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„ieben, ieben, ieben“

Auf der Zaubergala lernte das Publikum einen Trick

Es muss Magie sein, wenn hunderte Menschen wie angeklebt auf die Bühne starren, um bloß keine Fingerbewegung zu verpassen. Wie am Sonntag bei zwei Zaubergalas.

08.02.2010
  • Veronika Renkenberger

Tübingen. „Aus dem Ärmel! Er hat es aus dem Ärmel geholt.“ „Stimmt ja gar nicht. Ich habe die ganze Zeit auf seine Hand geschaut.“ „Jetzt guck doch hin! Er macht es schon wieder!“ Sie machten es wirklich die ganze Zeit, die Herren Magier und die eine Frau Zauberin bei der zehnten Tübinger Zaubergala am Sonntag. Erst am Nachmittag knappe drei Stunden lang und dann am Abend nochmal: Kugeln verschwinden lassen, Seidentüchlein aus dem Nichts in die Hände beamen, aus einem Tüchlein zwei machen und aus einer Spielkarte ein ganzes Quartett. Und selbstverständlich war alles reinste, echte Zauberei und nichts geschummelt. Da konnten Mama und Papa und die Kinderschar noch so sehr die Augen aufreißen und das Blinzeln unterdrücken. Zu erkennen war nichts. Also fast gar nichts.

TAGBLATT-Zaubergala im LTT

TAGBLATT-Zaubergala im LTT --

02:58 min

Zu sehen war umso mehr: Ein Julius Frack, seines Zeichens amtierender Weltmeister der Sparte Groß-illusion, der mit Charme den bunten Kollegenreigen auf der Bühne choreografierte und zwischendrin selbst das imaginäre Zauberstäbchen schwang. Sozusagen, denn natürlich braucht er weder Stab noch Spruch noch Buch, der Julius Frack. Als Moderator ist man ja auch eher ein Gelegenheitszauberer. Muss mal stichprobenartig prüfen, wie echt die Geldscheine sind, die einem Freiwillige aus dem Publikum vertrauensvoll reichen – ratsch. Mal bringt man die Leute im rappelvollen LTT-Saal dazu, mit ausgestreckten Armen zu summen, obwohl das für den Kartentrick gar nicht nötig ist. Natürlich kann ein Julius Frack auch das TAGBLATT auswendig, zumindest auf der Bühne, und hat sich vom Orakel von Arabien was Schlaues notieren lassen, was mangels Übersetzung garantiert immer stimmt.

Haarige Sachen und durchstochene Köpfe

Die schönste unter den geladenen Mitmagiern war Roxanne, die erst mal gar nicht zauberte, sondern sich selbst im Sekundentakt verwandelte: Mit ihren hüftlangen Haaren, ein paar Haargummis und extremer Fingerfertigkeit wechselte sie permanent die Identitäten, die Hintergrundmusik half ihr bei den Suggestionen. Auch nach der Pause zauberte sie weiblich: Perlenkette, Ring und andere Geschmeide.

Auf der Zaubergala lernte das Publikum einen Trick
Das Duo Junge Junge präsentierte einen frei auf dem Hals drehbaren Kopf in der Kiste. Bild: Faden

Imagination ist das Fachgebiet von Florian Hardt. Er erspürte Gedanken des halben Publikums: Zwei konkrete Gegenstände sollte sich jeder ausdenken, die man draußen findet. Auto oder Baum war bei den meisten dabei. Eine zufällig gewählte Telefonnummer war noch die Zahlenfolge des gestrigen Datums. Nach der Pause guckte er zwei Teenies ins Gehirn: Ines sollte an eine Grundschul-Bekanntschaft denken, deren Details Hardt mit Ausnahme der Augenfarbe prompt erriet. Dass Timo sich das Wort Ziehharmonika gewählt hatte, las Hardt ihm glatt von den Augen ab und notierte „Zieharmonika“. Ob in Timos Augen auch schon der Rechtschreibfehler vorgegeben war, blieb ungeklärt.

Nils Bennett hantierte ganz klassisch mit kleinen bunten Bällchen, die sich nie recht entscheiden konnten, welche Farbe sie denn nun haben, und mit Spielkarten. Einen atemberaubenden Auftritt hatte er später gemeinsam mit dem Duo Junge Junge in der Schluss-Nummer: Er war dessen dritter Mann bei einer Nummer nicht nur für Filmfreunde. Die drei kostümierten Herren hatten sich in exakt denselben Kostümen gefilmt. Die bewegten Bilder projizierten sie auf schmale Leinwände – und spielten die Szene links und rechts der Wände live weiter. Samt Halb-Striptease, fliegender Kleidungsstücke und zersägter Körper. Das war fast so atemberaubend wie der erste Auftritt von Junge Junge mit einem frei auf dem Hals drehbaren Kopf in der Kiste, der mit vier Messern erdolcht wurde – die beiden waren die Könige der Gala.

Auf der Zaubergala lernte das Publikum einen Trick
Eine Verwandlungskünstlerin: Roxanne. Bild: Faden

Ein Herz für Zuschauer bewies der fabelhafte Doctor Marrax mit seinem wildromantischen Akzent und allgewaltigem Zauberpulver: Er erlöste das Publikum von seiner endlosen „Wie geht das denn wieder“-Grübelei und brachte ihm einen Zaubertrick bei. Den er zuvor selbst gezeigt hatte: Man stopfe ein rotes „Seidentiechelchen“ in die Faust und mache es dort, schwupps, zum Hühnerei. Ganz einfach nachzubasteln. Man nehme ein Hühnerei mit Loch. Man brauche höchstens ein paar hundert Eier, bis man ein ideales Loch geschafft habe, ermutigte Marrax. Er erklärte hingebungsvoll „die Stopfung in die Faust“. Und die Sache mit dem Zauberspruch, zumal der ganz egal sei, auch das plauderte Marrax aus: „Ihr kenntet auch sagen: Waschmaschine.“

Das Allerwichtigste beim Zaubern aber, Hand aufs Herz: „Sie missen ieben, ieben, ieben!“ Und zwar nicht nur Stopfung und effektvolle Drehung, sondern auch Kommunikation mit mäßigem Wahrheitsgehalt. Schlicht: „Ihr misst liegen!“

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08.02.2010, 12:00 Uhr

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