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Als Flüchtling ist der junge Medizintechniker Saikou Suwareh in Deutschland zur Untätigkeit verdammt

Asyl abwarten statt Dialyse-Geräte warten

Warten. Seit fast einem Jahr wohnt Saikou Suwareh in der Container-Unterkunft auf dem Rottenburger DHL-Gelände. In seinem Asylverfahren tut sich nichts, und arbeiten darf er nicht. In seinem Heimatland Gambia arbeitete Suwareh als Medizintechniker. Manchmal rund um die Uhr.

30.06.2015
  • Michael Hahn

Manchmal ging es um Minuten, oder gar um Sekunden. Etwa wenn ein Beatmungsgerät ausgefallen war, ein Frühgeborenen-Inkubator oder eine Dialyse-Maschine. Dann fummelte der junge Techniker Saikou Suwareh an den Schläuchen und Kabeln herum, suchte verzweifelt nach Ersatzteilen, improvisierte irgendwelche Überbrückungen. Und brachte die Geräte wieder zum Laufen.

Das Konstruieren und Improvisieren hatte er schon als Kind gelernt. „Meine Eltern hatten kein Geld für Spielzeug“, sagt Suwareh auf Englisch. Also bastelte er aus gefundenen Einzelteilen ferngesteuerte Fahrzeuge zusammen. „Da musste ich dann immer mit dem Akku-Pack nebenher rennen“, erzählt der 21-Jährige lachend. Später machte er sein Hobby zum Beruf und absolvierte in der gambischen Hauptstadt Banjul eine zweijährige Ausbildung zum Elektro- und Elektronik-Techniker.

„Ich habe die Arbeit im Krankenhaus geliebt“, sagt Suwareh. „Ich hätte das gerne weiter gemacht: Menschenleben retten.“ Trotz aller Frustrationen.

Denn selbst im modernsten Hauptstadt-Krankenhaus war die Medizintechnik in haarsträubendem Zustand, sagt der 21-Jährige. Hochwertige Geräte standen wegen fehlender Ersatzteile ungenutzt herum, die Hygiene wurde vernachlässigt, die Software passte nicht. Aber er habe auch vieles reparieren können, sagt Suwareh. Sieben Techniker arbeiteten in dem Krankenhaus. Nachts war immer einer in Bereitschaft, unbezahlt.

Doch dann seien „politische“ Sachen passiert, die er nicht mehr habe aushalten können. Er musste seinen Arbeitsplatz verlassen. Was genau vorgefallen war, das will der 21-Jährige im TAGBLATT-Interview nicht sagen. Es wird in seinem Asylverfahren zur Sprache kommen. Den Antrag auf politisches Asyl in Deutschland hat er bereits im vergangenen Juli gestellt. Seither habe er nichts mehr von den Behörden gehört, sagt er.

Jedenfalls floh Suwareh aus Banjul. Er landete in Libyen, doch im Bürgerkriegs-Chaos nach dem Sturz von Oberst Muammar Gaddafi war es dort noch gefährlicher. Erst recht, „wenn du so dunkel bist wie ich“. Also weiter nach Europa. Auch darüber will der 21-Jährige keine Details verraten. Nur so viel: „Es war keine einfache Reise.“

Nun lebt Suwareh also seit elf Monaten in der Container-Unterkunft auf dem früheren DHL-Gelände. Und ist zur Untätigkeit verdammt. Statt nachts Dialyse-Pumpen zu kontrollieren, hockt er nun vor dem Fernseher. Manchmal telefoniert er mit seinen Eltern in Gambia.

Seine Landsleute und er kochen abwechselnd. Die meisten sind alleinstehende junge Männer wie Suwareh. Zu Hause in Gambia sei es „nicht normal“, dass Männer kochen. Aber hier, in der Fremde, hätten sie es eben lernen müssen. Die Zutaten besorgen sie aus dem Afrika-Laden in Tübingen oder dem Asia-Laden in Rottenburg.

Suwareh würde gern wieder in seinem erlernten Beruf arbeiten, sagt er, am besten noch eine berufsbegleitende Zusatzausbildung dazu machen. Aber im Moment ist noch nicht mal ein unbezahltes Praktikum möglich. Auch ist nicht klar, ob sein gambisches Diplom in Deutschland irgend etwas zählt.

Also erst mal Deutsch lernen (Suwareh beherrscht bereits drei Sprachen fließend: die beiden gambischen Hauptsprachen Mandinka und Wolof sowie Englisch). Seit Dezember besucht er einen Sprachkurs in der Rottenburger Volkshochschule. Vier Vormittage in der Woche. Es geht nur mühsam voran. „Es ist schwer, eine neue Sprache zu lernen, wenn du kaum jemanden hast, mit dem du sie sprechen kannst.“

Umso begieriger besucht Suwareh das Freitagabend-Asylcafé im evangelischen Familienhaus und das neue Café International in der Musikkneipe Tatort. Als Muslim trinkt er keinen Alkohol und raucht auch nicht, das macht die Geselligkeit mit Deutschen nicht einfacher.

Bei Dunkelheit geht er sowieso nur ungern aus. „Zu viel Stress.“ Zweimal schon sei er auf der Oberen Brücke „angerempelt“ worden, konnte sich aber aus dem Staub machen.

Der Fahrradhändler Elmar Zebisch hat Suwareh Reparatur-Sets geschenkt, mit dem der junge Gambier schon etliche Rottenburger Räder repariert hat. So kann er wenigstens einen Teil seiner technischen Fähigkeiten nutzen und in Übung bleiben.

Am häufigsten allerdings ist Suwareh bei Ernst Heimes im Haus am Nepomuk zu Besuch. Der will ihm helfen, auch schon während des Asylverfahrens eine Arbeit – oder wenigstens ein Praktikum – im medizintechnischen Bereich zu finden. Das ist gar nicht so einfach. Denn das frühere Arbeitsverbot für Flüchtlinge wurde zwar auf eine dreimonatige Wartezeit verkürzt. Aber noch immer gilt die Vorrang-Regelung, nach der eine Firma zuerst Einheimische einstellen muss, bevor ein Asylbewerber zum Zug kommen darf.

Bei Heimes kann Suwareh immerhin seine Englisch-Kenntnisse einsetzen. Einem türkischstämmigen Realschüler gibt er Nachhilfe. Und an Heimes‘ Computer hat Suwareh ein fünfseitiges, eng beschriebenes Papier verfasst: über die Mängel und Verbesserungsmöglichkeiten im gambischen Gesundheitswesen, besonders in der Medizintechnik.

Asyl abwarten statt Dialyse-Geräte warten

Asyl abwarten statt Dialyse-Geräte warten

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30.06.2015, 12:00 Uhr

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