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Aufbauhilfe aus Portugal
Portugiesisch-deutsche Kooperation im Weinberg: Dirk Niepoort aus Porto (links) zeigt dem Mosel-Winzer Philipp Kettern aus Piesport den Weg an die Spitze. Foto: Bildquelle
Weinwirtschaft

Aufbauhilfe aus Portugal

Das älteste deutsche Anbaugebiet an der Mosel bemüht sich um ein besseres Image. Aber die Struktur begünstigt die Massenproduktion.

19.11.2016
  • HANS GEORG FRANK

Trier. Wenn Dirk Niepoort von einer Mission überzeugt ist, öffnet er seine Schatzkammer. Gäste können so gegen Mitternacht in den Genuss einer unvergesslichen Verkostung kommen, um das Potenzial exzellenter Portweine zu erleben. In seinem Haus in Porto öffnet Niepoort dann Flasche um Flasche. Zuletzt entkorkt er einen Portwein von 1863. Jetzt, vier Jahre später, hat Niepoort, 52 Jahre alt, einen Madeira aus dem Jahr 1880 an die Mosel mitgebracht. Der Qualitätsfanatiker möchte mit der flüssigen Kostbarkeit vorführen, welche Werte im ältesten deutschen Weinbaugebiet stecken.

Niepoort ist gleichsam als Entwicklungshelfer nach Piesport gekommen. Seine Erfahrung geht auf einen Ahnen zurück, der 1842 in Portugal jenen Betrieb gründete, der zu einem der führenden Portweinproduzenten aufstieg. Nachfahre Dirk hat nicht nur den Port verbessert, er hat sich auch weltweites Ansehen erarbeitet mit Weinen wie dem „Fabelhaft“, den das Fachmagazin „Weinwirtschaft“ in die Kategorie „Oft kopiert, aber selten erreicht“ einordnete und zum „Rotwein des Jahres 2016“ ausrief. Was in Portugal möglich ist, das möchtean der Mosel wiederholen.

Die Rebgärten entlang des Flusses waren wohl die ersten in Germanien. Schon die Römer vor 2000 Jahren kultivierten dort ihren Trunk für die Legionäre. Moselweine erfreuen sich heutzutage auch weltweit größter Bekanntheit. Doch die Qualität vieler „Goldtröpfchen“, so heißt die Lage in Piesport, steht in starkem Widerspruch zur Popularität. Von der Mosel kommen viel zu viele Billigweine in die Regale der Discounter, als dass sich ein flächendeckendes Top-Image hätte entwickeln können. 50 Prozent der Weine kaufen Kellereien fassweise, die Winzer müssen immer wieder Konditionen aushandeln. Um viel zu kassieren, produzieren sie Masse statt Klasse.

Auch aus einem Schrumpfungsprozess sind die Mengenerzeuger nicht klug geworden. Das Anbaugebiet erstreckte sich vor der Krise über mehr als 12 000 Hektar, war damit größer als Württemberg (11 200 ha). Weil viele Winzer aufgeben mussten, blieben nur rund 8800 Hektar übrig. Viele Traubenkultivierer möchten auf drei Hochzeiten tanzen. Sie sind zwar Mitglieder einer Genossenschaft, liefern aber nicht alle Trauben ab, wie dies in Württemberg vorgeschrieben ist. Außerdem verkaufen sie einen Teil an die Kellereien, der Rest ist für den Selbstverkauf.

40 Prozent der Moselregion bestehen aus Steillagen, deren Bewirtschaftung mühselig und teuer ist. Oft sind die Erlöse für den Traubenmost geringer als die Gestehungskosten. Deshalb wird auf die Plackerei am Hang als erstes verzichtet. Dass dennoch nicht Buschwerk die Szenerie bestimmt, ist jungen Idealisten zu verdanken, die ihrer Heimat zu dem Ansehen verhelfen wollen, das sie ihrer Ansicht nach verdient hat. Dazu gehören die „Moseljünger“. Sie wollen mit exquisiten Weinen und zeitgemäßen Auftritten „das Image entstauben“, sagt Gutsbesitzer Axel Pauly aus Lieser. Seine Gruppe – keiner darf älter als 40 sein – organisiert in Trier alljährlich „Rhythm & Wine“ und am Wochenende nach Pfingsten „Mythos Mosel“, an dem sich 100 Güter an 25 Schauplätzen beteiligen. Die 3000 Besucher zählen zu den anspruchsvollen Multiplikatoren, deren Urteil Gewicht hat. Exkursionen in die Steillagen stehen ebenso auf dem Programm wie kulinarische Arrangements. „Wir wollen den Kunden näher bringen, wie viel Arbeit drinsteckt – dann fragen sie gar nicht mehr nach dem Preis“, sagt Verena Clüsserath aus Trittenheim.

Der neue Spirit

Die „Jünger“ sind überzeugt von ihrem Erfolg: „Das ist der neue Mosel-Spirit.“ Doch Dirk Niepoort, der Entwicklungshelfer aus Portugal, mag das hohe Lied auf die neue Qualität von der Mosel noch nicht anstimmen. Durch Zufall kam er nach Piesport, nachdem er im Urlaub den eigenwilligen Winzer Philipp Kettern (31) kennengelernt hatte. Der Typ war offenbar in Ordnung, nur sein Riesling wollte Niepoort gar nicht schmecken. „Weine werden heute viel zu schnell auf den Markt gebracht“, sagt er, der „geradlinige, puristische Weine, keine kitschig-fruchtigen“ bevorzugt. Dazu bedürfe es nicht sonnigster Lage und ausgereizter Reife am Stock. Niepoort und Kettern fanden einen gemeinsamen Nenner, gründeten eine Firma namens „Fio“, dem portugiesischen Wort für Faden. 2011 starteten sie ihr Joint Venture mit 6 Hektar, jetzt haben sie 10 Hektar, streben das Doppelte an. Alles Steillagen.

Der Fio sei „eindeutig ein anderer Mosel als die anderen“, glaubt Dirk Niepoort. Und trotzdem sei er typisch für die Region, dank „der Stilistik wie früher“. Die Rieslinge reifen in Holzfässern, werden nicht mit Reinzuchthefen traktiert, bleiben zwei Jahre in der Flasche, ehe sie für rund 25 Euro auf den Markt kommen.

Wohin der Weg für Niepoort in Piesport führt, macht er mit dem Madeira von 1880 deutlich. „Diese Säure, Langlebigkeit, Finesse und Eleganz kann auch ein Moselwein erreichen.“ Die alteingesessenen Winzer haben sich mit der sonst für den Berufsstand typischen Spontan-Ablehnung zurückgehalten. „Man erhofft sich viel von mir“, vermutet Niepoort. Er soll neue Märkte erschließen – mit lukrativen Preisen.

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19.11.2016, 06:00 Uhr

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