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Zuckerfreie Socken und herzlose Herzen

Auf dem Tübinger Georgimarkt gibt fast alles, aber manches eben doch nicht (mehr)

Der Georgimarkt ist ein Quell der Überraschungen. Wer Innovatives sucht, ist hier richtig. Und wer Skalpelle für Heimchirurgen, Wunderquirls für Quark, Milch und Mayonnaise oder Socken für Zuckervermeider sucht, ist hier noch richtiger. Außerdem ist ein Gang über den Markt schöner als Surfen im Internet. Heute geht es den ganzen Tag weiter.

13.04.2016
  • Ulla Steuernagel

Niemand soll sagen, dass der Markt immer gleich ist. Wer das behauptet, hat nur Augen für die Kittelschürzen, deren Blümchenmuster und Schnitte auf ewig unveränderlich und wie in Marmor gemeißelt erscheinen. Auch die Kleiderbügel, die mit ihren herausragenden Drähten als Brustnebendarsteller im Einsatz sind, scheinen seit Jahrzehnten die Begehrlichkeiten der Besucher/innen zu wecken.

Man sollte die Marktleute nicht unterschätzen. Auch an älteren Herrschaften wie etwa Oskar Knaupp rauscht der Geist der Zeit nicht einfach vorbei. Die Zedern- und Naturholzsohlen, die der Händler aus Deggingen anbietet, verkauft er ebenfalls im Internet. Interessenten drückt der Mann an dem kleinen Stand in der Neckargasse, Ecke Bursagasse gerne „einen Flyer“ in die Hand. „Bei gescheiten Produkten wollen die Leute wissen, wo sie herkommen, bei Produkten aus China ist das egal“, findet Knaupp, der seine Allwetter-und „4-Jahreszeiten-Sohlen“ schon bis nach Amerika verkauft hat. Der Mann ist wahrlich vom Baustoff seiner Einlagen überzeugt, denn „schon der Tempel in Jerusalem ist aus Zedernholz gebaut“, auch die Pharaonen hätten es zu schätzen gewusst, versichert er.

Schwerer haben es die verschiedenen Schälspezialisten mit ihren Wunderwaffen zu überzeugen. „Den normalen Sparschäler habt ihr alle daheim, Heeeerrschaften“ brüllt ein Verkäufer in der Neckargasse. Bei ihm hat man es mit einem „Multifunktionsschäler“ zu tun. Ein paar Schritte weiter muss dieser gegen einen „Titan-Schäler in beide Richtungen“ konkurrieren, und noch ein wenig weiter in Richtung Marktplatz richtet der „Multihobel“, der „achtmal schneller“ ist als andere, Riesengebirge an Gemüseschnitzen an.

Wo sind nur all die Jersey-Spannbetttücher geblieben? Waren sie nicht auf jedem Markt im Angebot und hatten binnen kürzester Zeit solche Laufmaschen, dass man beim nächsten Mal von 2a auf 1b-Ware wechselte? Vielleicht wurden die Tücher aber auch so haltbar, dass niemand mehr neue braucht.

Die Abschaffung des eigenen Angebots ist auch ein Thema des Marktes. Da führt Gerlinde Summer aus Stuttgart ihren Brillen-„Top Cleaner“, der mit Lotuseffekt und allem Drum und Dran arbeitet und von Flasche zu Flasche billiger wird („mit Sprüher plus Nachfüllflasche sind wir nur noch bei 20 Euro“), und schon greift ihr Nachbar ein. „Wir machen die Brille nicht nur sauber, sondern auch weg“, verspricht er. Man erfährt von dem Mann, dass er nicht nur Lederfett verkauft, sondern auch durch mehrstündiges Mentaltraining die Brille entbehrlich macht. „Wir sehen zu 90 Prozent mit dem Kopf und nur zu zehn Prozent mit den Augen“, verrät Roland Kosicki aus Stetten am Kalten Markt. Per Visitenkarte weist er sich als Diplom-Ingenieur aus. Skeptiker sind für ihn „Leute, die immer noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist“. Seine Erde sei hingegen seit zwölf Jahren rund. Denn da lernte er nach einem Treppensturz, dass er die teure Gleitsichtbrille nicht ersetzen, sondern sie sich einfach nur abgewöhnen musste. Mit Mentaltraining habe er auch abgenommen. Er weist auf das deutlich dickere Gesicht auf seiner Visitenkarte.

Ohne Brille könnte man sich an anderer Stelle über einen einzigartigen Gender-Fortschritt wundern: „Socken von Opa!“ Nein, kein Opa hat sie gestrickt, sie sind von Opal, einer Hechinger Firma, klärt Kemal Dogan auf. Zwar strickt auch seine Frau auf Bestellung, aber es gibt hier vor allem Ware aus der Fabrik. Zum Beispiel „Diabetiker Socken“. Seit wann enthalten Strümpfe Zucker, fragt sich jeder medizinisch Gebildete. Nein, es handelt sich hier um venenfreundliche Socken mit hohem Baumwollanteil. Dank Dogan kann man auch auf großem Fuß gut leben. Bei ihm kaufe „ein Herr aus Balingen mit Schuhgröße 54“.

„We wish you a good Studium“, ruft Doris Wölfl einer Gruppe amerikanischer Studenten hinterher, die sich von ihrem Kollegen Georghe Vasilache „Suzanne“ in eine Tasse gravieren ließ. „Als Georghe nach Deutschland kam, sprach er kein Wort deutsch“, erklärt Wölfl. Mittlerweile rede der Mann, der gerade durch Mundschutz zum Schweigen verurteilt ist, in einem fort. „Männer reden viel mehr als Frauen“, findet die Verkäuferin noch. Von Tübingen fühlte sich die Frau gestern Morgen bei der Anreise nicht gut empfangen. Überall in der Altstadt hätte (Sperr-)Müll gelegen: „Chaos pur!“

Wo sind die „Arschkriecher“, fragt ein kleiner Junge seine Mutter, als sie an einem Süßigkeitenstand vorbeilaufen. Eine Bonbon-Innovation? Nein, antwortet die Mutter, der Junge habe einmal Lebkuchenherzen mit einer solchen Aufschrift gesehen. Jedenfalls, da kann man sicher sein, nicht auf dem Georgimarkt.Bilder: Metz

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13.04.2016, 01:00 Uhr

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