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Zehn Jahre Oberbürgermeister Boris Palmer

Auch zum Jubiläum noch mehr der Politiker

Vor zehn Jahren wurde Boris Palmer als Oberbürgermeister von Tübingen vereidigt. Seither ist er zum Medienstar geworden – und ungeduldiger.

14.01.2017
  • Sabine Lohr

Der überraschende Wahlsieg, mit dem Boris Palmer im Oktober 2006 die damalige Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer auf Anhieb aus ihrem Amt kippte, war längst verdaut, als der damals 34-Jährige am 11. Februar 2007 vor fast tausend Gästen im „Museum“ während eines fulminanten Festes vereidigt wurde. Es war, sagt Palmer, einer der glücklichsten Momente als Oberbürgermeister.

Aber er erinnert sich auch, wie er damals zum Empfang geradelt ist. „Unterwegs musste ich absteigen, denn da hab ich an meinen Vater gedacht und dass er das jetzt nicht mehr miterleben darf.“ Etwa zwei Jahre vorher war Helmut Palmer gestorben.

Auf den Bildern von damals sieht man Palmer als strahlenden, jungen Mann mit tiefschwarzen, streng zurückgekämmten Haaren. Inzwischen, sagt er im Gespräch mit dem TAGBLATT, sei „ein grauhaariger, von Rückenschmerzen geplagter, älterer Herr“ aus ihm geworden.

Na gut, das sind die Äußerlichkeiten. Und dass früher der Elan größer war und heute die Routine, ist nach zehn Jahren im selben Job auch keine Überraschung. Mit jugendlicher Unbekümmertheit habe er sein Amt damals angetreten, ganz nach dem Motto „Hier bin ich und jetzt leg ich los.“ Den Führungskräften im Rathaus habe er kundgetan, dass er zu 90 Prozent Politiker sei und zu 10 Prozent Verwaltungsmensch. „Denen fiel die Kinnlade runter, die wussten überhaupt nicht, wie sie damit jetzt umgehen sollen.“ Auch das habe sich geändert. „Heute gehen die meisten gut damit um. Aber ich bin auch nur noch zu 60 Prozent Politiker und zu 40 Prozent Verwaltungsmensch.“

Die größte Veränderung ist aber wohl Palmers Bekanntheitsgrad. Vor zehn Jahren war er in Tübingen eine Art lokaler Popstar. Kaum drei Wochen im Amt, haute er mit einem Bagger den Eingang der alten Kepler-Aula um – als erster Oberbürgermeister, der statt eines Spatenstichs einen Baggerbiss machte. Die Kepler-Schüler feierten ihn damals, johlten „Zugabe! Zugabe!“ und ein paar wenige machten sogar ein Foto von ihm. Ein Handy hatte damals noch kein Jugendlicher – das Iphone war erst wenige Tage zuvor auf den Markt gekommen.

Ein halbes Jahr später feierten die regionalen Medien Palmer, weil er bei einem Nazi-Aufmarsch in Tübingen, zu dem sich rund 10 000 Gegendemonstranten eingefunden hatten, übers Megafon dafür gesorgt hatte, dass die aufgeheizte Stimmung nicht kippte. Davor schon hatte er auf dem vollen Marktplatz zu einer friedlichen Demo aufgerufen und ein Verbot der NPD gefordert.

Vom lokalen Star ist Palmer aber längst zu einem der bekanntesten Oberbürgermeister der Republik geworden. Ein Medienstar, ein Provokateur, ein Talkshowgast, ein Facebook-Freak. Einer, der sich in die Bundespolitik einmischt und gehört oder doch zumindest wahrgenommen wird. Und jetzt wird er sogar noch zum Ritter ernannt.

„Den bundespolitischen OB gäbe es ohne Facebook nicht“, sagt auch Palmer. Dabei habe er anfangs gedacht, er brauche keine sozialen Medien. „Ich hab gesagt, ich treffe jeden Tag zwischen der Neckarbrücke und dem Rathaus 400 Leute – auf sozialen Medien muss ich nicht auch noch unterwegs sein.“ Aber die Stadtverwaltung sollte auf Facebook präsent sein, das wollte Palmer durchaus. Der Gemeinderat machte aber nicht mit. Auch beim dritten Vorstoß des OB, Mittel für eine städtische Facebook-Seite und deren Betreuung einzustellen, lehnte das Gremium ab. „Da hab ich es aus Trotz halt für mich selber gemacht“, so Palmer.

Das war vor fünf Jahren. Und schon damals wirkte Facebook. Als Palmer 2013 rund um den Botanischen Garten eine Tempo-30-Zone einrichten wollte, hagelte es Proteste auf seiner Facebook-Seite. Und er gab nach. „Ohne den Shitstorm damals hätten wir heute dort kein Tempo 40.“

Ein Jahr später abonnierten mehr und mehr Journalisten Palmers Seite – und machten ihn zum Medienstar, indem sie über ihn berichteten, ihn berichten ließen und ihn einluden.

