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Arbeiter werden Miteigentümer
Im Blaumann und mit dem Gabelstapler das Geld wegtransportieren: Die Mitarbeiter-Kapitalbeteiligung hat ausdrücklich das Ziel, dass sich die Arbeiter für ihr Unternehmen engagieren, weil sie damit ihr Einkommen mehren. Illustration: © beeboys - fotolia.com
Beteiligung an der eigenen Firma kann lukrativ sein: Drei Beispiele aus Baden-Württemberg

Arbeiter werden Miteigentümer

Die Mitarbeiterbeteiligung ist ein altes Instrument. Die Wirtschaft befürwortet sie, manche nicht, in 4500 deutschen Firmen ist sie Realität. Jetzt erlebt sie einen Aufschwung. Wir stellen drei Beispiele vor.

27.11.2015
  • HELMUT SCHNEIDER

Ulm. Nicht nur in Zeiten wie diesen, auch in normalen Zinszeiten kriegt man keine 10 Prozent Rendite auf sein Kapital. Außer wenn man Mitarbeiter beim Motorsägen-Hersteller Stihl ist. Eigentlich sind es sogar noch viel mehr. "Für 450 Euro bekomme ich 135 Euro Zins im Jahr", sagt Firmensprecherin Katharina Edlinger, "so etwas findet man weit und breit nicht". Kein Wunder, dass 70 Prozent der 4000 Stihl-Mitarbeiter in Deutschland ihrer Firma Geld leihen.

Die Waiblinger zählen zu den Pionieren, vor 30 Jahren haben sie damit begonnen. Für Aufsichtsratschef Nikolas Stihl ist die Beteiligung der Belegschaft ein "modernes Instrument der Unternehmensführung", welches die Loyalität und die Identifikation der Mitarbeiter stärke. Frei übersetzt: Wer mit eigenem Geld für seine Firma einsteht, ist am Erfolg besonders interessiert und engagiert sich entsprechend.

Mitarbeiterbeteiligung ist ein kontrovers diskutiertes Instrument. Aus Arbeitern Kapitalisten machen - für Klassenkämpfer ein Ding der Unmöglichkeit. Andere aus dem linken Lager (Oscar Lafontaine etwa, der ehemalige Frontmann der Linken) sehen darin im Gegenteil eine Chance für Arbeitnehmer, ihren Einfluss zu mehren - und ihr Einkommen natürlich auch. Als wichtigstes Gegenargument wird der Extremfall ins Feld geführt: Ist die Firma pleite, ist das Kapital der Mitarbeiter weg.

"Dieses Risiko ist überschaubar", sagt Stihl-Sprecherin Edlinger. Seit 1994 hat das Unternehmen lediglich im Krisenjahr 2009 nicht die maximale Rendite von 10 Prozent auf die Kapitalbeteiligung ausbezahlt. Für Herbert Schumacher, der von Anfang an mitmachte, hat sich das Ganze gelohnt. " Die Mitarbeiterbeteiligung bessert meine Rente auf", sagt er heute. Sein junger Kollege Titus Zindler wird auch baldmöglichst zeichnen. "Eine so hohe Verzinsung ist einzigartig", sagt er.

Die Bilanz ist beachtlich: Wenn ein Mitarbeiter seit 1985 den jährlichen Höchstbetrag von 1350 EUR gezeichnet hat, beträgt sein Gesamtkapital heute 65 000 EUR - einbezahlt hat er aber nur 5000 EUR, weil sich Gewinnbeteiligung und Zinseszinseffekte auswirken. Die Mitarbeiter können so genannte Genussrechte zeichnen, maximal 1350 EUR im Jahr; davon müssen sie 450 EUR aus eigener Tasche zahlen, die anderen 900 EUR gibt die Firma obendrauf. Auf dieses Kapital gibt es je nach Unternehmenserfolg eine Gewinnbeteiligung von maximal 10 Prozent. Bei Stihl hat sich auf diese Weise ein Mitarbeiterkapital von rund 35 Mio. EUR angesammelt.

Die jährliche Erfolgsprämie und die betriebliche Altersvorsorge , die alle Mitarbeiter erhalten, zählen übrigens nicht zur Kapitalbeteiligung.

