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Arithmetik statt Achterbahn
Konzentriertes Lernen in Rufweite vom Rummelplatz. Banker Jan-Philipp Kraft hilft als Bildungspate Stefan Weeber (12) in der Wasenschule bei der Zirkelarbeit. Foto: Barbara Wollny
Bildung

Arithmetik statt Achterbahn

Immer auf Achse: Auf dem Cannstatter Wasen werden Schaustellerkinder in einer bundesweit einzigartigen Schule unterrichtet. Zwei Lehrer und freiwillige Paten fördern die Schüler individuell.

26.04.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Unterhalb der Mercedesstraße blühen auf dem Cannstatter Wasen die Kastanienbäume. Darunter stehen die Wohnwagen der Beschicker des Stuttgarter Frühlingsfests so dicht, dass gerade noch ein Wäscheständer oder ein Campingstuhl zwischen die Fahrzeuge passen. Nur wenige Meter sind es von hier bis zur U-Bahn Haltestelle Mercedesstraße. In der düsteren Unterführung sind die Wände nahezu komplett mit wilden Graffiti bemalt. Da fällt der ebenfalls total bunte Eingang zum Unterrichtsraum kaum auf – wenn nicht das Schild „Wasenschule 17“ über der Tür die Suche beenden würde.

So unkonventionell wie der Eingang ist auch das große, freundlich eingerichtete Ein-Raum-Klassenzimmer. Jeder Schüler hat seinen eigenen Bereich zum ungestörten Arbeiten. „Ich lerne in den zwei Stunden hier mehr als in meiner Schule zu Hause von acht Uhr morgens bis nachmittags um drei“, sagt der 13-jährige Willi aus Euskirchen (Nordrhein-Westfalen). Die Eltern des modisch gekleideten Blondschopfs haben ein Verlosungsgeschäft und einen Automatenwagen auf dem Festgelände. Gerade hat Willi einen Englisch-Test geschrieben, den ihm seine Lehrerin aus der Heimatschule geschickt hat. „Ging super. Ich bin echt froh, dass es die Schule hier gibt“, lobt der Bub, der seinen Eltern fast täglich nachmittags auf dem Festgelände zur Hand geht, die Wasenschule.

„Für diese Schüler bedeutet jeder neue Festplatz eine neue Schule“, sagt Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer, die am Dienstag einen Schulbesuch machte. „Das ist immer wieder eine enorme Herausforderung.“ In Stuttgart wurde deshalb die Wasenschule eingerichtet. 22 Schüler von der Klassenstufe 1 bis 10 auf Haupt- und Realschulniveau werden hier im vertrauten Rahmen von Anfang April bis Mitte Mai unterrichtet. Denn mit Auf- und Abbau halten sich die Schausteller häufig bis zu sechs Wochen in Stuttgart auf. Unterrichtet werden die Kernfächer Mathe, Englisch und Deutsch. Seit 2015 gibt es die in Deutschland einmalige Schule, die aus einer Hausaufgabenbetreuung für die Kinder von „beruflich Reisenden“ entstanden ist.

Wo ist es schöner? Im Winterhalbjahr im festen Quartier zu Hause oder im Wohnwagen den Rest des Jahres unterwegs? „Lieber unterwegs“, sagt Richard (14) ohne zu zögern. „Man lernt neue Leute kennen und sieht was von der Welt.“ Sein Vater hat direkt am Waseneingang eine Fischbraterei. Im Winter lebt die Familie in Koblenz. „Man denkt, zwei Stunden Schule sind wenig. Aber man arbeitet hier intensiver. Ich finde es hier sehr viel besser als in meiner Schule zu Hause. Und man hat einen eigenen Lehrer.“

In der Wasenschule unterrichten zwei hauptamtliche Lehrer, die von ehrenamtlichen Paten unterstützt werden. Grundschullehrerin Sabine Zirm kommt aus Bad Cannstatt und ist mit dem Wasen aufgewachsen.Ihr Kollege Michael Widmann, Grundschullehrer aus Wildberg, hat sich ebenfalls als Bereichslehrer freistellen lassen. Zusammen leiten sie die Schule auf Zeit.

Zu den Schulpaten gehören unter anderem eine Informatikerin, ein Konrektor im Ruhestand, eine Dolmetscherin und ein Bankangestellter. Jan-Philipp Kraft arbeitet bei der Landesbank Baden-Württemberg und kommt sechs Wochen lang jeden Morgen zwei Stunden zum Unterricht der älteren Schüler in die Wasenschule. Er hatte im Internet gesehen, dass die Stadt Bildungspaten sucht und war bei der Infoveranstaltung im März im Rathaus mit dabei. Sein Arbeitgeber unterstützt sein soziales Engagement, das er selbst ganz klar als Bereicherung erlebt: „Ich freue mich jeden Morgen hierherzukommen. Es ist intellektuell wirklich anspruchsvoll, und ich muss immer wieder spontan reagieren. Die Schüler sind alle besondere Persönlichkeiten.“

Kinder, die das halbe Jahr unterwegs sind und in der Familie viel mithelfen, müssen früh selbstständig werden – auch, was das Lernen betrifft. Damit sind sie ihren Altersgenossen weit voraus. Sie bringen ihre eigenen Aufgaben aus den Heimatschulen in die Wasenschule. „Wir haben nicht den Anspruch, eine Ersatzschule zu sein“, sagt Lehrer Widmann. „Es geht uns darum, die selbstständige Arbeit mit Lernplänen zu fördern. Und dabei die nötige Unterstützung zu geben.“

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26.04.2017, 06:00 Uhr

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