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Soundtracks unter Strom

Auf Tour: Hollywood-Komponist Hans Zimmer füllt die Arenen

Das hat vor Hans Zimmer noch kein Filmkomponist geschafft: wie ein Popstar reihenweise die Arenen zu füllen. In München war es sogar ein Heimspiel.

28.04.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

München. Wie ein Hänfling steht Hans Zimmer da am Keyboard: 1981 in „Video Kills The Radio Star“, dem Nummer-Eins-Hit der Band The Buggles, dem ersten auf MTV gezeigten Musikvideo.

Nun steht Zimmer wieder am Keyboard, 35 Jahre, ein Oscar, drei Grammys und ein Stern auf dem „Walk of Fame“ später. Er spielt in der mit rund 11 000 Menschen nahezu ausverkauften Münchener Olympiahalle den charmanten Riff aus dem Filmerfolg „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, ein Klarinettist gesellt sich dazu, eine Bassistin, ein Schlagzeuger. Bald steht eine groovende Band auf der Bühne - und das Publikum Kopf. Zimmer ist sichtlich gerührt; in München hat er einst seine Kindheit verbracht, bevor er in jungen Jahren erst nach London, dann die USA auszog, um die Klangwelt zu revolutionieren.

Hans Zimmer, der seit einem Vierteljahrhundert prägt, wie großes Kino klingt, der erfolgreichste und einflussreichste Deutsche in Hollywood, hat wieder mal einen Superlativ zu bieten: Als Filmmusikkomponist - einer Zunft, die sonst nicht im Scheinwerferlicht steht - füllt er die Arenen, gibt in zwei Monaten 37 Konzerte in Europa, wird gefeiert wie ein Popstar. Am Merchandise-Stand werden Shirts verkauft, die mit dem Superman-Logo spielen: Statt dem „S“ strahlt hier ein „Z“.

Hybris und Selbstironie: Zimmer hat beides, sonst wäre er nicht so weit gekommen. Im Konzert erklingt seine schwungvolle „Rain Man“-Musik, diese Keyboard-Kompositionen klangen 1989 ungewohnt frisch für ein Drama: seine Eintrittskarte nach Hollywood. Seitdem gibt Zimmer maßgeblich den Ton an und vor, wie Epen, Melodramen, Thriller, Animationsfilme und vor allem Actionstreifen klingen. Dabei hat er ein Händchen, vielversprechende Produktionen auszusuchen - kommerzielle Blockbuster, aber auch Oscar-Stoffe.

Und er spricht die Hörgewohnheiten eines popkulturell verankerten Kinopublikums an. Da wird der Choral zum U-Boot-Drama „Crimson Tide“ mit treibenden Beat aufgepumpt, löst sich der „Da Vinci Code“ in hymnischem Sakral-Pop auf, trifft in „Gladiator“ Weltmusik-Singsang auf brachiale OrchesterAttacken. Und für den „Fluch der Karibik“, dessen Themen nicht nur jedes Kind kennt, lässt er das Orchester durch den Gitarren-Verstärker krachen: Jack Sparrow segelt mit E-Cello am Bord hart am Wind.

Zimmer hat kein Konservatorium besucht und sagt gern: „Es gibt Regeln in der Musik, aber die darf man brechen.“ Eine Frage des Charakters und der Ästhetik sei das: „Ich bin mit Klassik und Rock n Roll aufgewachsen. Nun mach ich auch mal Rock n Roll mit dem Orchester.“ Und dazu Blitz n Donner.

Eine mehr als 20 Frau und Mann starke, sensationelle Band hat er auf Tour dabei, dazu Streicher, Bläser, gemischten Chor - nein, das ist kein klassisches Ensemble, das ist eine gut 70-köpfige Rockgruppe. Krachig wird es in der heftigen Fledermaus-Action von „The Dark Knight“, und wie für Spider-Man Dubstep und Sprechgesang hineinspinnt, hat schon etwas Avantgardistisches. Nur schade, dass in den Fortissimo-Passagen - und davon gibt es reichlich - der Klang in der Halle zu einem übersteuerten Brei wird.

Noten und Anekdoten: Zimmer schafft es wacker, wie anfangs versprochen, den ganzen Abend auf Deutsch zu plaudern - auch „weil meine Musiker kein Wort verstehen“. Er verteilt Nettigkeiten an die Münchner, erzählt, dass er zuletzt als 13-Jähriger in der Olympiahalle war, bei Emerson, Lake & Palmer, und schildert seine Anfänge in Hollywood, als es dort „Hans Who?“ hieß. „Und jetzt spiel ich ein bisschen schlechtes Klavier für euch!“

Er greift in die Tasten und Saiten und haut auch mal auf die Pauke - sinnbildlich passt das sowieso. Zimmers Markenzeichen sind ein fetter Hybrid-Sound aus Elektronik, Orchester und Chören, hymnenhafte Themen und Ethno-Einsprengsel, pulsierende Rhythmen und komplexe Tonschichtungen. Meditativ wird es in „Der schmale Grat“, in „Interstellar“ erhebt sich eine Orgel, und für den „König der Löwen“ ist sogar Lebo M, die Stimme Afrikas, live mit dabei.

Von Mahler über Morricone und Vangelis bis Deep Purple reichen Zimmers Einflüsse, und noch mehr Inspiration ist herauszuhören: Pink Floyd und Mike Oldfield, Schostakowitsch, Orff und Philip Glass - aber alles ist eben auch irgendwie Hans Zimmer, der in seiner Soundtrack-Fabrik „Remote Control“ ein kreatives Miteinander pflegt und das Filmmusikmachen „demokratisiert“ hat; bis zu 70 Komponisten, Orchestratoren, Arrangeure, Techniker und Assistenten arbeiten dort.

Coole Mucke und warme Worte, U- und E-Motionen, Bum-Bum-Bombast und Soundtracks unter Strom: Mehr als zweieinhalb Stunden rockt der 59-Jährige die Halle, die Show hat starke Licht-Effekte, kommt aber dankenswerterweise ohne Filmausschnitte aus - für die Bilder sorgt allein die Musik. Zum Finale schwillt es in „Inception“ nochmals mächtig an, dann verklingt es leise. Hans Zimmer spielt die letzten Noten, ein Mann am Klavier.

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28.04.2016, 06:00 Uhr

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