Der Begriff Mitarbeiterbeteiligung ist vielschichtig. Darunter versteht man mehr als ein Dutzend unterschiedlicher Modelle. In einem weiteren materiellen Sinne zählen dazu auch die Bonuszahlungen, die in erfolgreichen Jahren an die Belegschaft verteilt werden. Auch wenn Mitarbeiter für Verbesserungsvorschläge belohnt werden, fällt darunter.

Im engeren Sinne, von dem hier die Rede ist, geht es darum, dass sich Mitarbeiter am Firmenkapital beteiligen. Auch dies geschieht in einer Fülle verschiedener Formen - in etwa 4500 Firmen in Deutschland. Es gibt deshalb einen Verband, der das weite Feld beackert: der Bundesverband Mitarbeiterbeteiligung (AGP). Voriges Jahr hat er drei Unternehmen aus Baden-Württemberg ausgezeichnet: Homag AG (Schopfloch), August Faller (Waldkirch bei Freiburg) und Seeberger (Ulm).

Beim Trockenfrüchte-Spezialist Seeberger sind aktuell alle 580 Mitarbeiter zugleich auch Miteigentümer. Die Ulmer fahren ihr Modell bereits seit über 30 Jahren, 12 Prozent des Unternehmenskapitals liegen heute in Arbeitnehmerhand. Die Kolleginnen und Kollegen können wie bei Stihl Genussrechte zeichnen - mindestens ein halbes Monatsgehalt für mindestens sechs Jahre. Jedes Jahr erhalten sie eine erfolgsabhängige Sonderzahlung. "Die bisherigen Auszahlungen lagen in einer Spanne zwischen einem halben und zwei Monatsgehältern", sagt Marketingleiter Joachim Mann.

Das Ganze habe sich "sehr bewährt", sagt er, sowohl für die Belegschaft als auch für die Firma. Für Mitarbeiter ab 40 Jahren mit mindestens zehn Jahre Betriebszugehörigkeit bietet Seeberger ein Mitarbeiterguthaben an, das deren Altersvorsorge aufstockt: Je nach Jahresergebnis überweist die Firma den Mitarbeitern einen Betrag auf ein Konto, verzinst ihn mit 4 Prozent und zahlt das Guthaben aus, wenn der Kollege in Rente geht.

Die Firma August Faller aus dem Schwarzwald, Hersteller von Verpackungsmittel, 1200 Mitarbeiter, davon 900 in Deutschland, ist auf diesem Gebiet noch Neuling. Vor zwei Jahren hat Firmenchef Michael Faller dieses Modell aufgelegt: Firmenzuschüsse auf die Einlagen der Mitarbeiter - auf ihre 300 EUR bekommen sie 120 EUR drauf, für 600 EUR, 900 EUR oder maximal 1200 EUR sind es 240 EUR, 300 EUR beziehungsweise 360 EUR als Dreingabe. Die Anteile sind mindestens sechs Jahre im Unternehmen gebunden. Vorausgesetzt, die Firma schreibt keine Verluste, wachsen satte Verzinsungen rüber: mindestens 4 Prozent, im höchsten Falle könnten es sogar 24 Prozent sein.

Dass bisher nur jeder fünfte Mitarbeiter zugegriffen hat, ist für Michael Faller nicht überraschend. Das lukrative Angebot sei noch neu, viele seien vermutlich noch vorsichtig, weil sie nicht abschätzen könnten, wie das aussieht. Jetzt aber ist die Verzinsung für das vergangene Jahr ausbezahlt worden. "Das wird sich mit der Zeit herumsprechen", sagt der Firmenchef. Vor allem die Mitarbeiter in der Produktion zögern noch. Das hat laut Faller wohl auch damit zu tun, dass sie meinen, nicht auf die Schnelle und auf einmal ein paar hundert Euro locker machen zu können.

Der Firmenchef sagt: "Einer unserer Werte ist Unternehmergeist - den wollen wir fördern." Teil des Unternehmergeistes ist es, Chancen zu ergreifen und dabei auch Risiken einzugehen. Das Risiko der Kapital-Mitarbeiterbeteiligung ist die Pleite der Firma.

Das scheint aber immer weniger zu schrecken. Der Verband AGP jedenfalls ist erfreut. "Das Thema Mitarbeiterbeteiligung erlebt einen kaum für möglich gehaltenen Aufschwung", heißt es im jüngsten Jahresbericht. Darin wird auch gleich der Schwarze Peter an die Politik weitergegeben: Sie zeige sich nach wie vor desinteressiert.

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27.11.2015, 08:30 Uhr

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