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Auf der Suche nach
den passenden Märkten
Im „Tierwohlstall“ sollen die Mastschweine vor allem genügend Platz und Licht haben. Foto: Bildquelle
Landwirtschaft

Auf der Suche nach den passenden Märkten

Bauern stehen im Spannungsfeld zwischen lokaler Produktion und globalem Handel, zwischen Umwelt- und Tierschutz sowie Entwicklungspolitik.

13.01.2017
  • KAREN EMLER

Joachim Deitigsmann glaubt sich auf dem richtigen Weg als Bauer mit Zukunft. Der 31-jährige Landwirtschaftsmeister aus Kupferzell (Hohenlohekreis) hat sich mit zwei Kollegen zu einer GbR zusammengetan und einen neuartigen Schweinestall für 1,5 Mio. EUR errichten lassen. „Tierwohlstall“ nennt Deitigsmann die beiden Hallen mit Platz für knapp 1500 Mastschweine.

Die Tiere haben viel Platz, viel Licht, viel Luft. 19 Artgenossen teilen sich eine Bucht, ausgestattet mit Futter, Wasser, Spielzeug, überdachtem Auslauf. Damit die Konsumenten sehen, wie gut es den Schnitzeln in spe ergeht, können sie von einem speziellen Besucherraum zuschauen.

Bei aller Zuversicht hat Joachim Deitigsmann doch „ein schlechtes Gefühl“, als er beim Agrargespräch des Evangelischen Bauernwerks im benachbarten Hohebuch fünf Referaten und einer Podiumsdiskussion zugehört hat. „Es muss sich verdammt viel ändern“, fasst der junge Bauern die Aussagen zusammen. „Ackern für welche Märkte: Regional, national, global?“ lautet das Thema, mit dem die Chancen und Folgen der deutschen Landwirtschaft ausgelotet werden sollen.

Clemens Dirscherl, der Leiter der kirchlichen Einrichtung, verweist angesichts schrumpfenden Absatzes im eigenen Land auf steigende Nachfragen etwa in Asien. Aber er sorgt sich auch um ökologische Folgen des Wachstums, wenn Regenwald in Brasilien abgeholzt wird, um Futter anzubauen für deutsche Schweine, die nach China exportiert werden.

Dass Bauern wie Joachim Deitigsmann abhängig sind von einem komplexen System, verdeutlicht Willi Schulze-Greve von der Direktion Landwirtschaft der EU-Kommission. Brüssels neue Regeln für den Agrarbereich müssten die Vorgaben der Welthandelsorganisation berücksichtigen und die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Die EU, betont Schulze-Greve, wolle einerseits offensiv agieren, wenn Milch und Käse ausgeführt werden sollen. Andererseits wolle sie sich schützen vor übermäßigen Fleischimporten.

Doch Bürokratie behindert offenbar auch lukrative Geschäfte. „Nicht jeder kann unsere hohe Qualität bekommen, weil wir nicht liefern dürfen“, kritisiert Manfred Nüssel, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes mit 2200 Genossenschaften. Jahrelang sei der Export von Äpfeln nicht möglich gewesen, weil notwendige Zertifikate wegen Personalmangels in den Ämtern fehlten. „Wir hätten viele Möglichkeiten, den internationalen Markt zu beflügeln“, betont Nüssel, zu dessen Vokabular „Marktbeherrschung“ gehört. Seiner Ansicht nach ist der „freie Handel der beste Garant gegen den Hunger in der Welt“.

Das sieht Francisco Mari von Brot für die Welt ganz anders. In Afrika seien die EU-Exporte „ein Störfaktor für die Entwicklung einer armuts- und hungerreduzierenden Landwirtschaft“. Wenn die einheimische Milch dreimal so viel koste wie importiertes Milchpulver, gingen Kleinbauern zugrunde, und damit die meisten Arbeitsplätze.

Weizenmehl für Baguettes sei so preisgünstig, dass weniger traditionelle Hirsefladen gegessen würden. Mit Hähnchenteilen aus Europa werde der Markt so geflutet, dass allein in Kamerun 110 000 Jobs in Mästereien und Schlachtereien weggefallen seien.

Johannes Pfaller, Milchbauer mit 120 Kühen, hat sich in Burkina Faso umgesehen. „Unsere Probleme wälzen wir auf Entwicklungsländer ab, die sich nicht wehren können“, lautet sein Fazit und meint damit „ein marktwirtschaftliches Verbrechen“. Deshalb verlangt der Franke „ein Marktverantwortungsprogramm für die EU“.

Der einzelne Bauer könne gar nicht abwägen, ob mit seinem Produkt eine Familie in Afrika notwendiges Eiweiß bekomme oder deren eigener Absatz geschwächt werde, meint Harald Grethe vom Institut für internationalen Agrarhandel und Entwicklung an der Humboldt-Universität Berlin. Die jeweiligen Länder müssten sich schon selber schützen. Hierzulande sei der Flächenbedarf für die tierische Produktion zu hoch. Bedingungen beim Tier- und Umweltschutz müssten nicht nur optimal sein für die Akzeptanz auf dem heimischen Markt: „Nachhaltiger Lebensstil hat auch Vorbildfunktion im Ausland.“

Falls die Bauern immer noch nicht wissen, wie sie sich orientieren sollen, empfahl Sozialökonom Clemens Dirscherl abschließend die kirchliche Jahreslosung aus Hesekiel 36, 26: „Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

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13.01.2017, 06:00 Uhr

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