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Kommentar

Auf ins schmucke Kulturdenkmal!

Ein stark renovierungsbedürftiges Haus von 1572, langjährige Mieter, die ausziehen sollen, aber nicht wissen wohin: Der Zoff um die Haaggasse 27 zeigt exemplarisch, dass die Tübinger Altstadt einerseits Investoren für ihre historischen Schätze braucht – aber das teure Tübinger Pflaster andererseits ebenso dringend bezahlbaren Wohnraum etwa für Familien und Studenten.

19.07.2012

„Die Altstadt ist nicht einsturzgefährdet“, sagt Stadtplaner Uwe Wulfrath. Klar ist aber auch: „Es gibt einen großen Sanierungsbedarf.“ Wer dafür Kapital in die Hand nimmt, muss bei eingetragenen Kulturdenkmälern besondere Auflagen erfüllen. Hauskauf, Dach und Fach richten, Energie-Sanierung, Schall- und Brandschutz beachten kostet Geld, das sich private Investoren über die Miete wieder holen wollen. Dazu gehört auch eine maßvolle Rendite.

Die andere Seite der Medaille: Es gibt in Tübingen nicht nur leitende Angestellte und Ärzte, Beamte und Professoren. Sondern auch Krankenschwestern und Lagerarbeiter, Erzieherinnen, Busfahrer und Verkäuferinnen, die auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen sind. Und der wird immer knapper – auch deshalb, weil es immer mehr Menschen nach Tübingen zieht.

„Es gibt eine dramatische Veränderung bei den Wanderungsbewegungen“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut in Hannover. Das bedeutet: Junge Leute wollen nach wie vor rein in die Stadt – aber die Familien nicht mehr raus aufs Land, ins traute Eigenheim.

Das hat laut Günther mit real sinkenden (Einstiegs-)Gehältern und unsicheren Jobs zu tun, durch die das Bauen riskanter wird, aber auch mit den wachsenden Mobilitätskosten. Im Landkreis Tübingen, so errechnete Günther, werden 2017 rund 1150 Mietwohnungen fehlen – der größte Teil davon in der allseits begehrten Unistadt.

Tübingen verbuchte allein 2011 einen „Wanderungsgewinn“ (Zuzüge minus Wegzüge) von über 500 Personen. Das beinahe halb so große Rottenburg mit seinen 17 Dörfern kam gerade mal auf ein Plus von 62.

Wie ist der Konflikt ums Wohnen zu lösen? Ideen gibt es einige: neue Baugebiete wie Egeria. Gemeinschaftseigentum in Selbstverwaltung wie beim 4-Häuser-Projekt an der Hechinger Straße. Oder das Modell Wennfelder Garten, wo zwei Wohnungsgesellschaften alte Häuser abreißen und den bisherigen Bewohnern bei moderat erhöhten Mieten eine Rückkehrgarantie in den Neubau geben.

Vor allem aber müssen Bund und Land endlich den sozialen Wohnungsbau wieder ankurbeln: Mit Wohnberechtigungsschein ins sanierte Kulturdenkmal – das wär’ doch was!

Volker Rekittke

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19.07.2012, 12:00 Uhr

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