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Klupfinger

Auf dem Berg sieht man mehr

Volker Klüpfel und Michael Kobr schreiben Bestseller und machen aus ihnen abendfüllende Comedy-Programme.

08.10.2016
  • HELMUT PUSCH

VÖHRINGEN. Da gemma jetzt ned naus.“ Der Saal im Kulturzentrum Vöhringen ist proppenvoll. Nach einem kurzen Film-Intro, das zwei ängstliche Gesellen im sturmumtosten Biwak-Zelt irgendwo in den Alpen zeigt, kommen sie doch auf die Bühne: Volker Klüpfel und Michael Kobr. Vom Publikum bejubelt wie zwei Popstars.

Und das sind sie auch irgendwie. Obwohl dort eigentlich zwei Schriftsteller auf der Bühne stehen. Die starteten vor 13 Jahren mit dem Bestseller „Milchgeld“, der auch nach Meinung der Autoren eher mittelmäßig ausfiel, gleichwohl aber der Beginn einer rasanten Karriere war. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Zum einen die Entdeckung, dass ein Regionalkrimi dann am besten funktioniert, wenn nicht die Region, sondern deren Bewohner die Hauptrolle spielen. Und da haben sich die beiden Autoren mit ihrem Kommissar Kluftinger einen Hauptdarsteller gebaut, der alle Klischees über den zugeknöpften Allgäuer erfüllt. Er steht allem Fremdem skeptisch gegenüber, misstraut vor allem Menschen, die schneller reden als er selbst, und die ihm in diesem Tempo auch noch weismachen wollen, dass das Neue besser sei als das Alte. Wer braucht schon einen Mercedes-SUV, wenn der alte Passat noch pfenniggut dasteht?

Dabei ist dieser Kluftinger aber ein knitzer und zielstrebiger Ermittler, auch wenn er bei seiner Arbeit kein Fettnäpfchen auslässt. Und diese Fettnäpfchen sind es, die Kobr und Klüpfl weidlich nutzen. Die Szenen, in denen Kluftinger vermeintliche Weltläufigkeit demonstriert und sich ahnungslos um Kopf und Kragen redet, sind es, die diesen Allgäuer Kommissar von anderen Krimi-Ermittlern unterscheidet. Diese Szenen schmücken die Autoren nicht nur aus, sie sind auch der Stoff, aus denen sich die beiden Allgäuer ihr zweites Standbein gebastelt haben. Lesungen, die eigentlich Comedy-Abende sind.

Das funktioniert so gut, dass sie mit ihrem vorletzten Buch „In der ersten Reihe sieht man Meer“ fast gänzlich auf Kluftinger verzichtet haben. Da geht es um das Traumland der Deutschen: Italien und dessen Klischees. Geschildert wird das aus der Sicht eines heute arrivierten und Italien-affinen Mitvierzigers, der sich über Nacht aber in der pubertäts-pickligen Haut eines 15-Jähriggen wiederfindet, der mit seinen Eltern Mitte der 80er Jahre erstmals an die Adria reist. Mindestens so viel Potenzial für Peinlich-Komisches wie in jedem Kluftinger. Und der taucht in diesem Buch auch am Rande auf: als besserwisserischer (!) deutscher Tourist, der der Familie unseres Zeitreisenden erklärt, dass man in Italien spezielle Getone Telefonico für die Münzfernsprecher braucht.

Diese literarische Querverbindung beleuchten Klüpfel und Kobr in ihrem neuen Programm „Lesensgefahr“ mit viel Trara. Und das machen sie auch um die Frage, welches Buch sie denn nun eigentlich vorstellen: das aus Italien oder eben den neuen Kluftinger „Himmelhorn“. Die Entscheidung fällt von Szene zu Szene via Knobelei: Schnick, schnack, schnuck mit ganz eigenen Regeln – Darth Vader schlägt Batman und irgendwann ist eh alles nur noch virtuell.

Und der neue Kluftinger? Beleuchtet diesmal Allgäuer Themen, die bislang noch nicht im Kluftinger-Kosmos durchgenudelt worden sind: Alpinismus und E-Bikes. Mit letzterem und seinem ungeliebten Nachbarn Dr. Langhammer radelt der Kommissar in die Berge und findet dort drei tote Bergsteiger. Darunter ist auch ein berühmter Bergfilmer. Alles sieht zunächst nach einem Unglück aus, doch der Instinkt des Ermittlers lässt ihn anderes ahnen. Und privat? Da lässt sich der eher zum Geiz neigende Kluftinger auf Börsenspekulationen ein, steht die japanische Schwiegertochter kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes.

Dialoge aus der TV-Soap

Auch in der Nachbarschaft kriselt es: Langhammer hat ein Gspusi, und Kluftingers Angetraute und die Betrogene kommen auf die Idee, dass Kluftinger und Annegret Langhammer doch ihrerseits ein inniges Verhältnis mimen könnten, um den Doktor seinerseits eifersüchtig zu machen. Schließlich entdeckt der maulfaule und nicht sehr redegewandte Kluftinger auch noch, dass schmalzige Dialoge aus einer TV-Soap im richtigen Leben ungeahnte Wirkungen zeitigen …

Jede Menge Gelegenheiten also für Fettnäpfchen-Szenen und vergnügliches Fremdschämen beim Lesen. Klüpfel und Kobr breiten das genüsslich aus – im Buch und auf der Bühne.

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08.10.2016, 06:00 Uhr

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