Auch für die Jüngeren sei er immer noch ein Star, glaubt Palmer. „Das äußert sich nur anders.“ Heute wollten eben viele ein Selfie mit ihm machen, wo auch immer er sei. Was allerdings, wie er weiß, lediglich mit Bekanntheit und nicht unbedingt mit Beliebtheit zu tun hat. Denn auf seiner Facebook-Seite tummeln sich auch viele, die ihn alles andere als gern haben.

In Tübingen aber, glaubt Palmer, habe er immer noch großen Rückhalt. Bei seiner Wiederwahl 2014 hat sich das gezeigt – 61,7 Prozent der Stimmen bekam er damals. Auch das war einer der glücklichsten Momente Palmers. Ganz besonders gerührt hat ihn damals eine Geste von Baubürgermeister Cord Soehlke. Der umarmte seinen Chef herzlich, nachdem das Ergebnis festgestanden hatte. „Er hatte so gebangt, dass ich es nicht mehr schaffe“, sagt Palmer. Und freut sich heute noch, dass Soehlke ihm damals auf so herzliche Weise gezeigt hat, wie sehr er Palmer schätzt.

Vielleicht liegt das auch am Führungsstil des Oberbürgermeisters. „Ich halte Kritik nicht nur aus, ich brauche sie“, sagt er dazu. Er würde seine Mitarbeiter Dialog-orientiert führen – „die dürfen sagen, was ihnen nicht passt, sie dürfen auch mal schreien.“ Aber um die Sache muss es eben gehen, nicht um die Person.

Richtig zu führen musste Palmer aber auch erst lernen. „Ich hatte davor ja nur einen Mitarbeiter.“ Also las er viele Bücher zum Thema und besuchte Seminare. „Ich hab mich in diesem Punkt von einem Laien zu jemandem entwickelt, der das passende Führungs-Knowhow gefunden hat.“

Eins aber merkt er doch, auch bei der Mitarbeiterführung: Dass er im Laufe dieser zehn Jahre ungeduldiger geworden ist. „Da nähere ich mich meinem Vater an.“ Auch in Gemeinderatssitzungen passiert es immer wieder, dass er emotionsgeladen sagt, was ihm nicht passt. Auf Facebook sowieso. „Ich gehöre eben zum Realistenflügel und ich ärgere mich oft über Unfug, den andere Grüne verbockt haben.“ Zwar nehme er sich, „in demütigen Momenten“ immer wieder vor, zurückhaltender zu sein, „aber das hält nie lange“. Mit 34 habe er sich noch nicht dermaßen geärgert.

Aber ungeduldig war er auch damals schon. „Wenn ich vor zehn Jahren schon gewusst hätte, welche Stolpersteine und Hemmschuhe es bei Verfahren gibt und wie man sie aus dem Weg räumen kann, dann hätte das einiges geholfen“, sagt er. Manchmal hilft ihm aber selbst diese Erfahrung nicht. Beim Europaplatz etwa, den er gerne in seiner ersten Amtszeit schon umgebaut hätte, oder beim Parkleitsystem, das schon seit sieben Jahren auf sich warten lässt.

In seiner Bilanz gesteht Palmer durchaus auch „schwere Irrtümer“ ein. Sein Einsatz für das Kohlenkraftwerk Brunsbüttel etwa, „der zum Glück folgenlos war“. Aber auch, dass er einmal eine alte Frau nicht ernst genommen hatte. Sie hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, dass die Stufen im Wiener Gässle für ältere Menschen gefährlich seien. „Ich schaute mir das an und konnte es nicht nachvollziehen.“ Kurz darauf stürzte dort jemand – und Palmer hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Die Stufen sind inzwischen markiert, damit man sie besser sieht.

Sein größter Erfolg? Neben den beiden Wahlen sei das der erste Klimaschutzbericht gewesen. „Da hat sich gezeigt, dass Tübingen das Ziel sogar übererfüllt hat. Da war ich glücklich.“

Und dann erinnert er sich noch an diese kleinen Momente, die ihn zum Lachen gebracht haben. An die Hundertjährige etwa, der er Blumen brachte. „Sie welled der Oberbürgermeister sei?“, fragte die ungläubig und setzte nach: „Do sind Sie aber a jungs Blut. Und wo hen Se Ihrn Bauch glasse?“ Oder wie er mit Soehlke über den Zaun der Egeria geklettert sei, um zu sehen, was sie da kaufen wollten. „Da kam nach fünf Minuten der Hausmeister und hat uns verjagt.“ Und noch etwas: „Der Abriss des Foyers war klasse.“ Auch, weil es ihm gelungen war, die Bauruine in städtischen Besitz zu bekommen. Heute steht dort ein Hotel.

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14.01.2017, 00:30 Uhr

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