Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Keine Altlasten im Neubaugebiet

Areal am Banweg ist für Menschen nicht gefährlich

Als bekannt wurde, dass auf der Wiese neben dem Kindergarten Banweg Neubauten entstehen sollen, erregten sich manche Ofterdinger: Wohnhäuser auf einer ehemaligen Mülldeponie zu bauen, das sei doch ein Skandal. Nicht nur Haushaltsmüll sei dort versenkt worden. Möglicherweise seien dort auch Kühlschränke, Autos und Bauschutt mit Asbest im Untergrund gelandet.

02.09.2012
  • susanne wiedmann

Ofterdingen. Für die Anwohner war die Nachricht ohnehin ein Ärgernis. Egal, worauf die neuen Häuser nun gegründet würden. Die Anlieger nordwestlich der Wiese waren enttäuscht und empört, weil ihnen der Ausblick zur Schwäbischen Alb verbaut werden soll. Als nun aber vom 16. Juli bis 17. August der Bebauungsplan öffentlich ausgelegt wurde, ging auf dem Ofterdinger Rathaus nicht eine einzige Beschwerde ein. Nichts! Weder Anregungen noch Bedenken. „Die Anwohner haben es eingesehen“, sagt Bürgermeister Joseph Reichert und fügt hinzu: „Das Thema ist erledigt.“

Offensichtlich hat sich der Ärger gelegt. Im oberen Bereich seien ohnehin nur einstöckige Häuser zulässig. Zudem werden die Neubauten auf Abstand errichtet und durch einen Grünstreifen von den bestehenden Gebäuden getrennt.

Erdaushub und Bauschutt

Bevor auf den Grundstücken jedoch etwas heranwachsen darf, muss erst der Aushub untersucht werden. Denn von 1960 bis 1975 war das Areal am Banweg – ja, was denn nun eigentlich? Bisher sprach man im Ort stets von einer Mülldeponie. Aber Frank Wolters, Leiter der Abteilung Umwelt und Gewerbe beim Landratsamt, sagt: „Es war definitiv keine Hausmülldeponie.“ Mit Erdaushub und Bauschutt wurde dort aufgefüllt. Und der Mössinger Geologe Heiner Terton findet es überhaupt „unglücklich“, von einer Deponie zu reden, „weil der Begriff negativ belastet ist“. Terton spricht neutral von einer „Steinbruchverfüllung“.

Denn früher befanden sich auf diesem Areal – wie übrigens im gesamten Baugebiet Banweg – private Steinbrüche. Arietenkalke – durch Tone und Mergel getrennte Kalkbänke – wurden abgebaut. Mit dem so genannten „blauen Stein“ errichteten die Ofterdinger Fundamente und Kellergewölbe.

Ab 1960 wurden die Steinbrüche entlang des Banwegs wieder aufgefüllt – mit Erdaushub, Bauschutt und Hausmüll, heißt es in einem Gutachten aus dem Jahr 1999. Was sich im Untergrund dieses Gebiets angesammelt hat, aber vielleicht nicht dort hineingehört, wurde damals – zumindest punktuell – untersucht. Das darauf spezialisierte Tübinger Institut Berghof nahm acht Bodenproben, um sie auf „deponietypische Schadstoffe“ zu analysieren.

Tatsächlich fanden sich dort erhöhte Gehalte an polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK). Sie entstehen bei der unvollständigen Verbrennung organischen Materials, erklärt Christian Eichelmann, Biologe im Ingenieurbüro Berghof Ravensburg, auf Nachfrage des TAGBLATTS. Typisch für eine Hausmülldeponie seien auch die erhöhten Werte an Schwermetallen, die im Boden gefunden wurden. Arsen, aber auch Kupfer und Nickel.

