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Zwischen Feiern und Flüchtlingsdebatte

Auf dem Afrika-Festival hatte Kultur ebenso ihren Platz wie Politik

„Nicht schwarz. Nicht weiß. Sondern bunt“: Das Motto des Afrika-Festivals passte in vielerlei Hinsicht. Von Donnerstagmittag bis Sonntagabend bot das Festival auf dem Festplatz seinen Besuchern ein abwechslungsreiches Programm.

26.07.2015
  • Miri Watson

Tübingen. Kurz nach Mittag am Samstag auf dem Festplatz. Viele der Händler bauen gerade ihre Stände fertig auf und versuchen, sich gegen den Wind durchzusetzen, der über den Platz fegt und immer wieder die Kleiderständer umstößt. Bunte Stoffe aus verschiedenen afrikanischen Ländern reihen sich darauf. Der Wind ist es auch, der den Geruch des westafrikanischen Essens über das Gelände trägt. Gegrilltes Fleisch, gegrillter Fisch, Gemüseeintopf mit vielen Gewürzen. Vielleicht ist deswegen die Schlange vor dem Essensstand schon so lang, obwohl der Platz ansonsten noch wenig besucht ist. Das Bühnenprogramm beginnt gerade erst.

Der erste Eindruck: Ganz schön übersichtlich hier. Doch auf einem kurzen Rundgang wird klar, dass es mit der Übersichtlichkeit nicht weit her ist: Dort gibt es einen Stand mit Arganöl und Schuhen aus Marokko, hier einen Open-Air-Friseursalon, in dem eine Kundin gerade Dreadlocks bekommt. Auf einer Wiese, auf der Trommler sitzen und singen, können Kinder artistische Kunststücke lernen. Auch von der Bühne sind Trommelklänge zu hören, dann eine Durchsage: „Das Sozialforum beginnt um 14 Uhr. Eigentlich hätte es schon früher beginnen sollen, aber es hat sich alles etwas verzögert und jetzt beginnt es wirklich gleich.“ Im Programmheft steht es auch: „Achtung! Programmänderungen jederzeit vorbehalten!“

Im Sozialforum wird es um Flucht und Flüchtlinge gehen, die Geflüchteten sollen dabei selbst zu Wort kommen. Louisa Fischer, Assistentin der Projektleitung des Festivals und Mitglied im Verein Afrikaktiv, sagt stolz: „Das Sozialforum wurde von ehrenamtlichen Studierenden ganz alleine auf die Beine gestellt“. Eine dieser Studierenden ist Félicité Sène, die aus dem Senegal kommt, bereits einen Abschluss in Economic Development hat und jetzt in Tübingen lebt. Gemeinsam mit dem Tübinger Studenten Matthias Schulze hat sie einen Vortrag über Flucht und die Suche nach Asyl vorbereitet und Gäste zur Podiumsdiskussion geladen.

Um 14.15 Uhr heißt es dann, dass die Diskussion in fünf Minuten beginnen wird. Der Wind rüttelt an den Stangen des Zeltes, in dem das Sozialforum stattfindet. In einer einführenden Präsentation stellt Sène erst einige Fakten zum Thema „Flucht“ vor und dann ein paar, mehr oder weniger provokante Fragen: Warum werden Weiße, die ihr Heimatland verlassen, mit dem eher positiven Wort „Expatriates“ bedacht, während alle anderen Menschen eher abwertend Migranten sind? Weshalb beschäftigt die Afrikanische Union sich nicht mit der Flucht vieler Menschen aus den afrikanischen Staaten und dem Sterben im Mittelmeer?

Mittlerweile ist es voll im Zelt. Sène spricht englisch, Schulze übersetzt immer wieder ins Deutsche. Die beiden Geflüchteten, die über ihre Erfahrungen in Deutschland sprechen, werden mit ihren Vornamen vorgestellt: Simon und Mustafa. Beide leben seit etwas über einem Jahr in einer Sammelunterkunft in Reutlingen. Simon, der ursprünglich aus Togo kommt, beklagt die Zustände in den Unterkünften und auch die Ungewissheit, der er als Asylbewerber ausgesetzt ist: „Ich bekomme hier einen Platz zum Schlafen und etwas zu essen, das ist gut, aber die Zukunft ist offen. Ich kann keine Pläne machen, weiß nicht, wie es weitergehen wird“, sagt er auf Englisch, Schulze übersetzt.

