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Auf die grüne Tour
Lustfahrt vorbei am Fernsehturm Foto: Ferdinando Iannone
Stadtbesichtigung

Auf die grüne Tour

Doppeldecker-Busse mit Cabriodach fahren Besucher jetzt auch in den Süden und Westen Stuttgarts. Ein Erzähler macht humorvolle Anmerkungen – wahlweise auf Schwäbisch.

11.04.2017
  • NADINE RAU

Stuttgart. Zum Glück sind mir Schwoba ja kloine Cleverle“, sagt Opa ganz stolz. Gerade hat er seiner Enkelin davon erzählt, dass der Rasen rund um den Fernsehturm von den Stuttgartern grün angesprüht worden war, als die Queen ihren Besuch angekündigt hatte. Schließlich sollte alles perfekt sein – und der Rasen war alles andere als das. Eher fleckig und gelb statt schön grün.

Mittlerweile hat der Doppeldecker-Bus angehalten, mache Fahrgäste nehmen die roten Kopfhörer ab, durch die sie eben die Geschichte vom Opa mitgehört haben, und steigen aus. Sie wollen hinauf auf den Fernsehturm und die City-Tour mit dem nächsten Bus fortsetzen. Für diejenigen, die sitzen bleiben, geht die Fahrt zum Schlossplatz, dem „pulsierenden Herz Stuttgarts“, wie der Geschichtenerzähler ihn nannte, und dem Fernsehturm weiter zur Stuttgarter Zahnradbahn, der sogenannten Zacke.

Die grüne City-Tour ist neu in Stuttgart und führt in den Süden und Westen der Stadt. Die Fahrt dauert rund eine Stunde, an acht Stationen hält der rote Bus an. Wie bei der schon länger bestehenden blauen Tour können die Fahrgäste ein- und aussteigen wann und wo sie wollen. Während der Fahrt immer im Ohr: der Geschichtenerzähler. Es gibt ihn auf zehn Sprachen, außerdem im Schwaben- und im Kindermodus.

Bohnenstange mit Bienenkorb

„Haaa, gugg a mol, da vorne“, sagte etwa der Opa, als es immer weiter Richtung Fernsehturm und raus aus dem Talkessel ging. Im Kinderkanal hieß es indes: „Der Fernsehturm wird auch Betonnadel oder Bohnenstange mit aufgesetztem Bienenkorb genannt. Das ist lustig, oder?“

Selbst Fahrgäste aus Bad Cannstatt, die sich in Stuttgart bestens auskennen, waren begeistert von der Aussicht auf dem Weg zum Stuttgarter Wahrzeichen. „Man sieht viel mehr als mit dem Auto, das ist Wahnsinn“, sagt die Frau einer dreiköpfigen Truppe.

Sie ist die einzige, die den deutschen Kanal ohne Dialekt eingestellt hat, ihre beiden Begleiter hören lieber den schwäbischen. „Ich bin eben ein Schwabe“, so der Mann. Nachher wollen die drei sowohl mit der Zacke als auch mit der historischen Seilbahn fahren. Deshalb auch die Entscheidung für die grüne Tour: „Die Museen der blauen Tour kennt man halt einfach schon.“

Oben am Turm angekommen erzählte Opa noch, dass sich auf der Waldau unter anderem das Fußballstadion der Stuttgarter Kickers und die Eiswelt befinden: „Du merksch, hier oba isch koin Platz für Tranfunzla“.

Tranfunzlig geht es aber weiter: ganz gemütlich nämlich im Bus, unter freiem Himmel in der Sonne, zur gemütlichen Zacke und der gemütlichen Seilbahn. Auffallend viel Grün umgibt die Straße. Deshalb heiße der Stadtteil ja auch Degerloch, so der Erzähler, das sei die mittelhochdeutsche Übersetzung für „dichter Wald“.

Nächster Halt: Zacke. „Wenn du willsch, steiger mer aus“, sagt Opa. Kurz darauf setzt sich der Bus wieder in Bewegung. Selbst über Orte, an denen man gar nicht vorbeikommt, erfährt der Fahrgast etwas. „Wenn mer da jetzt weiterfahre dädet, dann wäre mer in de Fildern“, so Opa vor seiner Erklärung über die 16 Kilometer lange Ebene.

Dass schon knapp vierzig Minuten vorbei sind, fällt nicht auf. Wegen all der Anekdoten, die an ein Hörspiel erinnern, vergeht die Zeit wie im Flug. Man hört Gelächter, Gespräche, Pferde, die mit den Hufen scharren, königliche Fanfaren, Babygeschrei und alles, was sonst zu einer bewegten Geschichte dazugehört.

An der Seilbahn steigen zwei Gäste aus Frankfurt wieder zu. „Das war toll“, sagen sie beide. Danach hätten sie noch ein halbes Stündchen in der Sonne gewartet, ehe der City-Bus sie wieder eingesammelt habe. Beide hören sie die schwäbische Version. „Gar nicht so schwer, oder?“, fragt sie ihn und lacht.

Dann haben die beiden sicher auch verstanden, dass es früher einmal vorgekommen ist, dass die historische Seilbahn, die seit jeher zum Waldfriedhof fährt und deshalb auch Erbschleicherexpress genannt wird, einmal gestreikt hat. Zu schwer war ein Sarg mit all den zusätzlich eingestiegenen Wirten.

Langsam kommt der Bus dem Talkessel wieder näher. Man merkt es auch daran, dass die Fahrt auf den zum Teil engen Straßen ruckeliger wird. Doch jetzt ist sowieso Endspurt: Marienplatz, Karlshöhe, Lindenmuseum. Bevor es jemandem zu holprig wird, ist die Tour am Hauptbahnhof auch schon zu Ende. „Jetzt han i aber ganz schön lang gschwätzt“, sagt Opa.

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11.04.2017, 06:00 Uhr

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