Dem Tübinger Landratsamt liegen weitere, neuere Gutachten vor, die laut Wolters von der Gemeinde in Auftrag gegeben wurden. Im Jahr 2010 wurde das Gelände tiefschürfender untersucht. Dabei wurde festgestellt: Der Arsengehalt ist nicht problematisch für eine Wohnbebauung, aber höher, als für Kinderspielplätze zulässig ist, erklärt Wolters. Deshalb wurde im folgenden Jahr noch geklärt, ob das Arsen vom menschlichen Körper überhaupt aufgenommen werden kann. „Nur zu drei bis vier Prozent ist es in dieser Form resorptionsfähig.“ Zudem tauchten in den weiteren Proben nirgendwo mehr polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe auf. Auch nicht im Grundwasser. Und das bedeutet: „Von der ganzen Auffüllung geht keine Gefahr aus“, betont Wolters. Sie gelte nicht als Altlast.

Rechtsstreitigkeiten vermeiden

Dies bestätigt ebenso der Mössinger Geologe Heiner Terton, der die Gemeinde berät und die Arbeiten begleitet. Er wiederum bezieht sich auf ein Gutachten aus dem Jahr 2005. „Es sind Verunreinigungen festgestellt worden, aber es besteht keine Gefahr für Menschen, Pflanzen und das Grundwasser.“ Die Steinbrüche seien mit Abraummaterial verfüllt worden. Ab und zu sei dort wohl auch anderer Abfall hineingelangt, aber: „Nur der kleinste Prozentsatz ist Fremdmaterial“, verdeutlicht der Geologe. Er zählt auf: Asphalt, Kunststoffe, Holz- und Brandreste, Ziegel, Glas und Beton. Und da im Asphalt Teeröl verarbeitet wurde, waren die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe nachweisbar. „Aber sie spielen eigentlich keine Rolle, weil sie an Stoffe gebunden sind und sich nur schwer lösen lassen.“ Klar sei jedenfalls: Kühlschränke und Autos wurden nicht in den Gruben versenkt.

Dennoch müsse der verunreinigte Boden „richtig verwertet oder entsorgt werden“. Deshalb wird Terton Proben aus dem Erdaushub jedes Bauplatzes nehmen. Das 1,9 Hektar große Areal ist nicht allein in Gemeindebesitz. Zwei Grundstücke gehören Privateigentümern. Die Gemeinde werde ihnen Handlungshilfen geben. Wie die genaue Aushubüberwachung ablaufen werde, so Terton, müsse sowieso mit dem Landratsamt abgesprochen werden.

Ohnehin sei die Auffüllung als Baugrund ungeeignet, erklärt der Geologe. Der Aushub werde gegen Magerbeton ausgetauscht. Dabei fallen – wie für die Entsorgung – Mehrkosten an, die die Gemeinde den Bauherren zurückerstattet. Das sei Bestandteil der Kaufverträge der gemeindeeigenen Bauplätze, kündigt Bürgermeister Joseph Reichert an. „Das ist eine saubere Lösung!“ – So sollen Rechtsstreitigkeiten vermieden werden. Reichert hofft, dass der Gemeinderat mitmacht. Jedenfalls gäbe es dann keine Problem für die Vermarktung.

Areal am Banweg ist für Menschen nicht gefährlich
Blick ins Ofterdinger Neubaugebiet im März diesen Jahres: Der Banweg verläuft von der rechten unteren Ecke nach links oben. Auf der Wiese nordwestlich der Straße sollen neue Bauplätze erschlossen werden. An der rechten Schmalseite des Areals steht der Kindergarten Banweg.Archivbild: Grohe

Nachdem die Gemeinde die Bauplätze im Gebiet Banweg Nord nahezu verkauft hat, möchte sie die Wiese neben dem Kindergarten erschließen. Rund 35 Bauplätze sollen entstehen. Im nächsten Jahr könnten dort die ersten Häuser errichtet werden. „Der Bedarf ist da“, verkündet der Bürgermeister seit langem. Und auch die privaten Grundstückseigentümer seien bereit zu verkaufen. Nicht nur im Banweg sollen neue Bauplätze entstehen. Auch auf dem Gebiet der ehemaligen Stielfabrik Lutz an der Ecke Asperg-/Bachsatzstraße. Zudem ist nördlich des Kirchplatzes ein neues Quartier geplant.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.09.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball