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Auf dem Weg zurück ins Leben
Manuel Gil sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl. Die linke Körperhälfte ist gelähmt, weshalb der 43-Jährige das Gefährt nur über zwei Greifreifen an der rechten Seite steuern kann. Bild: Priotto
Inklusion

Auf dem Weg zurück ins Leben

Manuel Gil lebt seit einem Schlaganfall im Betreuten Wohnen „Neckarwiesen“. Der 43-Jährige wünscht sich mehr Selbstständigkeit und weniger Barrieren.

29.12.2016
  • Cristina Priotto

Im Leben von Manuel Gil gibt es ein Davor und ein Danach. Die Zäsur bildet der 27. Oktober 2013. Der Spanier saß erkältet zu Hause in Aistaig. Nach einem heftigen Hustenanfall war plötzlich die linke Körperhälfte gelähmt. Der damals 40-Jährige schaffte es noch, einen Kumpel anzurufen, um ins Krankenhaus nach Oberndorf zu fahren. Von dort ging’s per Rettungswagen ins Vinzenz-von-Paul-Hospital nach Rottweil. Dort folgte die Diagnose: Schlaganfall durch Hirnblutung. „Ich hatte wohl von Geburt an eine missgebildete Ader im Gehirn, die durch den Hustenanfall platzte“, weiß der 43-Jährige heute. Per Hubschrauber kam der Patient nach Villingen-Schwenningen, wo Gil notoperiert wurde

Drei Wochen im Koma

Nach dem Eingriff lag Manuel Gil drei Wochen im Koma. „Als ich aufwachte, hatte ich eine Glatze und eine Narbe von einem Ohr zum anderen – das war ein Riesenschock“, erinnert sich der Spanier drei Jahre später und zeigt Fotos auf dem Smartphone. Da die Schädeldecke aufgesägt worden war, litt der Patient monatelang unter Kopfschmerzen. Bis heute nimmt der 43-Jährige Medikamente. In der Blüte des Lebens musste Gil Selbstverständlichkeiten wie Sprechen und Schlucken wieder neu lernen und ist seither auf einen Rollstuhl angewiesen.

Ein Jahr verbrachte der junge Schlaganfallpatient in einem Pflegeheim in Donaueschingen. Seither folgten mehrere Rehabilitationskuren, unter anderem in der Allensbacher Schmieder-Klinik. „Einrichtungen speziell für jüngere Leute nach so einem Schicksalsschlag gibt es in Baden-Württemberg kaum“, bedauert Gil. „Man landet im Altersheim und ist dort mit Abstand der Jüngste.“

Doch der gebürtige Oberndorfer wollte zurück in die alte Heimat und weitestgehend selbstständig leben.

Über das Internet stieß der 43-Jährige auf das Betreute Wohnen in den Neckarwiesen. Seit September lebt Manuel Gil in Sulz
– ebenfalls als jüngster Bewohner der Einrichtung. Das Mindesteintrittsalter liegt bei 60 Jahren oder einer Schwerbehinderung von mindestens 50 Prozent. Gil wurde als 100 Prozent schwerbehindert eingestuft. Dort wird der Rollstuhlfahrer durch die Sozialstation betreut: Das Mittagessen kommt per „Essen auf Rädern“, außerdem kümmert das Team sich um die Reinigung der 60 Quadratmeter großen Wohnung und begleitet Gil einmal in der Woche zum Einkaufen. „Mein Ziel ist es, wieder so selbstständig wie möglich zu werden“, sagt der 43-Jährige. Frühstück und Abendessen bereitet der Spanier selbst zu.

