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Sie möchten sich trauen

Attempto-Gefühle im Gemeinderat: Die Debatte zum Tübinger Vertrag

Sie wagen‘s vermutlich. Auch wenn die Abstimmung zum „Tübinger Vertrag“ ausgesetzt wurde, zeichnet sich im Tübinger Gemeinderat mehr Zustimmung als Ablehnung ab.

27.10.2012

Tübingen. Den Kurator selbst konnten die Stadträte diesmal zwar nicht anhören. Daniel Tyradellis meldete sich von Berlin aus krank. Der Debattierfreudigkeit im Rat tat das keinen Abbruch. Vor allem nichtöffentlich ging’s, wie zu hören war, zur Sache. Danach waren die Wogen wieder einigermaßen geglättet.

Nachdem die Kulturamtsleiterin Daniela Rathe im öffentlichen Teil der Gemeinderatssitzung am Donnerstag nochmal darlegte, wieso die Feier zu „500 Jahre Tübinger Vertrag“ ein „urstädtisches Jubiläum“ sei, (er)klärten die Fraktionen ihre Positionen. Rathe hatte noch betont, dass es keineswegs um ein „Halligalli-Konzept“ ginge („Wir lassen nicht die Sektkorken knallen“), und auch der Oberbürgermeister wies später weit von sich, „Palmer-Festspiele zum Verbrennen städtischen Geldes“ veranstalten zu wollen. Im Gegenteil, so Boris Palmer: „Durch die Ausstellung kann ich vielleicht zu meiner Abwahl beitragen, aber nicht zu meiner Wiederwahl!“

Dem SPD-Stadtrat Klaus te Wildt hat der Vertrag bereits „schlaflose Nächte“ bereitet. „In den 13 Jahren im Gemeinderat gab es für mich noch nie eine so schwerwiegende Frage: Haben wir das Mandat für diese Ausstellung? Die Verwaltung verlangt uns viel Geld ab, wo sie uns sonst ermahnt, sparsam zu sein.“ Te Wildt erinnerte an die Einschnitte für Kultur und Soziales, die den Haushältern vor zwei Jahren zugemutet wurden und „Schmerzen bereitet“ haben. „Wir sind die Ehrbarkeit hier“, stellte er klar, „und der OB ist nicht der Herzog vom Remstal.“

Eigentlich sei es sowieso ein Jubiläum des Landes, fand Te Wildt. „Das ist württembergische Geschichte.“ Albrecht Kühn ( CDU) hat im Unterschied zu allen Ratskolleg(inn)en „den Vertrag durchgearbeitet“. Wenn er auch bedauert, dass keine Übersetzung ins heutige Deutsch vorliegt, entdeckte er in der Abschrift so unschöne Sachen wie „Elemente der Denunziation“, hält sie aber trotzdem für „einmalig“ und ein „hochinteressantes Ding“ – gerade in den Widersprüchlichkeiten.

Unter vielen anderen Debattenrednern empfand Anton Brenner für die Linke die geplante Investition von einer Million Euro angesichts bisheriger Einschränkungen im Kulturbereich „wie Hohn – wenn das kein Leuchtturmprojekt ist!“ Die Spenderinnen, da ist sich Brenner sicher, „würden sich im Grabe herumdrehen.“ Darüber hinaus schlug er vor, zum Anlass mal wieder Yaak Karsunkes „Bauernoper“ aufzuführen.

„Die Einordnung des Tübinger Vertrags darf ruhig so widersprüchlich ausfallen wie der Vertrag widersprüchlich ist“, bekundete Dietmar Schöning für die FDP. Auch wenn ihn die städtische Vorlage mehr überzeugt hat als das angehängte Kurzkonzept des Kurators, rief er energisch aus: „Ja, wir sollten uns trauen!“ Um gleich einzuschränken: mit kalkuliertem Risiko. „Wir möchten eigentlich alle diese Ausstellung“, erklärte die WUT-Vertreterin Ulrike Heitkamp, „wir müssen aber wissen, auf was wir uns einlassen.“ Und riet wie einige andere dazu, „die Chance zu ergreifen: Attempto!“

