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Auf der Kippe
Er hat auf seinem Weg viel Zeit verloren: Eric Schübel flog zuhause raus, nahm Drogen und landetet auf der Straße. Durch „Startklar für Ausbildung“ kann er bald eine Lehre beginnen. Foto: Bildquelle
Ausbildung

Auf der Kippe

Zehntausende Jugendliche, vor allem Hauptschüler, bleiben Jahr für Jahr ohne Lehrstelle. Sie drohen, abgehängt zu werden. Zwei Männer kämpfen seit vier Monaten um den Anschluss: Stationen ihres Weges.

27.01.2017
  • DPA

Berlin/Eberswalde. Eric Schübel bekommt eine Chance. Die will der 26-Jährige nutzen. Es ist Montag, 9.20 Uhr. Die Schule auf dem Lehrbauhof in Berlin-Marienfelde beginnt in 40 Minuten. Es ist sein erster Tag – bei einem Projekt mit dem Namen „Startklar für Ausbildung“. „Das ist für alle, die sonst nichts kriegen“, sagt Eric.

Mit 23 anderen jungen Männern soll er hier für eine Lehre am Bau üben. Keiner hier hat eine Lehrstelle gefunden. Schlechte Noten, krumme Lebensläufe, da zögern Arbeitgeber.

Eric, mit Kapuzenpulli und Baggy-Jeans, setzt sich im Klassenzimmer in die letzte Reihe. Ab Oktober sollen er und seine Mitstreiter in verschiedene Berufe hineinschnuppern, dann bekommen sie ein Praktikum. Wenn sie einen guten Eindruck hinterlassen, übernimmt die Firma sie im Februar in eine Ausbildung.

Eric Müller, 18 Jahre alt, ist ein paar Schritte weiter als sein Namensvetter. Seit September arbeitet er als Lehrling bei der Firma Forth Elektrotechnik auf einer Baustelle in Berlin-Hohenschönhausen. „Auf der Baustelle läuft es ganz gut“, sagt er. „Aber in der Berufsschule ist es nicht so leicht.“

Herbst 2016. Eric Schübels erster Schultag auf dem Lehrbauhof: Um Punkt zehn Uhr rauschen die Macher von „Startklar für Ausbildung“ in den Klassenraum. Kay Kornatzki ist Geschäftsführer des Lehrbauhofs Berlin. Ute Stenzel leitet das Projekt. „So, jetzt erst einmal alle die Kappe abnehmen“, sagt Kornatzki. Einige Schüler murren, mehrere Jungs nehmen ihre Baseball Caps ab.

Nach einer Begrüßung fragt Kornatzki in die Runde: „Wie viel, glaubt ihr denn, verdient ein Hochbaupolier?“ Viele der jungen Männer starren auf die Tischplatte. „12 000 Euro pro Jahr brutto“, schätzt einer. „Zwischen 70 000 bis 80 000 Euro“, sagt Kornatzki. „Es stellt sich also die Frage, ob man für die Ausbildung nun zwei bis drei Jahre die Arschbacken zusammenkneifen kann“, sagt er. Der Hochbaupolier sei dann eine Aufstiegsfortbildung.

Ute Stenzel übernimmt. Sie warnt, dass alle in den ersten Wochen auf dem Bauhof Schmerzen haben werden – von der ungewohnten Arbeit. „Zwischen 50 und 70 Prozent von euch schaffen den Sprung in die Ausbildung“, sagt sie. Vorausgesetzt die Jugendlichen strengten sich an. „Wir haben noch die Flüchtlinge hier. Ihr müsst schneller und besser sein.“

Eric Schübel hört zu, ohne eine Miene zu verziehen. Wegen der Flüchtlinge mache er sich keine Sorgen, sagt er später. „Ich werde meinen Weg schon machen.“

Herbst 2016. Eric Müller, eher schmächtig, blonde Haare, jungenhaftes Gesicht, sitzt im Container auf der Baustelle von Forth. Für ihn beginnt sein zweites Lehrjahr zum Elektrotechniker. Eric ist keiner, der viele Worte verliert. „Ich bin sehr zufrieden“, sagt er. Von den Kollegen ist er akzeptiert, auch weil er ihnen Arbeit abnimmt. Nur mit der Berufsschule läuft es nicht so gut.