Mustafa, der aus Gambia nach Deutschland gekommen ist, sieht seine Zukunft etwas optimistischer. Ab Herbst hat er einen Ausbildungsplatz. „Als Mensch muss man immer auf das Beste hoffen“, sagt er. Doch er fügt hinzu, dass er großes Glück hatte, einen Deutschkurs besuchen zu können. Vielen ist das wegen mangelnder Plätze nicht vergönnt. Schlechte Deutschkenntnisse sind ein Hindernis auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings sind das seine Hautfarbe und seine Herkunft auch.

Ein Fest der Gegensätze

Draußen windet es noch immer, als das Sozialforum zu Ende ist. Der Spaziergang zwischen den bunten Aussteller-Ständen hindurch fühlt sich jetzt – nach den ernsten Themen, die im Zelt besprochen worden sind – merkwürdig an. Vor und auf der Bühne tanzen ausgelassen Menschen, der Festplatz füllt sich langsam. Die Band covert Shakiras WM-Hit „Waka Waka“.

Das ist einer der Gegensätze des Afrika-Festivals: Heiterkeit, kultureller Austausch, Tanz, Musik und bunte Kleider stehen Themen gegenüber wie Armut, Bürgerkrieg, Aids und Flucht. Zu Beginn des Festivals hatte es Kritik an der Veranstaltung gegeben, von einer Vereinigung, die sich „Ethiopia Human Rights Committee“ nennt. Der Grund dafür: Erstmals gab es in diesem Jahr einen Länderfokus, vorgestellt wurde Kamerun, das Land, aus dem die Hauptorganisatorin Susan Tatah stammt. In Kamerun ist die Gesetzgebung in Bezug auf Homosexualität diskriminierend, homosexuelle Handlungen werden laut Gesetz mit bis zu fünf Jahren Gefängnisstrafe geahndet. In der Realität reicht schon der Verdacht auf Homosexualität aus, um Menschen in Untersuchungshaft zu nehmen. Die enge Zusammenarbeit der Organisation des Festivals mit kamerunischen Botschaftern geriet deswegen in Kritik.

Auf dem Festplatz ist davon nichts zu merken: In einem abgetrennten Bereich stehen Zelte, ein Schild über dem Eingang heißt Tübingen willkommen im „Kamerunischen Dorf“. Noch ist hier wenig los, nur wenige der Stände sind besetzt. So zum Beispiel der von Richard Adzogo: Er arbeitet in einem Waisenhaus in Douala, der größten Stadt Kameruns und spricht französisch. Insgesamt leben 30 Kinder in seiner Einrichtung; Kriegswaisen seien dort ebenso untergebracht wie Kinder, die ihre Eltern wegen Aids verloren haben, Kinder mit Behinderung oder Straßenkinder. In Tübingen sucht er nach einem Partner, der sich für das Waisenhaus einsetzt. „Wir wollen, dass diese Kinder in die Schule gehen können, dafür brauchen wir Menschen, die uns unterstützen“.

Ein ganz anderes Anliegen hat Sacdo Bertin Ced, der ebenfalls einen Stand im „Kamerunischen Dorf“ betreibt: Hier werden typische Produkte des Landes vorgestellt. Kleider, Gewürze, Tee und vor allem: der weiße Honig aus Oku. „Das ist der einzige weiße Honig der Welt“, sagt Bertin Ced stolz. Oku ist eine geschützte geographische Herkunftsbezeichnung wie Bordeaux oder Champagne. Beim Pfeffer aus Penja ist es genau so. Er soll fiebersenkend wirken, bei Blähungen und Magengeschwüren helfen und ein Aphrodisiakum sein.

Bis in die Nacht gibt es fröhliche Musik

In diesem Zelt ist auch Alain Martial Eloumndene anzutreffen, der in Saarbrücken Germanistik studiert hat und mittlerweile beim Kultusministerium in Kamerun arbeitet. Er ist sehr fröhlich, freut sich darüber, Deutsch sprechen zu können und darüber, dass es auf dem Festival traditionelle Kleidung aus Kamerun und anderen afrikanischen Staaten zu kaufen gibt: „Für mich ist es Integration und Freundschaft, wenn Deutsche afrikanische Kleidung tragen. Das passt für mich zum Motto des Festivals – nicht schwarz, nicht weiß, sondern bunt“, so Eloumndene.

Der Wind ist mittlerweile nicht mehr ganz so stark. Obwohl es deutlich abgekühlt hat, tanzen immer mehr Menschen vor der Bühne, wo noch bis in die Nacht fröhliche Musik zu hören sein wird. All die Gegensätze zu verarbeiten, das ist eine Herausforderung bei dem Besuch auf dem Festival. Aber das passt ja auch ganz gut zum Motto.

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26.07.2015, 12:00 Uhr

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