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Theater

Auch als Sänger famos

Im 17. Jahr seines Bestehens wagte sich Pina Buccis spracherprobtes Theaterprojekt „Zukunft“ an ein Theaterstück mit Musik, die Dreigroschenoper, und bewies auch darin seine künstlerische Reife.

16.04.2018

Von Hans-Michael Greiß

Das Ensemble des Theaterprojekts Zukunft begeisterte mit ihrer Interpretation der Dreigroschenoper. Bilder: Kuball

Unter dem Welthit-Titel der Moritat im Vorspiel „Und der Haifisch, der hat Zähne“ hatte das Plakat eine Aufführung „frei nach Die Dreigroschenoper von Bert Brecht“ angekündigt. Doch überraschend gönnte sich Pina Bucci wenig Freiheiten der Interpretation. Treu hielt sie sich an den Text, die Songs kamen bei ihr authentischer rüber, als man es auf großer Bühne vermocht hätte.

Ewald Loschko verwies auf die 20-jährige Aktivität des Projektes Zukunft, das vom ehrenamtlichen Engagement getragen werde. Viele der diesjährigen Aufführung seien von Anfang an dabei. Selbst die „Verstärkung“ des Ensembles um Chor und Orchester bestehe aus bekannten Gesichtern.

Kurt Weill hatte seine Musik für neun Musiker auf 22 Instrumenten für ein Salon-Orchester geschrieben. Bucci schaffte es, mit Jürgen Sesterheim am Saxophon und Walter Däumler an der Gitarre den intimen Charakter eines Kammerspiels zu wahren. Für Brechts ursprünglich 24 benannte Rollen standen Bucci nur acht Schauspieler zur Verfügung, die ihre unvermeidlichen Doppelbesetzungen mit schnellster Verkleidung prächtig erfüllten.

Hunderte Details zu klären

Die Oper, die nach Brechts Worten „so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können“ war passgenau auf das kleine Podest des Klostersaals zugeschnitten. Ein ganzes Jahr hatten die perfekt aufeinander eingespielten Akteure für ihre Artikulation gebraucht, neben den Sprechrollen ihre Singstimmen zu trainieren und eine dem Raum angepasste Lautstärke zu entwickeln.

Maßgeblich zum Erfolg der Dreigroschenoper trug der Kracher gleich zum Anfang bei. In der Moritat des Zähne tragenden Haifischs schilderte Dieter Behler, einziger Mann im sonst ausschließlich weiblichen Ensemble, die Schurkereien des Verbrechers Macheath, genannt Mackie Messer. Nicht minder skrupellos beutete Bettlerkönig Peachum (Ingrid Schumm) die Ärmsten der Stadt mit seinem „Franchise-Unternehmen Bettlerfreunde“ aus. Jeden Anflug von Mitleid hielt er in seinem Geschäftsmodell für unangebracht. Seine Frau Celia (Susanne Henning) übertraf ihn gar an Eigennutz und sah in der Hochzeit ihrer Tochter Polly mit dem Gangster-König Mackie Messer ihre Altersversorgung gefährdet.

Mit rauer kehliger Stimme dröhnte Mackie Messer (Christiane Müller) seine machohafte Arroganz durch den Raum, der sich jeder Frau als Lustobjekt bediente – und da gerade nichts anderes anstand, mal eben die Tochter seines Geschäftsfeindes in einem Pferdestall heiratete. Sesterheim nahm dazu Anleihen bei Richard Wagner statt dem originären Kurt Weill. Gisela Preuss als Pastor Kimball verband in schönstem Schwäbisch das Paar im heiligen Bunde; als Konstabler Smith vermieste sie ihm allerdings das Geschäft. Zwei Gauner leerten scheppernd Diebesgut aus einem Sack, und auch der korrupte oberste Londoner Polizeichef Tiger Brown (Dieter Behler) machte dem Paar seine Aufwartung.

Die frischgetraute Ehefrau Polly (Iris Heimsch-Dörr) rockte nach der Entledigung des Schleiers vom Heuballen aus in Gossen-Gestik einen bravourösen Seeräuber-Jenny-Song vom Schiff mit acht Segeln, im Refrain von einem silbengenauen Chor (Dörte Bestmann, Werner Burghart und Andrea Präg) begleitet. Gemeinsam zog man mit dem Song „Soldaten wohnen auf den Kanonen“ von der Bühne.

Die nachhaltig gestörte Familienidylle brachte Mutter Peachum an den Flachmann, die für die abtrünnige Tochter die liebevolle Bezeichnung „Verbrecherschlampe“ parat hatte, und deren Ehe höchstens als Aussicht auf eine lukrative Scheidungsabfindung betrachtete, denn „wenn der gehängt wird, streitet ein halbes Dutzend Witwen um das Erbe“.

An Gerissenheit unterlegen

Ein einzelner roter Scheinwerfer genügte, Puff-Stimmung zu illusionieren, wo sich Mackie gewohnheitsmäßig donnerstags amüsierte. Von seinen Huren ausgeliefert musste er im Gefängnis Old Bailey erkennen, dass ihm seine Angetraute an Gerissenheit überlegen war, und er sich überlegte, den Bankenplatz London zu nutzen, was ihm einträglicher erschien. Um sich der Risiken zu entledigen, zögerte er nicht, seine eigenen Leute, „der Abschaum der Menschheit“ ans Messer zu liefern. Aus seiner „alten Villa“, wo der Single Malt zum Roomservice gehörte, sollte Browns Tochter Lucy (Andrea Glatter) ihn befreien, doch bereitete sie ihm nach Pollys Erscheinen einen zünftig zoffenden Zickenkrieg. Da half kein Appell, Ehemodalitäten seien verhandelbar, während er unbeeindruckt seine Zigarillo weiter schmauchte.

„Wovon lebt der Mensch?“, gab Behler zu bedenken und kam zu der Einsicht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Peachum wollte den Krönungszug mit einer Bettler-Demo aufmischen, derweil Mackie, erneut verraten, unter dem roten Strick seiner Hinrichtung entgegensah. Alles erschien aussichtslos und verloren. Da verließ Walter Däumler in der Rolle eines reitenden Boten, seine bis dahin großartig gespielte Gitarre. Als „Deus ex Macchina“ begnadigte er nicht nur den Todeskandidaten, sondern erhob ihn in den erblichen Adelsstand, Brechts Vorgriff auf Margaret Thatchers Grüße an die Kapitalisten.

Die Besucher waren sich einig, eine künstlerische Meisterleistung erlebt zu haben. Fasziniert, wie „super gespielt“ und die Mimik aus nächster Nähe erleben zu haben, fiel das Lob einhellig aus.

Mehrmals verraten musste Mackie Messer, gespielt von Christiane Müller, sogar dem Strick entgegensehen – bis die Hauptfigur in „Und der Haifisch, der hat Zähne“ doch noch begnadigt wurde. Das spracherprobte Theaterprojekt zeigte sich in diesem Stück auch in musikalischer Bestform.

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Erstellt:
16. April 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. April 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. April 2018, 01:00 Uhr

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