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Eine Frage der Ethik

Arzt und Medizinhistoriker Urban Wiesing über Organtransplantation

Über 80 Prozent der Deutschen befürworten Organspenden – trotzdem sterben im Schnitt drei Menschen am Tag, während sie auf ein Spenderorgan warten. Urban Wiesing, Experte für ethische Aspekte moderner Technologien in der Medizin, hält die Organspende nach dem Tod für ethisch geboten.

15.01.2015
  • Amancay Kappeller

Mössingen. Nicht erst seit gestern herrscht in Deutschland ein Mangel an Spenderorganen. Seit Jahren geht Statistiken zufolge die Zahl der gespendeten Organe deutlich zurück. Im Jahr 2007 zählte man in Deutschland postmortal, also nach dem festgestellten Hirntod, 1313 Organspender. 2012 waren es nur noch 1046.

Eine Pflicht zur Spende, lebend oder postmortal, gibt es in Deutschland nicht. „Starke ethische Argumente sprechen für die Organspende“, findet Urban Wiesing. Der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen referierte am Dienstag auf Einladung des Ökumenischen Stammtischs Mössingen im katholischen Gemeindehaus.

In Deutschland warten rund 12 000 Menschen auf ein Organ, davon allein 8000 auf eine Niere. Pro Tag sterben drei Menschen, während sie auf ein Organ warten.

Viele fühlen sich nicht ausreichend informiert

Das Thema Organspende erfahre in der Gesellschaft „eine breite moralische und soziale Akzeptanz“. Die Kluft zwischen Bedarf und realisierten Transplantationen ist allerdings groß, betonte der Wissenschaftler: „Es gibt zu wenig Spende-Ausweise.“ In den meisten Fällen hakt es daran, dass die Zustimmung der potenziellen Spender fehlt. Einer Umfrage zufolge fühlt sich mehr als ein Drittel der Deutschen bei dem Thema „noch nicht ausreichend informiert“.

In der Bundesrepublik erfolgt der Großteil der Organspenden nach dem festgestellten Hirntod, berichtete der Wissenschaftler. Lebendspenden, etwa von Niere oder einem Teil der Leber, werden nur unter nahen Verwandten oder einander eng verbundenen Personen zugelassen. Die Lebendspende muss freiwillig sein und bedarf der Zustimmung durch eine Ethik-Kommission. Das medizinische Risiko für den Spender ist laut Wiesing heutzutage sehr gering. „In der Regel kann man gut mit einer Niere sein restliches irdisches Leben verbringen.“ Für den Spender, der nach dem Tod spendet, sieht Wiesing keinerlei Nachteil – dafür aber einen riesengroßen Vorteil beim Empfänger. „Man sollte deshalb diskutieren, ob es nicht eine moralische Pflicht gibt.“ Postmortale Organspende hält Wiesing für ethisch geboten.

Seit 2012 gilt in Deutschland bei der Organspende die „Entscheidungslösung“. Hat der Verstorbene zu Lebzeiten nicht dokumentiert, ob er einer Spende zustimmt oder diese ablehnt, müssen Angehörige nach dem mutmaßlichen Willen des Toten entscheiden. In anderen Ländern wie Spanien, Österreich oder Italien gilt die „Widerspruchslösung“. Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widerspricht, kommt als Organspender infrage. Die Fürsorge für schwer erkrankte Menschen habe bei der Widerspruchslösung Vorrang vor der Autonomie des Einzelnen, erklärte Wiesing. Verteilt werden die Organe nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. Angerechnet werden Wartezeiten, Kinder werden bevorzugt behandelt. Beim „Verteilungsschlüssel“ sind verschiedene ethische Prinzipien miteinander kombiniert, sagte Wiesing. Keine Rolle dürfen Faktoren wie Konfession, Geschlecht, Staatsangehörigkeit oder soziale Stellung spielen. Beim Alter zählt das biologische. „Ob Sie Mutter von drei kleinen Kindern und in mehreren Wohltätigkeitsvereinen oder ein junger Mann mit Flausen im Kopf sind, das macht keinen Unterschied.“

Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine rege Diskussion. Gisela von Samson fragte nach, ob die Organspende nicht einen Eingriff in den Sterbevorgang bedeute. „Die Menschen sterben nicht mehr, sie sind schon tot“, antwortete Wiesing. Die Organentnahme erfolge „sorgsam, pietätvoll und zu einem guten Zweck“. Von einem Zuhörer wurden Zweifel geäußert, ob der Hirntod mit dem Tod gleichzusetzen sei. „Ich glaube, dass das Hirntodkriterium das überzeugendste ist“, argumentierte der Wissenschaftler. Das Gehirn bezeichnete Wiesing als „Zentralorgan, das den Mensch als Menschen ausmacht“.

Nach allem, was Wissenschaftler heute wissen, „und das ist ziemlich viel“, könne eine hirntote Person nie wieder ins Leben zurückkommen. Eine Zuhörerin störte sich an der nüchternen Begrifflichkeit bei der Schaden-Nutzen-Abwägung: „Der Mensch wird zur Ware und wird ausgeschlachtet.“ Er finde es nicht würdelos, nach dem eigenen Tod einem Schwerstkranken zu helfen, sagte Wiesing: „Da wird nicht ausgeschlachtet, es wird geholfen.“

Arzt und Medizinhistoriker Urban Wiesing über Organtransplantation
Die Kluft zwischen Bedarf und tatsächlichen Transplantationen ist groß: Allein in Deutschland warten 12000 Menschen auf ein Spenderorgan. Bild: DSO / Johannes Rey

Arzt und Medizinhistoriker Urban Wiesing über Organtransplantation

Urban Wiesing ist seit 2002 Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Philosophie und Medizin, Ethische Aspekte moderner Technologien in der Medizin und die Geschichte der Medizin. Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Ethik in der Medizin an der Universität Tübingen inne. Seit 2009 ist er Mitglied des Medical Ethics Committee des Weltärztebundes. 2011 wurde er Vorstandssprecher des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften der Universität Tübingen. 2011 wurde Wiesing zum Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ernannt.

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15.01.2015, 12:00 Uhr

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