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Leitartikel zum Moscheeverband Ditib

Auf dem Prüfstand

23.01.2017
  • Elisabeth Zoll

Die Stoßwellen nach dem versuchten Putsch in der Türkei sind in Deutschland angekommen. Sie erschüttern das Miteinander von Staat und der Vertretung vieler türkischer Muslime, Ditib (türkisch-islamische Anstalt für Religion), empfindlich. Wie umgehen mit einem Dachverband, der Imame hat, die in Moscheen Anhänger der Gülen-Bewegung ausspionieren und sich damit zum Vollstrecker fanatischer türkischer Politik auf deutschem Boden machen? Der Verdacht wiegt schwer, auch wenn er sich vermutlich nur auf wenige Vorbeter der knapp 1000 Ditib-Moscheegemeinden bezieht. Denn er stellt die bisherige Kooperation in Frage. Politiker fordern nicht nur die Aufklärung der Vorwürfe. Julia Klöckner (CDU) will die Zusammenarbeit mit Ditib ganz auf den Prüfstand stellen.

Seit vielen Jahren ist Ditib der wichtigste Ansprechpartner für die deutsche Regierung bei Fragen der Integration. Der Verband gilt als dialogfreudig und aufgeschlossen, der türkische Islam als gemäßigt. Von ihm geht keine Aufstachelung zu Terror und Gewalt aus, im Gegensatz zu mancher Salafistenmoschee. Seine Imame ermutigten in Gefängnissen nicht zum Dschihad, sondern sind dort als Korrektiv im Gespräch mit inhaftierten Fanatikern unverzichtbar. Deshalb ist der Verband festes Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, wirkt bei der Gestaltung von islamischem Religionsunterricht mit, übernimmt Aufgaben in der Gefangenenseelsorge. All das ist willkommen.

Doch relativiert das nicht die Spionagevorwürfe. Sie machen ein Problem sichtbar: die strukturelle, ideologische und finanzielle Abhängigkeit des 1982 gegründeten Verbandes von der türkischen Religionsbehörde Diyanet. In Ankara wird die Musik ersonnen, die Moscheen in Deutschland spielen. Dafür sorgen Imame, die von der Türkei entsandt und finanziert werden. Ebenso Freitagspredigten, die Diyanet vorformuliert und kontrolliert. Auch die an Botschaften in Deutschland ansässigen Religionsattachés üben Einfluss aus. Sie sind nicht nur aufs engste mit der Staats- und Regierungsspitze in der Türkei verbunden, sondern per Satzung auch mit Ditib in Deutschland.

Diese Staatsnähe ist das Problem, vor allem seit Präsident Erdogan nach Allmacht strebt. Wer nicht denkt wie er, ist ein Feind. Anhänger des Predigers Fetullah Gülen auf jeden Fall. Doch auch Kurden hierzulande sprechen inzwischen von einem „vergifteten Klima“.

Ditib stellt das vor eine schwierige Frage: Wem gilt die Loyalität – dem Staat, in dem die Mitglieder heute leben, oder der Türkei, aus der Vorgängergenerationen stammen? Beides hat Folgen. Wer sich als verlängerter Arm Ankaras versteht, kann für die Bundesregierung kein Partner auf Augenhöhe sein. Viele Kooperationen müssen dann auf den Prüfstand. Wer sich jedoch als Vertreter der in Deutschland lebenden Muslime begreift, kann laut Vereinssatzung nicht am Gängelband Ankaras bleiben. Das berührt auch finanzielle Abhängigkeiten. Die Spionagevorwürfe stellen Ditib vor eine Zäsur, wenn nicht vor eine Zerreißprobe.

leitartikel@swp.de

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23.01.2017, 06:00 Uhr

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