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Kinder müssen wilder leben, finden Ingrid Löbner und Albert Füger

Auf ins Abenteuer!

Ein paar Holzlatten im Wald, ein Schuttberg auf der Baustelle, ein Morast mit Fröschen drin: Für Kinder, sagen Ingrid Löbner und Albert Füger, sind das die schönsten Spielplätze. Sie ermuntern die Eltern, ihren Kindern mehr Wildnis zu gönnen.

23.07.2014
  • ulrich janssen

Tübingen. In seiner Kindheit, erinnert sich Albert Füger, hätten sich die Kinder im Winter immer am Österberg getroffen: „Wir waren 30, 40 Kinder und sind mit den Schlitten stundenlang runtergerast.“ Und die Eltern? „Die waren zuhause oder bei der Arbeit.“ Nicht eine Mutter, nicht ein Vater hätten sich den Tag über blicken lassen.

Heute dagegen, beobachtet der 54-jährige Tiefbauamts-Chef der Stadt Tübingen, seien die wenigen Kinder, die im Winter am Berg rodeln, geradezu umstellt von Eltern. Nicht einmal auf den supersicheren, TÜV-geprüften Spielplätzen der Stadt ließen die Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt. Und beim kleinsten „Aua“ eile die Mama herbei. Ein Fehler, wie Füger und Ingrid Löbner finden.

Viele Kinder haben kaum noch blaue Flecken

Löbner engagiert sich schon lange im „Bündnis für Familie“ für „naturnahes Spielen“. Die Diplompädagogin sieht mit Sorge, dass viele Kinder heute unter Dauerbeobachtung ihrer Eltern stehen. „Die müssen einen Kurs nach dem anderen machen, sind völlig verplant und werden sogar zum Sport gefahren.“

Was den Kinder früher Spaß machte, das Streunen auf wilden Grundstücken, das Bandenbilden und Raufen, der Bau von wilden Lagern, finde kaum noch statt. „Heute entdecken die Ärzte auf den Beinen der Kinder kaum noch blaue Flecken.“ Folge: Die Kinder werden ungeschickt, dick und träge, können Gefahren nicht mehr einschätzen. Und die Kinder täten sich zunehmend schwer, Selbstbewusstsein und Charakter zu entwickeln. „Ich befürchte, dass die später mal kleine Ja-Sager werden.“

Gemeinsam mit Albrecht Füger will Löbner jetzt die Tübinger Eltern dazu bringen, ihre Kinder öfter mal allein ins wilde Leben zu schicken. Nicht auf die hübsch angelegten Spielplätze mit ihren sorgsam abgerundeten Kanten, sondern auf unbebaute Nachbargrundstücke mit Dreckshaufen und alten Rohren, an Bachläufe und Tümpel, in den Wald mit seinen unzähligen Verstecken, mit Hügeln und Tälern. „Kinder brauchen Abenteuer“, ist Löbner überzeugt. „Sie müssen raus in die Natur, müssen Dummheiten machen können und auch mal was Verbotenes tun.“

Für viele heutige Eltern ist das schwer vorstellbar. Sie haben Angst, ihre Kinder könnten sich verletzen oder gar entführt werden. „Doch die realen Gefahren sind heute überhaupt nicht größer als früher. Im Gegenteil“, sagt Löbner.

Die Diplompädagogin weiß aber auch, dass die Eltern nicht so einfach bereit sind, ihre Kinder sich selbst zu überlassen. Trotzdem ist sie optimistisch, dass auch die ängstlichsten Eltern irgendwann begreifen, dass sie sich und ihren Kindern etwas Gutes tun, wenn sie die Zügel lockern und die Kinder einfach mal vor die Tür setzen. „Sie sollten sich mal fragen, was ihnen als Kind besonders viel Spaß gemacht hat.“ Nicht selten erinnern sich die Eltern dann mit leuchtenden Augen an ihre tollen Lager, an die Indianerspiele, die verbotenen Abenteuer, von denen die Eltern nichts mitbekommen durften: „Ein Vater hat mir mal erzählt, wie er früher mit seinen Freunden den teuren Sportwagen seines Vaters heimlich aus der Garage geholt und eine Runde gedreht hat. Der Vater hat nie was gemerkt, und der Sohn freut sich bis heute darüber.“

Kinder sollten auch mal was Verbotenes tun

Aber gibt es denn in nachverdichteten und innenentwickelten Städten wie Tübingen überhaupt noch Plätze, die ein bisschen nach Wildnis riechen? „Es gibt sogar noch sehr viele Plätze“, meint Albrecht Füger. Gerade in Tübingen und seiner näheren Umgebung fänden sich reichlich Wiesen und Wälder und – vom Ammerkanal über den Käsenbach bis zum Goldersbach – auch erstaunlich viele freie Fließgewässer. Kinder könnten solche Orte mit dem Fahrrad problemlos erreichen.

Füger kann sich gut vorstellen, dass die Stadt Tübingen der Wildnis auch mal etwas nachhilft und im Gelände ein bisschen Baumaterial „vergisst“. Dann haben die Kinder etwas zum Spielen. Allerdings: Ein offizieller Spielplatz darf daraus nicht entstehen. „Sobald da irgendwo ein Schild ,Städtischer Spielplatz‘ steht, sind wir in der Verkehrssicherungspflicht.“

Auf ins Abenteuer!
Albert Füger

Auf ins Abenteuer!
Ingrid Löbner

Viele Erwachsene erinnern sich noch gut an ihre Kinderjahre im Dorf oder in der Stadt. An rasante Schlittenfahrten, Bandenkriege, an verbotene Zigaretten und gefährliche Streiche. Und an Eltern, die ihre Kinder nach der Schule umgehend aus dem Haus schickten. Gemeinsam mit Albert Füger und Ingrid Löbner sucht das SCHWÄBISCHE TAGBLATT jetzt solche Geschichten. Wir wollen wissen, wo die Kinder früher im Landkreis gespielt haben und was sie gemacht haben. Wir freuen uns, wenn Sie uns Ihre Erinnerungen zuschicken oder mailen, gern auch mit Bildern. Die schönsten Geschichten werden veröffentlicht und mit einer Ausgabe des Buchs „Geheimnisse der Heimat“ belohnt. Wir freuen uns natürlich auch, wenn Sie uns Tipps schicken, wo die Kinder heute noch ein bisschen Wildnis zum Spielen finden. Unsere Adresse: Schwäbisches Tagblatt, Öffentlichkeitsarbeit, Uhlandstraße 2, 72072 Tübingen. E-Mail: redaktion@tagblatt.de

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23.07.2014, 12:00 Uhr

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