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Beim Athleten kommt zu wenig an

Arne Gabius kritisiert das deutsche Fördersystem

Es war das Jahr von Arne Gabius: Rekorde am laufenden Band, Vize-Europameister in Helsinki, in London das Finale nur knapp verpasst. Mit den Erfolgen kam der große Sponsor, Gabius’ Existenz als Profisportler ist bis Rio gesichert. Das war aber nicht immer so. Der 32-Jährige plädiert leidenschaftlich für eine staatliche Förderung, die endlich den Athleten in die Mittelpunkt stellt.

25.10.2012
  • Bernhard Schmidt

Tübingen. Der Langstreckler Arne Gabius ist nach einem Jahr großer medialer Präsenz nicht nur den Tübingern ein Begriff. Und so wird der Spitzenathlet immer wieder mit dem gleichen Vorurteil konfrontiert: Als Vize-Europameister und Olympia-Starter, so denken die Leute, habe er doch bestimmt ausgesorgt. Tatsächlich, räumt Gabius ein, haben ihm die Erfolge in diesem Jahr einen großen Sponsorenvertrag und einige satte Startgelder eingebracht. Der leistungsgebundene Sponsorenvertrag mit einem großen Sportartikelhersteller und die Rolle als Aushängeschild der LAV Stadtwerke Tübingen sichern dem examinierten Mediziner ein Grundeinkommen. „Die nächsten vier Jahre bis Olympia in Rio de Janeiro kann ich gut davon leben, kann alles auf die Karte Sport setzen. Und ich kann auch mal Rückschläge wegstecken.“

Das war nicht immer so. Im vergangenen Jahr stand der Mediziner am Scheideweg: Arztberuf oder Profisportler. Er entschied sich für die Risiko-Variante, trennte sich von Dieter Baumann und wurde sein eigener Trainer. Gabius verspürte nach eigenen Worten Goldgräberstimmung.

Doch just mit der Perspektive London vor Augen, kündigte der japanische Sportartikelhersteller Asics nicht nur der LAV, sondern auch den Spitzen-Leichtathleten des Vereins die Partnerschaft auf. Der gebürtige Hamburger musste einmal mehr an die finanziellen Reserven, neben den Vereinsgeldern blieb ihm zeitweise nur noch der Vater als Sponsor.

Von Verbands- oder Staatsseite gibt es entgegen der allgemeinen Einschätzung, wenn überhaupt, nur ganz dürftige Hilfen. Wer nicht gerade Soldat oder Bundespolizist werden will, guckt meist in die Röhre. „Im Fördersystem muss sich etwas ändern“, verlangt Gabius. Und er fragt sich, warum der Staat nicht direkt den Spitzenathleten die Existenzgrundlage sichern kann, um damit – Autonomie des Sports hin oder her – letztlich auch das Berufsbild des Sportlers zu stärken. „So wie es jetzt läuft, versickert viel zu viel in einem Riesen-Apparat. Beim Athleten kommt zu wenig an“, moniert Gabius und verweist aufs Beispiel Großbritannien, wo nicht nur mit Blick auf die Spiele im eigenen Land ganz viel Geld in die Hand genommen werde. Allerdings hätten sich offenbar viele Sportlerkollegen mit den Zuständen arrangiert, wundert sich Gabius, der sich in seiner Kritik nur mit Diskus-Olympiasieger Robert Harting einig weiß.

Vize-Europameister Gabius ist nach der neuen Klassifizierung des DLV dem A-Kader und da der Kategorie 2 zugeordnet. Damit kann er immerhin erwarten, dass ihm der Verband die Trainingslager, auch jene in der Höhenluft von Kenia, bezahlt. Ebenfalls mit im Paket: 20 Minuten Physiotherapie pro Woche.

Ob auf der Straße oder auf dem Amt – das Berufsbild Sportler ist, mit Ausnahme des Profi-Fußballers vielleicht, den meisten fremd. Drei Monate musste Gabius, der in Tübingen brav Gewerbesteuern zahlt, warten, bis sein Antrag auf einen Gewerbeschein beantwortet wurde. Denn Sport als Gewerbe ist in den Unterlagen nicht vorgesehen.

Arne Gabius kritisiert das deutsche Fördersystem
Arne Gabius, hier beim Leistungstest vor Olympia im SV03-Stadion, ist nach einem kurzen Urlaub auf Korsika schon wieder voll im Training: 160 Kilometer waren es vergangene Woche, am Dienstag lief er auf der blauen Bahn einen Halbmarathon in 1:06 Stunden. Saisonhöhepunkt im Winter ist dann die Hallen-EM Anfang März in Göteborg.

In den Genuss von Sporthilfe ist Arne Gabius erst 2010 zum Ende seines Medizinstudiums gekommen: ein monatliches Stipendium von 150 und die Standardförderung von weiteren 100 Euro. November 2011 wurde die Förderung wieder gekündigt. Erst etwa drei Monate vor den Spielen in London, erhielt der gerade zum Vize-Europameister gekürte Tübinger einen Brief der Sporthilfe, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass die Stiftung bereit wäre, ihn mit 100 Euro monatlich zu unterstützen. Das Angebot war allerdings auf drei Monate beschränkt. Gabius verzichtete und ließ den Brief unbeantwortet. „Das ist doch nur eine Alibi-Förderung“, kritisiert Gabius, „die machen das Angebot nur, damit sie nachher sagen können, 95 Prozent der Olympiateilnehmer seien von der Sporthilfe gefördert.“

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25.10.2012, 12:00 Uhr

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