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Feierabendziegel sind Ziegel mit Signatur

Auch jüdische Arbeiter verewigten sich

BÖRSTINGEN (ski). Auch so genannte Feierabendziegel gehören zum Fundes des neuen Dorfmuseums in Börstingen. Die Ziegel mit den Inschriften und Ornamenten stammen aus der längst abgegangenen Ziegelei am Bierlinger Ortsrand, tragen teilweise hebräische Schriftzeichen und wären vor einem Vierteljahrhundert, als die große Scheuer des Hofguts Weitenburg umgedeckt wurde, fast auf dem Schutt gelandet.

14.04.2007

Beinahe freilich nur, denn Hermann Staud, der dort 33 Jahre lang Gutsverwalter war, verhinderte Schlimmeres. „Als wir das Dach abdeckten, kam ein Arbeiter zu mir und sagte: Es hat Ziegel mit Bildle drauf“, erinnert er sich: „Da habe ich dafür gesorgt, dass nichts weggeworfen wird ohne angeguckt.“ Sammler Staud verwahrte die solcherhand geretteten Fundstücke erst daheim in Ergenzingen; voriges Jahr gab er sie dem neuen Dorfmuseum in Börstingen.

Wahrscheinlich verbrachten die Ziegel 150 Jahre gemeinsam auf der Weitenburg-Scheuer, denn sie tragen, sofern ein Herstellungsdatum vermerkt ist, allesamt die Jahreszahl 1835. Gebrannt wurden sie offenbar an verschiedenen Tagen dieses Jahres, und zwar in jener Ziegelei, die am östlichen Bierlinger Ortsrand stand, gleich links an der Straße nach Wachendorf. Auf lokale Lehmvorkommen zurückgreifend, arbeitete der kleine Betrieb als Erblehen der Freiherren von Ow dort schon im 18. Jahrhundert.

Fridolin Briegel vom Heimatmuseum Empfingen hat den Börstingern ebenfalls einen Hohlziegel aus der Bierlinger Werkstatt übergeben. Er trägt das Datum 28. Mai 1812 und weist eine Familie Lohmiller als Besitzerin der Ziegelei aus. Wahrscheinlich, sagt Rolf Schorp, der Initiator des Börstinger Dorfmuseums und Vorsitzende des Fördervereins, waren die Lohmillers Teilhaber, denn ein aus dem Jahre 1876 stammender Sack trägt die Inschrift „Karl Faiß, Ziegler in Bierlingen.“

Heutzutage erinnern Feierabendziegel vor allem daran, dass das Ziegelmachen früher keine maschinelle Arbeit war, sondern eine manuelle – und ein arg schweißtreibendes Geschäft überdies. Die schwere Lehmmasse wurde in eine eiserne Form gestrichen und dann gebrannt. Hatte der Ziegler nach hunderten Werkstücken endlich Feierabend oder auch nur Verschnaufpause, fand er die Zeit, einen Ziegel auch einmal zu verzieren – oder, als Signatur seiner Kunst, mit einem Stückchen Holz den eigenen Namen zu hinterlassen.

Schon römische Ziegelbrenner ritzten bekanntlich nicht nur die Namen auftraggebender Legionen in ihre Ziegel, sondern auch derbe Sprüche oder Symbole zur Abwehr böser respektive Versöhnung guter Geister. Noch auf den Bierlinger Feierabendziegeln, die keine zwei Jahrhunderte alt sind, finden sich wellenförmige Muster, deren tiefe Bedeutung auf solche magischen Vorstellungen zurückgehen mag, aber auch der Name „St. Urbanus“, Schutzheiliger der Winzer. Und es ist ein Mond abgebildet, der möglicherweise etwas mit dem Ortsnecknamen „Moofanger“ zu tun hat. Mit ihm wurden die Bierlinger seit alters her von den Nachbarflecken belegt, heutzutage feiert er in der gleichnamigen Narrenfigur Fasnet um Fasnet fröhliche Urständ.

Besonders auffällig aber ist, dass einige der Feierabendziegel in lateinischer und in hebräischer Schrift gezeichnet sind, letztere als „jüdisch geschrieben“ auch noch eigens benannt ist. Auf einem Ziegel, der am „17. Tag, Mai 1835, Bierlingen“ gebrannt wurde, ist gar ein jüdischer Name verewigt, der eines gewissen Igifle Katz aus Haigerloch nämlich.

War er ein Auftraggeber und waren die Ritzungen eine Art gebrannter Lieferschein, wie es von anderen Ziegeleien aus dieser Zeit belegt ist? Dagegen spricht neben den hebräischen Buchstaben auch, dass die Ziegel wahrscheinlich schon damals von den Freiherren von Rassler geordert worden waren, auf deren Scheune sie sich später fanden. Rolf Schorp neigt zu einer anderen Erklärung: Zwar lebten keine Juden in Bierlingen, doch es fanden Arbeiter aus den jüdischen Gemeinden Haigerloch und Mühringen dort Beschäftigung. „Wie andere damals auch“, so Schorp, „werden sie die zehn Kilometer morgens und abends zu Fuß zurück gelegt haben.“

Leinensäcke mit eigenem Namensaufdruck zu haben, so wie hier der Ziegler Karl Faiß, war im 19. Jahrhundert eine Sache von Wohlstand und Prestige.

Hebräische Buchstaben und ein Mondgesicht: Vor 172 Jahren wurden diese Ziegel am Bierlinger Ortsrand erst bekritzelt, dann gebrannt.

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Erstellt:
14. April 2007, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. April 2007, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. April 2007, 12:00 Uhr

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