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In den Fußstapfen der Beuremer Elsa

Auf den Spuren der Grenzgängerin von der Alb

Mindestens zweimal in der Woche machte Elsa Saile (1910 bis 2004), die Beuremer Elsa, ihre Botengänge nach Belsen und Mössingen. Die wunderliche Wanderin zwischen Alb und Tal ist vielen Steinlachtälern noch gut im Gedächtnis.

26.09.2011
  • Susanne Mutschler

Belsen/Beuren. Schon zum Internationalen Frauentag im März hatten Bärbel Boll, Iris Hagenbach und Maria von Wulfen vom Mössinger Lauftreff eine Wanderung in den Fußstapfen der Beuremer Elsa angeboten. Wegen des großen Interesses damals gab es am vergangenen Sonntag eine Wiederholung. Wegen des Regenwetters schloss sich jedoch nur ein Dutzend Unentwegter, das sich eben so wenig wie einst Elsa von Wind und Wetter abhalten ließ, dem Waldlauf gen Beuren hinauf an.

Elsa Saile kam 1910 in Beuren zur Welt. Sie wurde 94 Jahre alt, aber es war kein leichtes Leben, denn sie war nicht wie die anderen im Dorf. Sie galt als einfältig und sonderbar. Sie wurde vergewaltigt, geschlagen, angefahren, während der NS-Zeit zwangssterilisiert und war oft das Ziel von Spott.

Von den einen sei sie veräppelt, von vielen anderen aber mitleidig versorgt worden, wussten Iris Hagenbach und Bärbel Boll, denen die ewig vor sich hin brabbelnde Elsa noch begegnet war, als sie kleine Mädchen waren. Sie erinnern sich an ihren Rucksack, den Schlapphut, die in Schichten übereinander getragenen, muffeligen Kleidungsstücke und vor allem an ihre riesigen Schnürstiefel. Wie wichtig die schweren Schuhe für Elsa gewesen sein müssen, bemerkte die Wandergruppe gleich auf dem ersten Wegstück quer durch die regenmatschigen Streuobstwiesen.

Elsa war immer ihren eigenen Pfad gegangen. Als Iris Hagenbach sich von Georg Schlegel aus Belsen den Ur-Elsa-Weg zeigen ließ, stellte sie fest, dass sie damit querfeldein die kürzeste Verbindung von Belsen nach Beuren gefunden hatte. Sie bedauert, dass diese Strecke ihr Gesicht völlig verändern wird, wenn dort in der kommenden Woche die Buchen mit ihren eingeschnitzten Liebesbotschaften gefällt werden. Für Elsa und die Belsener Jugendlichen, die es damals zu den drei Wirtschaften in Beuren hinauf zog, seien solche Bäume und die markanten Steine wichtige Orientierungspunkte gewesen.

Ihren mageren Lebensunterhalt verdiente sich Elsa als Botin. Schadhaft Gewordenes aus Beuren trug sie nach Mössingen zur Reparatur und brachte es später wieder zurück. Sie habe beim Gärtner Nill „Tag- und Nacht-Veigele“ geholt und dem Schuster Wagner Schuhe zum Flicken gebracht, und man habe sie mit bis zu acht Rechen auf dem Rücken nach Beuren heimkehren sehen, erzählte Hagenbach zwischen den tropfenden Buchen und Eichen. In Belsen habe sie „ihre Häuser“ gehabt, unter anderem bei Hagenbachs Großmutter, wo sie wusste, dass man ihr einen Most und ein Essen auf die Staffel hinaustragen würde. Bärbel Boll, die aus der Belsener Wirtschaft „Sonne“ stammt, sieht Elsa noch vor sich, wie sie sich regelmäßig ein „leeres Weckle“ bestellte und dazu den Senftopf auslöffelte.

Elsa führte unterwegs nicht nur Selbstgespräche, sie schmiedete auch Reime. Hermann und Lisa Klausner aus Beuren hatten die mit rollendem Alb-R rezitierende Elsa 1974 einmal auf Tonband aufgenommen. Diese Verse, in denen sie einen Klinikaufenthalt verarbeitet, hatten die Lauftreff-Frauen im Originalton zum Anhören mitgebracht.

Auf halber Höhe an der Gemarkungsgrenze erklärte Hagenbach, was Elsa in mehrfacher Hinsicht zur Grenzgängerin machte. Es waren ihre Wege zwischen Hohenzollern und Württemberg, zwischen der katholischen und der protestantischen Bevölkerung und zwischen der alten und der neuen Zeit. In Elsas Welt wurde noch repariert und aufgehoben, in der modernen Welt waren wandernde Boten längst überflüssig geworden, und für wertlos Erachtetes wurde weggeworfen. Elsa habe in ihrem Rucksack stets allerlei modernes „Lumpenzeug“ aufbewahrt, das sie unterwegs aufsammelte.

Auf der Beuremer Höhe beim Wegkreuz war das Wegepensum der Botin fast geschafft und die schnaufenden Wanderer Schritt für Schritt vertrauter geworden mit Elsas eigenwilliger Persönlichkeit. Bevor sie über den Panoramaweg am Dreifürstenstein und den Alten Morgen den Rückweg nach Belsen antraten, gab es zur Stärkung – was sonst? – ein Brot mit Senf.

Auf den Spuren der Grenzgängerin von der Alb
Legendäre Grenzgängerin: die Beuremer Elsa.Archivbild: Grohe

Auf den Spuren der Grenzgängerin von der Alb
Initialen in Buchen am Wegesrand.

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26.09.2011, 12:00 Uhr

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