Die Firma Forth in Brandenburg hat rund 50 Angestellte, viele gehen bald in Rente. Ausbilder Uwe Schadwinkel hat ein Problem: „Ich finde nicht ausreichend qualifizierten Nachwuchs“, sagt er. Pro Jahr sucht das Unternehmen mindestens drei Jugendliche für die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Elektrotechniker.

Lange bekam er Dutzende Bewerbungen. Letztes Jahr meldeten sich für seine drei Plätze nur fünf Anwärter. Der Geburtenrückgang in Ostdeutschland nach dem Ende der DDR 1989/90 macht sich klar bemerkbar. Ein einziger der Bewerber entsprach Schadwinkels Wunschprofil: Mittlere Reife und die Note Zwei in Mathematik und Physik.

Für Eric Müller war das die Chance. Er kam als Schülerpraktikant zu Forth. „In der praktischen Arbeit passte Eric vom ersten Tag gut rein, er ist handwerklich sehr geschickt“, sagt Schadwinkel. Doch von den gewünschten Zeugnissen war der junge Mann weit entfernt: Er hat einen Hauptschulabschluss, die fünfte Klasse wiederholt und mäßige Noten in Mathe und Physik.

Bei der „Assistierten Ausbildung“ bekommt Eric jeden zweiten Samstag Nachhilfeunterricht. Sein Ausbilder sagt im September über seine Leistungen: „Es ist nicht himmelhoch jauchzend und nicht zu Tode betrübt.“ Eric kommt halbwegs mit.

Die Hälfte hat abgebrochen

Dezember 2016. Praktikumszeit. Fast drei Monate nach dem ersten Schultag sitzt Eric Schübel an einem Samstag in einem Café in Berlin-Friedrichshain. Er absolviert jetzt ein Praktikum bei einer Dachbaufirma. Läuft alles gut, steht eine Ausbildung zum Zimmermann in Aussicht. „Das ist endlich mein Ding“, sagt er. Er ist überzeugt, dass es dieses Mal klappt. Rund die Hälfte der Projektteilnehmer hat zu diesem Zeitpunkt schon abgebrochen.

Eric ist 26, ein Alter, in dem andere bereits ihren Meister geschafft haben. Er aber verlor Zeit: Ab der zehnten Klasse geriet sein Leben durch Alkohol und Drogen in Schieflage. Mit seinem Hauptschulabschluss nach der neunten Klasse fand er keine Ausbildung. Die Drogenprobleme wurden schlimmer, er flog zu Hause raus, lebte auf der Straße. Irgendwann ging er in den Entzug. Seit drei Jahren ist er clean. „Der Meister meint, dass ich mit 95-prozentiger Sicherheit ab Februar einen Ausbildungsvertrag bekomme“, sagt er. Für ihn wäre das ein großer Schritt.

Dezember 2016. Ein Freitagvormittag bei Forth Elektrotechnik in Eberswalde: Der Firmensitz liegt am Stadtrande in einem Plattenbau. Eric Müller und Uwe Schadwinkel sitzen im Pausenraum neben der Ausbildungswerkstatt, ein kahler, weiß gestrichener Raum im Keller. „Ich würde sagen, es läuft erst einmal so Durchschnitt“, erzählt er. Sein Ausbilder macht sich dagegen Sorgen. „Eric hat im Juni Zwischenprüfung“, sagt Schadwinkel. Aber trotz des Nachhilfeunterrichts bestehe Eric die Leistungskontrollen in der Berufsschule kaum. „Bruchrechnung, Prozentrechnung, das alles sollte im zweiten Lehrjahr lange hinter uns liegen“, sagt Schadwinkel.

Januar 2017. Für Eric Schübel beginnt das Jahr mit positiven Nachrichten. „Wenn alles klappt, kann ich am 27. Januar den Ausbildungsvertrag unterschreiben“, erzählt er. Er ist sicher, dass damit endlich alles ins Rollen kommt – mit einem Ausbildungsabschluss als Ziel. In ein paar Jahren weiß dann hoffentlich keiner mehr, dass der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt mal auf der Kippe stand. dpa

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27.01.2017, 06:00 Uhr

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