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Leitartikel

Auf Sprache achten

Sigmar Gabriel glaubt, uns werde die Luft genommen. „Manchmal ersticken wir in Formeln der politischen Korrektheit“, sagt der SPD-Chef. Ursula von der Leyen findet, „politische Korrektheit“ habe den Vertrauensverlust in die Politik verschärft. Und Grünen-Politiker Winfried Kretschmann sagt: „Wir dürfen es mit der Political Correctness nicht übertreiben.“

03.01.2017

Von MATHIAS PUDDIG

Viele schlagen auf die „politische Korrektheit“ ein, um sich beim Wähler anzuschmiegen. Wie heftig diese Debatte geführt wird, zeigt sich auch am Streit über den Begriff „Nafri“, den die Kölner Polizei in der Silvesternacht unbedarft getwittert hat.

Der Wunsch, Dinge klar zu benennen, steht scheinbar gegen das „politisch Korrekte“. Die Sache hat aber einen Haken: Niemand will politisch korrekt sein. Seit der Begriff den Weg ins öffentliche Gespräch gefunden hat, wird er benutzt, um politische Gegner verächtlich zu machen. „Politisch korrekt“ ist ein Kampfbegriff der Rechten. Indem demokratische Politiker ihn übernehmen, wollen sie Nähe zur Bevölkerung demonstrieren. Stattdessen geben sie aber jenen Recht, gegen die sie argumentieren. Und sie diskreditieren jene, die mit bewusstem Sprachgebrauch Ungerechtigkeiten beseitigen wollen.

Dabei ist die Idee ganz einfach: Wie wir sprechen, beeinflusst unsere Wahrnehmung. Es macht einen Unterschied, ob jemand von einer „Abtreibung“ spricht, vom „Schwangerschaftsabbruch“ oder vom „Embryonen-Mord“. Den meisten Menschen leuchtet das ein. Ebenso einleuchtend ist es, Chinesen nicht „Schlitzaugen“ zu nennen, weil das rassistisch ist. Das gebietet der Anstand. Doch genau der erschwert die Sache. Anstand ist kein Naturgesetz, sondern eine gesellschaftliche Norm, die man verhandeln muss. Oft geht es dabei um haarfeine Unterschiede, die jedoch für den so Benannten große Auswirkungen haben. Ein weiteres Problem ist die Frage, wo man für sich die Grenzen des Anstands zieht. Auch diese lassen sich nur im Gespräch ermitteln. Wer aber mit dem Kampfbegriff „politische Korrektheit“ kommt, der nimmt dem Gespräch den Boden.

Das aktuelle Beispiel des „Nafri“ zeigt das deutlich: Im Polizeijargon stand der Begriff für Intensivtäter aus Nordafrika – kein schönes Wort, aber womöglich ein praktikables. Im Tweet aus der Silvesternacht wurde es jedoch auf alle jungen Männer ausgeweitet, die irgendwie nordafrikanisch aussehen, was auch immer das sein soll. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wurde so pauschal verdächtigt. Und die Pauschalisierungen gingen am Neujahrstag noch weiter: Empörung auf der einen, Spott auf der anderen Seite. Für Differenzierungen war kein Platz – das kennt man vom Diskurs über die „politische Korrektheit“.

Umso fataler ist es deshalb, wenn demokratische Politiker immer wieder vereinfachend gegen „politische Korrektheit“ argumentieren. Ihnen fällt es schließlich zu, die beiden Probleme anzugehen: das Erklären und das Verhandeln. Sprache ist für Politiker eines der wichtigsten Werkzeuge. Es wäre fahrlässig, dieses Werkzeug nicht zu pflegen und es nicht passgenau einzusetzen.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
3. Januar 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Januar 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Januar 2017, 06:00 Uhr

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