Fortschritt dank Physiotherapie

Einen herben Rückschlag erlitt Manuel Gil schon einmal: Als 29-Jähriger wurde Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Beschwerden hatte der passionierte Sportler dadurch aber nie. Seither trieb Gil viel Sport – Fußball, Mountainbiken, stellte die Ernährung um und lebte 14 Jahre als Vegetarier. Dieses jahrelange Training zahlt sich auch bei den physiotherapeutischen Anwendungen zweimal in der Woche und bei der Ergotherapie aus: Das linke Bein macht stetig Fortschritte, doch bei der Reaktivierung des Arms ist Gils Meinung nach in den bisherigen Rehabilitationseinrichtungen zu wenig gemacht worden. Deshalb hofft der Schwerbehinderte, dass die Krankenkasse eine Intensiv-Reha für Arm, Hand und Schulter in Landshut genehmigt. Denn da die Hirnblutung in der rechten Hirnhälfte auftrat, sind das linke Bein und der linke Arm nach wie vor gelähmt. Um sich dennoch selbstständig im Rollstuhl fortbewegen zu können, verfügt Manuel Gils Rolli am rechten Rad über zwei Greifreifen: Über den äußeren steuert der 43-Jährige das linke Rad, mit dem inneren das rechte. „Wenn es geht, fahre ich rückwärts und stoße mich mit dem rechten Fuß ab“, erklärt der halbseitig Gelähmte einen Trick. Hinten am Rollstuhl steckt ein Walkingstock. „Damit kann ich ein bisschen gehen, aber nicht weit und extrem langsam“, berichtet der Rollstuhlfahrer.

Der erste Rollstuhl, den ein Arzt Manuel Gil verschrieb, war für Menschen konzipiert, die beide Arme einsetzen können. Erst nachdem der Medizinische Kontrolldienst einen Neurologen auf den Missstand hinwies, schrieb der Arzt ein neues Attest – nach zwei Jahren. Ein Elektrorolli kommt für den 43-Jährigen nicht in Frage: „Ich will hier wieder raus und wieder laufen können“, bringt Gil seine Perspektive auf den Punkt. Ein weiteres Ziel: Den gelernten Beruf als Industriemechaniker wiederaufnehmen. Der Oberndorfer hat eine Lehre bei Heckler & Koch absolviert und zuletzt 13 Jahre lang beim Maschinenbauer Geiger Handling in Dornhan gearbeitet. Dorthin möchte Manuel Gil zurückkehren und wäre auch bereit, eine Umschulung zu machen. Denn für Erwerbsunfähigkeitsrente fühlt der 43-Jährige sich zu jung. Die Wohnung im Betreuten Wohnen kann Gil sich nur dank privater Berufsunfähigkeitsversicherung leisten
– „sonst wäre ich ein Sozialfall“.

Stehen gerade keine Anwendung oder kein Besuch an, surft Manuel Gil viel im Internet, immer auf der Suche nach Hilfs- und Therapieangeboten, um den Lebensalltag zu erleichtern.

Familie lebt in Spanien

Beim Besuch der SÜDWEST PRESSE trägt der „Aficionado“ ein Trikot der spanischen Fußballnationalmannschaft. „Ich habe früher beim VfR Sulz in der Abwehr gespielt“, erzählt der 43-Jährige. Den Kontakt zu den Kicker-Kumpeln hält Gil nach wie vor und ist auch sonst dankbar, dass häufig Freunde zu Besuch kommen. Denn die Eltern kehrten als Rentner ins Heimatland zurück, auch der Bruder lebt in Barcelona. Eine Cousine in Aistaig ist Manuel Gils einzige Verwandte in der Nähe, außerdem hat der 43-Jährige eine Schwester in Deutschland. Als Gesellschaft kam vor kurzem Hamsterweibchen „Julia“ hinzu.

Für das neue Jahr hat der Schwerbehinderte drei Wünsche: „Ich möchte wieder laufen und arbeiten können – und mein Traum wäre es, wieder Gitarre zu spielen“, fügt der Heavy-Metal-Fan hinzu. Den Lebensmut lässt Manuel Gil sich nicht nehmen und glaubt an eine Zukunft mit den Fähigkeiten aus der Vergangenheit.

Manuel Gils Wünsche für mehr Barrierefreiheit:

- Gehwege: „Es fehlt häufig an

Absenkungen, die flach genug sind.“

- Bodenbeläge: „Pflastersteine sind für Rollstuhlfahrer hinderlich. Die

Kieswege auf dem Friedhof sind mit einem Rollstuhl nicht befahrbar.“

- Räumung: „Laub, vor allem, wenn es nass ist, stellt eine Gefahr für Rollstuhlfahrer dar. Im Winter sollten die Gehwege gut geräumt sein, allerdings möglichst ohne Rollsplitt.“

- Parkplätze: „Oft sind Behindertenparkplätze belegt oder zugeparkt.

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29.12.2016, 01:00 Uhr

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