Dieser Funke des Wagemuts sprang auf weitere Stellungnahmen über. So forderte der fraktionslose Jürgen Steinhilber, die Stadt möge „Farbe bekennen: andere Städte betteln, feiern zu können.“ Das sei eine Möglichkeit, bundesweit ins Gespräch zu kommen. Steinhilber möchte den Vertrag „unter dem Aspekt des Marketing-Instruments sehen“. Und sieht das Unternehmen bei OB Palmer in den richtigen Händen: „Er könnte mir an der Haustür einen Kühlschrank verkaufen.“

Die städtische Anschubfinanzierung steht nun bei nächster Gelegenheit zur Abstimmung an. Bis dahin klärt der OB, dass die Stadt nicht als alleiniger Veranstalter gilt. Die Ausstellung selbst wird wohl später eröffnet, dann im Herbst statt im Sommer 2014.

Dass die Ausstellung bereits jetzt stadtweit diskutiert wird, hält Daniel Tyradellis für ein „gutes Zeichen“ und einen „Ansporn“. Und: „Es geht ja auch um viel Geld.“ Der Kurator betont am Telefon, „kein elitäres Verständnis von Kunst“ zu haben, er will auch einem anderen Publikum Zugang zur Kultur und damit zu Ausstellungsorten wie der Kunsthalle erschließen. Die Frage, ob man dem Vertrag nun besser über einen (landes)historischen oder einen künstlerischen Ansatz gerecht wird, stellt sich für ihn weniger: „Meine Arbeit als Ausstellungsmacher besteht seit 15 Jahren auch darin, solche Grenzen in Frage zu stellen.“

„Die Zeit“ lobte die „Wunder“-Schau von Tyradellis, die 50 000 Besucher in die Hamburger Deichtorhallen zog, fast überschwänglich – gerade auch wegen der ungewöhnlichen Ansätze und Umsetzungen des Konzepts. Ist er auf den Erfolg fixiert? „Ich denke auch in großen Besucherzahlen“, so Tyradellis zum TAGBLATT, „aber auf anderen Wegen als über Aufkleber.“ Ihn interessiert, „wo ist der Mehrwert, wenn man die Dinge gemeinsam betrachtet?“ Dass der „Tübinger Vertrag“ neben einem Dokument der Freiheit sehr wohl auch ein Instrument der Unterdrückung gewesen ist, sei zwar offensichtlich. „Doch deshalb zu sagen, das ist ein böses Dokument – das ist Schwachsinn!“

Fast alle diese frühen Schriftstücke, die von den Kämpfen um bürgerliche Freiheitsrechte künden, „haben Blut am Stecken“, meint Tyradellis. Ein wichtiger Teil seines Konzeptes sei, herauszustellen, dass Freiheit in einer Gesellschaft auch immer Verantwortung bedeute. „Ich würde gern die Frage stellen“, gibt er ein Beispiel, „wie Staat und Bürger zusammen kommen.“ Etwa, indem Regeln und Erlässe der Verwaltung über die 500 Jahre betrachtet werden.

Die Zeit, in der die Entscheidung über das Projekt reift, sie drängt nun auch ein bisschen. Zum Teil sind bereits Leute abgesprungen, mit denen Tyradellis sein Konzept umsetzen möchte, und weitere Anfragen stehen immer im Raum. Bis Mitte November, sagt der Kurator, sollte über den Auftrag aus Tübingen entschieden sein, „sonst sehe ich das nicht mehr“. Unmittelbar davor will er dem Gemeinderat nochmal seine Pläne erläutern. Und betont: „Wenn der ,Tübinger Vertrag‘ steigt, dann hat das absolute Priorität!“

Attempto-Gefühle im Gemeinderat: Die Debatte zum Tübinger Vertrag
Der „Tübinger Vertrag“ als Vorzeige-Exemplar für die Staatsgäste der Stadt: Hier präsentiert Stadtarchivar Udo Rauch (mit Schon-Handschuh) dem damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan und Gattin (links) vor neun Jahren das beste Stück. In der Mitte die frühere Rathaus-Chefin Brigitte Russ-Scherer.Archivbild: Metz

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27.10.2012, 12:00 Uhr

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