Kassettenrekorder, Verstärker und Mikrofon.

Nur einen Fehler beging er: Er meldete das Gerät nicht zum Patent an. Reich wurde der Karaoke-Vater also nicht, dafür erhielt er 2004 in Harvard den alternativen Ig-Nobelpreis für "Ignoble"-Erfindungen, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen, weil er "einen völlig neuen Weg geschaffen hat, auf dem Menschen lernen, sich gegenseitig zu tolerieren", wie es in der Begründung des satirischen Preises so schön hieß.

Daisuke Inoue bekam die längsten Standing Ovations in der Geschichte des Ig-Nobelpreises für seinen Beitrag zum Frieden. Und durch einen Film wie "Lost in Translation", in dem ein von Midlife Crisis gebeutelter Bill Murray so herzerweichend falsch die blütenhaft junge Scarlett Johansson ansingt, hat Karaoke sich auf charmanteste Weise in die Kulturgeschichte eingekrächzt.

Der wohl älteste Karaoke-Club Deutschlands wurde übrigens in Stuttgart gegründet: Petra und Martin Lorenz mussten zwar erst nach New Orleans fahren, um den Spaß zu entdecken, doch zurück daheim eröffneten sie 1992 den Karaoke-Fun-Pub. 22 Jahre lang sangen hier Elvis-Imitatoren und Sinatra-Adepten - ein Dokumentarfilmer von der Filmakademie Ludwigsburg hat das liebevoll verewigt -, die Stammkunden heirateten und kamen mit ihren Kindern.

Bis heute hat der Club 1200 Mitglieder und trifft sich immer noch alle paar Monate; für Veranstaltungen vermietet das Ehepaar Lorenz den originalbelassenen Raum. "Wenn man einmal auf der Bühne war, wird man süchtig", erklärt Petra Lorenz. Karaoke verleihe Selbstbewusstsein, denn hier bekomme jeder seinen Applaus.

"Karaoke ist ne Einstellung", sagt auch Anika, 22, zurück im Ulmer Pub Murphy s Law. "Ich singe, was die Jukebox hergibt." So gut wie jede Woche ist sie mit ihren Freunden da. Für einen Chor oder eine Band fehlt die Zeit, "aber wer hat nicht gern ein bisschen Bestätigung?" Mehr oder weniger dasselbe hört man von Julia, 18, Katharina, 20 (immer im Duett), und Florian 23, der sogar mal knapp davor war, sich an der Popakademie in Mannheim zu bewerben. Die Konkurrenz und wohl auch die Vernunft haben ihn abgehalten, jetzt studiert er Elektrotechnik und hat nebenher eine Band. Dann und wann spiele er für sich auf einem Klavier, das im Hörsaal an der Uni steht, erzählt er. Zuhause im Mietshaus rumgrölen geht natürlich nicht.

Dafür geht s im Murphy s Law, wo sowieso alles schiefgehen darf, wo irgendwann sogar ein paar Rapper aufkreuzen und heftig beatboxen, dann aber auch geduldig zuhören, als der nächste Sänger grausig verpoppten Irish Folk darbringt. Egal, was kommt: Beklatscht wird jeder. Einfach dafür, dass er da oben steht und singt.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.04.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball