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Auf der Suche nach neuen Spielregeln
Ist ein klassischer Arbeitskampf mit Streik noch sinnvoll und möglich in einer Welt, in der immer mehr Menschen mit Arbeitszeit, -ort und Arbeitgeber flexibel umgehen? Auf die Gewerkschaften kommen viele Fragen zu. Foto: dpa
Mitbestimmung

Auf der Suche nach neuen Spielregeln

Eine vernetzte Arbeitswelt fordert die Gewerkschaften heraus. Welche Aufgaben haben sie in einer digitalisierten Fabrik?

26.11.2016
  • CAROLINE STRANG

Ulm. Die Fabriken verändern sich, die Produktion funktioniert zunehmend digital und vernetzt. Das verändert auch die Anforderungen an die Menschen, die dort arbeiten. Aber auch außerhalb von Fabriken findet etwas statt, das sich mit dem Begriff „Arbeitswelt 4.0“ umschreiben lässt. Arbeit wird entgrenzt; Arbeitsort, Zeit und Arbeitgeber sind oft flexibel. Die Arbeitsverhältnisse werden dadurch auch unsicherer. Diese Entwicklungen stellen Gewerkschaften vor Herausforderungen. Braucht man sie überhaupt noch? Was sind ihre Aufgaben?

Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, hat darauf eine Antwort: Gewerkschaften von morgen müssen Interessenvertretung über tradierte Betriebsgrenzen hinaus unterstützen und politischer Anwalt für diejenigen sein, die jenseits des klassischen unbefristeten Arbeitsvertrags ihr Geld verdienen müssen. „Moderne Tagelöhnerei ist einer sozialen Marktwirtschaft unwürdig.“

Reise mit Chancen

Auch die Gewerkschaften sehen das so. Warnen will sie nicht vor der Zukunft, das sei gar nicht ihre Art, sagt Vanessa Barth von der IG Metall. Lieber wolle man sich den Veränderungen stellen, die auch Chancen bieten. Die Gewerkschaften müssten umdenken und neue Wege gehen. Barth erklärt, wie die IG Metall auch bei Arbeitsformen, die nicht dem klassischen Modell entsprechen, mitwirkt. Zum Beispiel im Bereich Crowdworking, bei dem Unternehmen Arbeiten in kleine Projekte zerlegen und online ausschreiben. „Auch hier braucht es Spielregeln“, sagt Barth.

Das findet Kluge ebenfalls: „Wenn Mobilität und Flexibilität keine Schreckgespenster, sondern Chance zu mehr Arbeitsautonomie werden sollen, muss geregelt sein, dass Leistung und Arbeitszeit zum Beispiel bei der Bezahlung auch gewährleistet und transparent sind.“

Spielregeln brauche es auch für Beschäftigte von Plattformen mit Bewertungfunktionen. „Da kann es vorkommen, dass Leute angetrunken ins Taxi steigen und den Fahrer nicht objektiv bewerten“, sagt Barth. Solche Reputationssysteme seien mitbestimmungsfrei, der Betroffene habe häufig keine Chance zur Mitsprache. Die IG Metall trete mit den Unternehmen in Kontakt, biete an, die Geschäftsbedingungen zu prüfen und stehe den Mitarbeitern bei. „Es ist wichtig, dass faire Bedingungen in Politik und Handeln umgesetzt werden“, sagt Barth.

Durch die Vernetzung der Produktion entstehen neue Geschäftsmodelle, neue Prozesse. „Wir schauen direkt in die Unternehmen und überprüfen, wo Jobverlust droht, wo neue Jobs entstehen, ob Abqualifizierungen zu erwarten sind oder die Chance zu Weiterbildung ergriffen werden kann.“ Werden mögliche Probleme rechtzeitig erkannt, könne man über Mitbestimmung für Fairness sorgen.

Auch Andreas Henke, Pressesprecher von Verdi Baden-Württemberg, betont, dass es wichtig ist, die Beschäftigten in diesen Veränderungsprozessen zu begleiten, Qualifizierungen einzufordern und durchzusetzen, um die Beschäftigten fit zu machen für die kommenden Anforderungen. „Wir müssen erreichen, dass die digitale Rendite, also das, was mit dem enormen Produktivitätszuwachs erwirtschaftet wird, nicht bei einigen wenigen Unternehmen hängen bleibt, sondern allen zu Gute kommt.“

Niemand könne seriös beziffern, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich langfristig verloren gehen. „Aber sicher ist: Die Arbeit wird sich dramatisch verändern“, sagt Henke. Entscheidend sei, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen.

Barth sieht die Gewerkschaften auf einer Reise. „Wir müssen unter diesen neuen Bedingungen lernen, was die Angestellten wirklich brauchen.“ Sie ist sich sicher, dass die Gewerkschaften sich verändern müssen, überflüssig werden sie aber nicht: „Gerade in einer Welt, in der persönlicher Kontakt weniger wird, ist es wichtig, eine Kultur des Rechts zu etablieren und Willkür durch Recht zu ersetzen“, sagt sie.

Willkür durch Recht ersetzen

Henke sagt: „Gewerkschaften braucht es dringender denn je.“ Schließlich seien sie im 19. Jahrhundert gegründet worden, um Konkurrenz der Beschäftigten untereinander auszuschließen, um zu verhindern, dass Arbeitgeber Beschäftigte gegeneinander ausspielen. „Beim Arbeiten in der Cloud gilt es, genau das wieder zu verhindern.“

Heute sei es besser als früher: „Es gibt bereits Gewerkschaften und wir wissen, was zu tun ist.“ Wissenschaftler Kluge pflichtet ihm bei: „Idee und Prinzip von Gewerkschaften sind so gut, dass sie neu erfunden werden würden, wenn alle Beteiligten heute die Chance zur Modernisierung gewerkschaftlicher Interessenvertretung vertun würden.“

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26.11.2016, 06:00 Uhr

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